Zeitung Heute : Am Ludwigkirchplatz sind die Wilmersdorfer Nächtelang

Cay Dobberke

Tagsüber ist der Wilmersdorfer Ludwigkirchplatz eine Oase der Ruhe in der City: Bei schönem Wetter sitzen Erholungssuchende auf Parkbänken zwischen Bäumen, Beeten und dem Brunnen, der bis vor wenigen Tagen sprudelte. Eltern zieht es mit ihren Kindern auf den Spielplatz, während die Gottesdienste in der Kirche auch von vielen Touristen besucht werden. Optisch prägt der 70-Meter-Turm der Backsteinkirche die Gegend. St. Ludwig, seit 1986 von Franziskanern geführt, ist die zweitgrößte katholische Gemeinde Berlins mit rund 10000 Mitgliedern.

Abends ist es mit der Ruhe im Kiez vorbei: Dutzende Bars, Cafés und Restaurants locken vor allem junge Leute an. Viele kommen aus anderen Bezirken hierher oder sind Berlin-Besucher aus aller Welt. Denn auf ein junges Publikum haben sich auch Hotels und Pensionen in der Gegend spezialisiert.

Direkt am Platz liegt das große American Diner „Route 66“, in dem Hamburger und Nachos zwischen 50er-Jahre-Devotionalien aus den USA serviert werden. Das Vorbild, „Jimmy’s Diner“, besteht seit 1987 an der Ecke Sächsische und Pariser Straße. Es bahnte den Weg für weitere Kneipen zwischen Ludwigkirch- und Olivaer Platz. Ein anderes Traditionslokal, das Café Solo in der Pariser Straße, gehört seit 2004 einer Familie, welche die Räume vor kurzem nach Plänen des erst 21-jährigen Sohnes umgestaltete. Es entstand eine Mischung aus Cocktailbar, lateinamerikanischem Club und mediterranem Café. „Die Straße wird wieder belebter“, finden die „Solo“-Wirte.

Fast alle Welt ist kulinarisch in den vielen Restaurants vertreten: Das Spektrum reicht vom Ägypter bis zum Vietnamesen. Das 87 Jahre alte „Kuchel-Eck“ in der Ludwigkirchstraße bietet dagegen Ur-Berliner Kneipenatmosphäre. Als Studentenkneipe bekannt wurde das Café Menta in der Emser Straße. Nachtschwärmer können zwischen einem Dutzend Cocktailbars wählen; die gewölbeartige „Weiße Maus“ etwa liegt gleich neben der Kirche.

Die Gemeinde St. Ludwig betreibt auch eine Kita, einen Hort, eine Grundschule und den Eine-Welt-Laden „A Janela“ in der Emser Straße. Dort verkaufen 20 ehrenamtliche Helfer seit 1999 fair gehandelte Waren wie Kaffee, Schokolade und Kunsthandwerk. „Anfangs mussten wir vieles lernen“, sagt Projektleiterin Judith Siller. Nun aber „läuft es gut“. Die Gemeinde müsse kein Geld zuschießen, außer mitunter für Renovierungen.

Die Geschäftswelt ist äußerst vielseitig. „Hier gibt es das Kleine und Besondere“, sagt der Charlottenburg-Wilmersdorfer Wirtschaftsstadtrat Bernhard Skrodzki (FDP). Nur zwei Filialisten haben sich in der Nähe des Platzes angesiedelt. Es dominieren inhabergeführte Betriebe – darunter Antiquitätenläden, Boutiquen von Modedesignerinnen wie Anna von Griesheim und Gesine Wessels und einige Kunstgalerien. Nur die „Galerie Janssen“ ist kein Ausstellungsort, sondern ein 30 Jahre alter Buch- und Erotikladen für Homosexuelle.

„Mit Laufkundschaft ist es hier etwas schwierig“, sagt Mitinhaber Claus Matthias Behm vom Antiquitätengeschäft „Arts & Decoratives“ in der Pariser Straße. Er hat aber auch einen Stand auf dem Kunstmarkt an der Straße des 17. Juni und kann Kunden oft von dort in den Laden lotsen.

In der Pfalzburger Straße handelt ein Laden seit 21 Jahren mit Jugendstil- und Art-Déco-Lampen; in die Emser Straße zog vor kurzem eine anthroposophische Buchhandlung, und in der Pariser Straße gibt es einen Wasserbetten-Spezialisten. „Zigarren Herzog“ in der Ludwigkirchstraße lockt mit großer Auswahl, einem begehbaren Humidor und einem Raucherzimmer.

Eine weitere Rarität ist das „Orgelzentrum Berlin“ in der Pariser Straße. Laut Inhaber Dirk Flügge gibt es nur zwei vergleichbare Geschäfte in Deutschland. Eine Kirche in Hof hat gerade die große manuelle Orgel im Laden gekauft. Eine der elektronischen Orgeln leiht Flügge bald dem Berliner Dom; sie ersetzt einige Monate lang die Domorgel, die gereinigt werden muss.

Nebenan liegt das Floristik- und Einrichtungsgeschäft „Humpert & Suden“. Außer Blumen bietet es Designermöbel, Accessoires und Spezial-Konfekt. Vom Potsdamer Platz, wo die Firma eine zweite Filiale hat, unterscheide sich der Kiez stark, sagt Mitinhaber Sascha Suden. „Hier fühlt man sich gar nicht wie in der Großstadt.“ Der Umsatz reiche aber aus.

Unzufrieden ist Juliane Behnfeldt, die in der Emser Straße zwei Sportläden für Ski- und Snowboardfahrer hat: „Viele Leute kaufen lieber in Shoppingcentern.“ Sie müsse daher spezielle Artikel anbieten, was „höheren Aufwand und weniger Gewinn“ bedeute. Zudem werde der Umsatz durch einige Sportgeschäfte in der Nachbarschaft geschmälert. Die Betreiber des Sportmodeladens „Gleitzeit“ in der Pariser Straße sprechen von „wechselhaften“ Umsätzen. Ihr Geschäft profitiere aber vom bekannten Standort, denn die Räume dienen seit langem wechselnden Sportgeschäften.

Der früheren Disko „Madow“ in der Pariser Straße trauern viele Anwohner und Händler nicht nach: Oft hätten Gäste gelärmt, Alkohol auf der Straße getrunken oder Drogen konsumiert, heißt es. Nun öffnete an gleicher Stelle ein Restaurant mit Tanzfläche. Doch statt Disko gibt es Latinoklänge und Musik „jenseits des Mainstreams“ für ein älteres Publikum.

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