Zeitung Heute : "Am meisten fehlt mir das Reiten"

Mister Reeve[wo kann ich das Aufnahmegerät h]

In der Rolle des "Superman" wurde er berühmt. Am 27. Mai 1995 stürzte Christopher Reeve, heute 49, bei einem Reitunfall jedoch so schwer, dass er seitdem vom ersten Halswirbel an gelähmt ist. Er sitzt in einem computerbetriebenen Rollstuhl, den er nur mit dem Mund steuert. Seit dem Unfall setzt er sich vehement für die Stammzellenforschung ein - und arbeitet weiterhin als Schauspieler. 1997 gab er mit "In the Gloaming" mit Glenn Close und Whoopi Goldberg sein Regiedebüt.

Mister Reeve, wo kann ich das Aufnahmegerät hinlegen?

Legen Sie es einfach auf mein Bein.

Reeve beobachtet belustigt die unsichere Hand der Interviewerin, die das Gerät auf seine ziemlich muskulösen Oberschenkel im Rollstuhl legt.

Sie sehen recht durchtrainiert aus.

Ja, ich trainiere auch jeden Tag, fahre dreimal in der Woche Fahrrad und schwimme regelmäßig...

wie bitte?

Ich bekomme Elektroden an meine Beine geklebt, die meine Muskeln stimulieren, so dass ich, ohne es selbst zu spüren, trete.

Wie funktioniert das?

Mein Körper liegt dabei auf einer speziellen Halterung. Ich fahre etwa eine Stunde, nonstop, das macht zehn Meilen. Und einmal in der Woche gehe ich in ein Schwimmbad. In der Schwerelosigkeit kann ich meine Arme und Beine ganz gut bewegen. Das ist ziemlich wichtig für meine Psyche, denn im Rollstuhl wird man leicht depressiv.

In Ihrem Buch "Still Me" schreiben Sie, dass Sie ursprünglich allergisch gegen Pferde waren. Wird man da nicht abergläubisch?

Stimmt, das könnte man fast werden. Als Kind hatte ich unglaublich viele Allergien. Katzen, Pferde, Staub, Pflanzen. Der einzige Grund, warum ich mit dem Reiten angefangen habe, war eine Rolle in dem Film "Anna Karenina". Ich habe einen Kavallerie Offizier gespielt, und ich wusste, dass sie ein paar Reit-Bilder von mir brauchten. Zuerst musste ich noch Medikamente gegen die Allergie nehmen, aber nach einiger Zeit habe ich gemerkt, dass es auch ohne ging.

Ist es Ihnen nicht unangenehm, heute übers Reiten zu reden?

Der Unfall ist nun sechseinhalb Jahre her, und es macht absolut keinen Sinn, sich jeden Tag wieder vorzustellen, dass ich an diesem Tag im Mai an einem anderen Ort gewesen sein könnte. Oder sich die Frage zu stellen, was habe ich falsch gemacht, dass mein Pferd am Zaun gestoppt hat. Bevor ich an diesem Tag gestürzt bin, war ich über ein Jahr nicht mehr vom Pferd gefallen. Warum gerade an diesem Tag? Ich habe keine Ahnung. Es wäre absolute Zeitverschwendung, sich heute noch solche Gedanken zu machen. In den ersten sechs Monaten nach dem Unfall gehört das dazu. Aber um im Leben weiterzukommen, muss man die Vergangenheit loslassen. Ansonsten fühlt sich das Leben an, als ziehe man einen sehr schweren Stein hinter sich her. Das ist zu mühsam, und es macht einen unglaublich langsam und unbeweglich.

Was ist mit dem Pferd passiert, mit dem Sie den Unfall hatten?

Ich habe es verkauft. An eine junge Frau, die nördlich von Boston lebt. Einige meiner Freunde hier haben erzählt, dass sie die beiden bei Turnieren haben reiten sehen, und dass sie ein gutes Team sind.

Die Pflegerin von Mister Reeve kommt ins Zimmer und gibt ihm etwas Wasser. "Wollen Sie vielleicht einen Tee?", fragt sie die Interviewerin. Reeve grinst und fragt:

Oder soll ich Ihnen ein Becks holen? Gelächter.

