Zeitung Heute : Am liebsten im Paket – Investoren scharf auf Kliniken

Der Tagesspiegel

Von Ingo Bach

Private Investoren machen Jagd auf Berlins Krankenhäuser. Offenbar gibt es nicht nur Interessenten für das Universitätsklinikum Benjamin Franklin, auf der Wunschliste steht nun sogar die gesamte Vivantes-Gruppe, in der zehn ehemals städtische Krankenhäuser zusammengefasst sind. Es gibt einen regelrechten Wettlauf um die besten Ausgangsposition. Die Interessenten bieten Kaufgespräche an – und stoßen beim Senat auf offene Türen.

So unterbreitete die Klinikgruppe „Asklepios“ aus Königstein-Falkenstein vor zwei Wochen ein schriftliches Gesprächsangebot, um über Uniklinikum und Vivantes zu verhandeln. Andere Interessenten haben sogar schon einen Termin. In der nächsten Woche nehmen Vertreter der Rhön-Klinikums-AG in der Senatskanzlei Platz, um ein Angebot zu unterbreiten. Auch hierbei soll es nach Tagesspiegel-Informationen neben dem Uniklinikum um eine „große Lösung“ für die Vivantes-Gruppe gehen, wonach alle Häuser im Paket verkauft werden könnten.

Im Senat kann man sich allerdings auch den Verkauf einzelner Häuser vorstellen. Dabei wird immer wieder das Wilhelm-Griesinger-Krankenhaus in Hellersdorf genannt, zu dem auch die Klinik Kaulsdorf gehört. Gerade in Kaulsdorf sieht die Lage besonders trostlos aus. Die Baracken stammen noch aus der NS-Zeit. „Das kann man nur noch abreißen“, sagen Insider.

Die Rhön-Kliniken haben dafür schon fertige Pläne: Man wolle beide Standorte im „Griesinger“ zusammenführen, die alten Gebäude abreißen und für 80 Millionen Euro ein neues Haus errichten, sagt der stellvertretende Vorstandsvorsitzende Joachim Manz. Die Freigiebigkeit hat ihren Grund, denn das abrissreife Haus ist eines von sehr wenigen Krankenversorgern in diesem klinikarmen aber dichtbesiedelten Gebiet von Berlin. Das heißt, im Gegensatz zu den Innenstadtbezirken gibt es nur wenig Konkurrenz um die Patienten. Deshalb will auch Vivantes das Haus nur ungern aufgeben – doch für die Sanierung fehlt der Gesellschaft das Geld.

Daran fehle es der gemeinnützigen GmbH jedoch schon seit der Gründung 2001, sagen Kenner der Materie: Berlin habe die GmbH mit zu wenig Eigenkapital ausgestattet. An diesem Geburtsfehler krankt Vivantes noch heute – und wird dadurch zu einer anfälligen Beute für Investoren. Vivantes-Chef Wolfgang Schäfer kann den Schuldenberg von 230 Millionen Euro, den die Krankenhäuser in Vivantes einbrachten, nur langsam abtragen. Und die Krankenhausgesellschaft fährt jedes Jahr neue Verluste ein, allerdings mit abnehmender Tendenz. In diesem Jahr dürften es weitere elf Millionen Euro sein.

Experten halten den Sanierungsplan des Vivantes-Chefs zwar für realistisch, das Defizit ab 2003 auf Null zu senken und ab 2004 sogar Gewinne einzufahren. Doch – und das ist der Haken – dafür braucht es weiter die finanzielle Unterstützung Berlins. Aber von dort ist nichts zu erwarten. Für die Sanierung der Krankenhäuser steht kein Geld im Landeshaushalt zur Verfügung. „Berlin hat nicht den langen Atem, um die Gesundung von Vivantes durchzuhalten“, schlussfolgern Fachleute. Also besser ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende?

Doch geht es bei Vivantes nicht nur um die pekuniäre Sicht. Denn derjenige, der Vivantes besitzt, beherrscht damit rund ein Drittel des Berliner Klinikmarktes – und kann dadurch ein gewichtiges Wort beim neuen Krankenhausplan mitreden, den der Senat bis Ende des Jahres vorlegen will. Ein möglicher Vorteil für Investoren.

Bei Vivantes will man den Bewerberwettstreit nicht kommentieren. „Der Auftrag, ein Privatisierungskonzept zu prüfen, ist ja gerade erst an uns gegangen“, sagt Vivantes-Sprecherin Fina Geschonneck. Da sei noch alles offen – wie beim Universitätsklinikum Benjamin Franklin, dessen Privatisierung seit Wochen im Gespräch ist. Hintergrund: Der Senat will die 98 Millionen Euro, die jährlich für Forschung und Lehre an das FU-Klinikum fließen, einsparen und das Benjamin Franklin zu einem Regionalkrankenhaus abstufen. Allein der Wert der Grundstücke und Gebäude beläuft sich mindestens auf 160 Millionen Euro, so der Verwaltungsdirektor des Klinikums, Peter Zschernack. Außerdem sind in nächster Zeit Sanierungsinvestitionen von 100 Millionen Euro nötig.

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