Man sagt, Menschen, die einen schweren Unfall hatten, werden danach oft ernster. Bei Ihnen scheint das ja nicht der Fall zu sein.

Wenn das so wäre, dann müsste ich sogar doppelt so ernst sein. Mein Unfall war im Mai 1995, und im Juli bin ich dann beinahe noch einmal gestorben. Ich habe damals ein experimentelles Medikament, Sygen, ausprobiert, das in den USA nicht zugelassen war und das wir aus Italien bestellt hatten.

Hatten Sie keine Angst?

Ich hätte damals alles genommen, was Besserung versprochen hätte. Am Nachmittag des 5. Juli bekam ich die erste Spritze. Aber als ich am Abend im Bett lag, merkte ich plötzlich, wie sich meine Lungen zusammenschnürten. Ich begann nach Luft zu schnappen, aber irgendwann kriegte ich fast keinen Atem mehr. Dann kamen Ärzte herbeigerannt, erhöhten meine Sauerstoffzufuhr, aber mein Blutdruck fiel auf 40 zu 20, und ich bekam immer noch keine Luft. Ich japste und rang nach Atem. Und dann merkte ich, wie ich aufhörte zu kämpfen, wie alles ganz leise um mich wurde. Und plötzlich sah ich mich selbst vor mir liegen. Von oben schaute ich auf diese Gruppe: die Ärzte, die Spritzen, mittendrin ich. Aber die Ärzte haben es geschafft und haben mich wieder zurückgebracht. Die Luft begann wieder zu fließen, ich konnte wieder atmen. Ich weiß nicht, ob ich dadurch ernsthafter geworden bin, aber ich verschwende nicht mehr so viel Zeit mit nebensächlichen Dingen. Ich treffe keine Leute mehr, die mich nicht wirklich interessieren. In der Vergangenheit habe ich manchmal Jobs als Schauspieler angenommen, die nicht so sonderlich toll waren. Wenn ich jetzt eine Rolle übernehme oder Regie in einem Film oder Werbespot führe, dann muss es schon etwas sein, das mir wirklich am Herzen liegt.

Und früher?

Mensch, wie viel Zeit ich früher zum Beispiel auf mein Reittraining verwendet habe. Um erfolgreich zu sein, habe ich jeden Tag außer Montag drei bis vier Stunden trainiert. 1994 war ich dann auch Dritter in den New England Championships. Was hätte ich alles Sinnvolles mit dieser Zeit anfangen können! Aber ich bin eben kein Dilettant. Ich versuche immer der Beste zu sein.

In Ihren Träumen, wie sehen Sie sich da?

Das ist ziemlich erstaunlich, denn ich hatte noch keinen einzigen Traum, in dem ich im Rollstuhl sitze. Ich stehe immer auf meinen Beinen und bin sehr aktiv. Ich glaube, das ist ein sehr gesundes Zeichen, weil es bedeutet, dass ich nicht aufgegeben habe. Ich glaube fest daran, dass die Zeit im Rollstuhl nur ein Kapitel meines Lebens sein wird und nicht das ganze Buch.

Im Sommer letzten Jahres wurde bei Ihnen Hautkrebs festgestellt. Kurz danach haben Sie sich, als Ihnen ein Freund in den Rollstuhl half, auch noch den Oberschenkel gebrochen. Woher kommt Ihr Lebensmut?

Durch die Hoffnung auf eine Therapie. Es macht einen enormen Unterschied, zu wissen, dass es bald Möglichkeiten gibt, um mich zu heilen. Wenn mir das alles 1970 passiert wäre, dann wäre es verdammt schwer gewesen, die nötige Willenskraft zu entwickeln, um weiterzuleben. Die Situation wäre so hoffnungslos gewesen. Aber 1995 hat man schon in neuen Kategorien gedacht. Und als man mit Experimenten an querschnittsgelähmten Ratten begann, hat mir das ziemlich viel Hoffnung gemacht. Ab und zu kamen sogar Wissenschaftler bei mir vorbei und zeigten mir Videoaufzeichnungen von ihrer Arbeit. Ich bin 1996 selbst in das Labor gefahren, um mir die Ratten anzusehen. Und da waren wirklich ehemals querschnittsgelähmte Ratten, die nach der Injektion von Schweinestammzellen wieder laufen und schwimmen konnten.

Und da haben Sie sich auch laufen gesehen?

Natürlich. Aber nach der ersten Euphorie fängt man natürlich an zu realisieren, wie weit der Weg von einer Ratten zu einem Menschen ist. Obwohl einige Wissenschaftler ja glauben, dass man die Behandlung an Ratten genauso auch an Menschen durchführen kann. Aber die "Food and Drug Administration" hier ...

die FDA ist die Gesundheitsbehörde der USA ...

ist da sehr streng. Es dauert lange, bis sie einem Versuch am Menschen zustimmen.

Würden Sie denn eine Behandlung versuchen, die zuvor nur an Ratten getestet wurde?

Nicht direkt. Aber es gibt drei Phasen im klinischen Versuch am Menschen. In der ersten Phase wird die Behandlung an einer kleinen Gruppe von 20 Leuten oder weniger getestet. Diese Phase soll die Sicherheit der Behandlung zeigen. Wenn man also niemanden umbringt und die Gesundheit von niemandem verschlechtert, dann ist das eine erfolgreiche Phase Eins. In der zweiten Phase muss man der FDA zeigen, dass die Behandlung auch an einer größeren Zahl Menschen funktioniert. In der Regel muss das in zwei voneinander unabhängigen Labors gemacht werden. In der dritten Phase wird die Zahl auf 300 Patienten gesteigert. Ich würde in Phase Zwei mitmachen.

Keine Angst vor dem Tod?

Natürlich kann es Fehlschläge geben, aber das darf uns nicht entmutigen. Ich glaube, dass sowohl die Wissenschaftler als auch die Patienten eine Verpflichtung haben. Die Rückenmarkspatienten müssen sich bemühen, einen stabilen Kreislauf aufrechtzuerhalten. Ihre Haut muss gut durchblutet sein, und die Knochen müssen fest und stabil sein, um als Testperson geeignet zu sein. Das schafft man nur, wenn man sich fit hält und Gymnastik macht. Wenn das nicht gewährleistet ist, gibt es keine therapeutische Hilfe.

Die Pflegerin kommt wieder rein. Sie reicht Reeve noch mal Wasser. Danach greift sie nach einem Schlauch, der an Reeves Unterschenkel klebt, und entleert seine Blase.

Schimpft Ihre Familie manchmal, dass Sie bereit sind, solche Risiken in der Behandlung einzugehen?

Nein, überhaupt nicht. Ich gehe ja keine Risiken ein. Ich würde ja erst in Phase Zwei in die Studie einsteigen. Ich kann leider noch nicht über Details sprechen, aber es gibt Forscher in den USA, die im Moment klinische Studien in der Phase Eins am Rückenmarkspatienten durchführen. Sie öffnen das Rückenmark und injizieren Stammzellen von Schweinen. Bis jetzt haben sie es an sechs Menschen ausprobiert, und es gab bei keiner Person eine Abwehrreaktion. Bei allen hat sich der Zustand verbessert. Die Leute können zwar noch nicht rumlaufen, aber sie können wieder besser fühlen und Körperfunktionen selbst ausüben. Wie zum Beispiel atmen.

Sie haben gegen die Bush-Regierung geklagt, weil sie die Stammzellenforschung behindert. Dabei gelten die USA in dieser Sache im Vergleich zum Beispiel zu Deutschland eher als liberal.

Liberal auf dem privaten Sektor. Aber öffentliche Förderung gibt es nicht. 1993 hatte der Kongress öffentlichen Geldern für die Forschung an abgetriebenen Embryonen zugestimmt. Logischerweise hätte es dann auch öffentliche Gelder für die Forschung an Stammzellen geben müssen, die aus überzähligen künstlich befruchteten Eizellen gewonnen werden. Aber das war nicht der Fall. Es gibt 400 Befruchtungskliniken in den USA, und jede davon muss vom Staat eine Lizenz erhalten. Die Gegner der Stammzellenforschung argumentieren nun, dass es unethisch wäre, künstlich befruchtete Embryonen zur Forschung zu benutzen. Dabei geht es hier um Embryonen, die niemals Menschen werden würden, weil sie vernichtet und in den Müll geworfen werden.

Sie haben da keine ethischen Bedenken?

Wenn das Leben tatsächlich im Moment der Befruchtung beginnt, dann werden in den Befruchtungskliniken täglich staatlich sanktionierte Morde begangen. In meinen Augen ist das absurd. Aber künstliche Befruchtung ist Big Business. Allein der erste Versuch, schwanger zu werden, kostet 25 000 Dollar. Und mittlerweile besucht jedes sechste Paar in den USA eine solche Klinik.

Glauben Sie, dass Ihre Klage Bush in seiner Entscheidung, die Stammzellenforschung begrenzt öffentlich zu fördern, beeinflusst hat?

Ich denke schon. Als Bush am 8. August im Fernsehen seine Entscheidung bekannt gab, war es das erste Mal, dass er eine politische Entscheidung öffentlich vor allen Amerikanern im Fernsehen erklärt hat. Seine Mitarbeiter haben uns damals gesagt, der Grund dafür sei die Klage gewesen.

Sind Sie zufrieden mit seiner Entscheidung, Forschung an 60 existierenden Stammzellenlinien zu fördern, nicht aber die Herstellung neuer Linien?

Nein. Bush hat eine politische Entscheidung getroffen, eine, die die christliche Rechte nicht gegen ihn aufbringt, denn er weiß, ohne sie wird er nicht noch einmal gewählt. Er hat die Tür zwar ein bisschen geöffnet, aber 60 Linien sind einfach zu wenig. Abgesehen davon sind wahrscheinlich einige dieser Linien qualitativ schlecht, so dass sie sich zwar zur Forschung eignen, nicht aber zur Therapie. Mit der Zeit wird sich diese Tür weiter öffnen. Allein schon, weil Länder wie England, Schweden oder Australien viel liberaler im Umgang mit Stammzellen sind. Viele dieser Länder haben sogar schon das therapeutische Klonen erlaubt, ein sehr wichtiger Aspekt einer möglichen Therapie.

Sie haben das Reeve-Irvine-Research-Center an der Universität von California gegründet. Dort wird an einer Therapie für Rückenmarksverletzungen gearbeitet. Haben Sie auch schon Stammzellen gekauft?

Ja, wir haben eine Stammzellenlinie für 270 000 Dollar von der Pharmafirma Geron gekauft, und die Experimente sollen noch vor Weihnachten beginnen. Wir haben privates Geld dazu verwendet, denn ich möchte nicht dafür kritisiert werden, dass ich nur meckere.

Sie wirken ungeduldig.

Ich habe einen unserer Forscher gefragt, was wäre passiert, wenn die Regierung kurz nach der Entdeckung der Stammzellen 1998 diese Forschung ganz konsequent unterstützt hätte. "Dann wären wir jetzt wahrscheinlich so weit, dass wir klinische Studien am Menschen durchführen würden", hat er geantwortet. Das zu hören, ist schon sehr schmerzhaft.

Sie glauben ihm?

Natürlich.

Und was halten Sie vom Klonen?

Das Klonen von Menschen oder Manipulation am Erbgut muss verboten bleiben. Damit therapeutisches Klonen dafür nicht missbraucht wird, muss es natürlich sorgfältig reguliert werden.

Das Argument der anderen Seite ist doch, wenn wir erst einmal das therapeutische Klonen erlauben, dann ist es nur ein kurzer und schwer zu kontrollierender Weg zum richtigen Klonen.

Das glaube ich nicht. Das ist das Gleiche wie mit der Atomkraft. Diese Technologie zu besitzen, ist sehr gefährlich, und dennoch ist es möglich, sie mit genügend Regulierungen zu kontrollieren.

Was denken Sie über die Ankündigung der Ärzte Antinori und Zavros vor einigen Monaten in Washington, den ersten Menschen noch in diesem Jahr zu klonen?

Davon habe ich nichts mitbekommen. Aber wenn das stimmt, dann hoffe ich, dass man sie stoppen wird. Das Klonen von Menschen sollte nicht erlaubt sein.

Sie haben einmal gesagt, Sie hätten gerne noch ein Kind. Durch Insemination oder künstliche Befruchtung wäre es möglich. Würden Sie den künstlich befruchteten Embryo auf Genschäden untersuchen lassen? In den USA ist PID im Gegensatz zu Deutschland ja erlaubt.

Stimmt, ich habe mit meiner Frau Dana darüber gesprochen, noch ein Kind zu haben. Aber ich muss sagen, ich wäre unglaublich traurig, wenn ich dieses Kind nicht einmal in den Armen halten könnte. Ich habe drei Kinder. Bei jedem habe ich die Windeln gewechselt, sie gebadet und ihnen beigebracht, wie man Fahrrad fährt. Auf diese körperliche Nähe verzichten zu müssen, würde mich sehr mitnehmen.

Und wenn Sie wieder gesund wären?

Auch dann nicht. Alle meine Kinder sind natürlich zur Welt gekommen, und alle drei sind einzigartig und wundervoll. Ich wollte nichts an ihnen in irgendeiner Weise künstlich verändert wissen.

Reeve ruft nach seiner Pflegerin. Sie soll ihm die Schiene, an der sein Kopf lehnt, etwas gerade rücken.

Glauben Sie, dass durch die Hoffnung, durch Gen-Analysen in Zukunft viele Krankheiten vermeiden zu können, die Akzeptanz für behinderte Menschen sinkt?

Nein, im Gegenteil. Ich glaube, die Menschen begreifen immer mehr, dass Leute mit Behinderungen nicht vom Alltag ausgeschlossen werden dürfen. Daher war es von Anfang an mein Ziel, viel auszugehen, raus aus den eigenen vier Wänden! In Museen, in Restaurants oder ins Kino. Denn die Leute müssen sich an Menschen im Rollstuhl gewöhnen und dürfen keine Angst vor ihnen haben.

Und wie reagieren die Leute auf Sie?

Oft stellen sich die Menschen neben mich.

Und Sie können sie nicht sehen, weil Sie Ihren Kopf nicht bewegen können.

Ja. Manche trauen sich wohl nicht, mich anzugucken. Ich sage immer, kommen Sie doch herum, dahin, wo ich Sie auch sehen kann! Sie sollen keine Angst vor mir haben. Mich kosten diese Unternehmungen zwar oft Überwindung, ganz besonders im Winter, wenn es kalt ist. Dieser ganze Aufwand! Aber es tut mir gut, unter Leuten zu sein.

Sie haben die Hauptrolle in der Neuverfilmung von Hitchcocks "Das Fenster zum Hof" gespielt. Die Rolle eines Reporters, der im Original nach einem Beinbruch im Rollstuhl sitzt und einen Mord beobachtet. Im Remake ist der Mann querschnittsgelähmt, kann aber mit Hilfe modernster Technik selbstständig in seiner Wohnung leben. Waren Sie aufgeregt vor ihrem ersten Arbeitstag nach dem Unfall?

Überhaupt nicht. Ich war ja auch Produzent des Filmes, und daher wollte ich nur, dass die ganze Crew sieht, dass ich sehr hart arbeiten würde - und dass man mit mir wie mit jedem anderen umgehen kann. Ich war immer der Erste am Set. Und wenn eine Szene neu ausgeleuchtet werden musste, weil wir die Kameraposition veränderten, bin ich am Set geblieben, anstatt ein Double den Job machen zu lassen, so wie ich es früher gemacht hätte.

Ist es schwierig, eine Balance zu finden zwischen dem Anspruch, ganz normal behandelt zu werden, und der besonderen Pflege, die Sie nun einmal 24 Stunden um sich haben müssen?

Nein, denn die meisten Leute nehmen ja nicht wahr, was hinter der Bühne passiert. Ich brauche ungefähr drei bis vier Stunden, um aufzustehen und zwei Stunden, um abends wieder ins Bett zu gehen. Es dauert einfach so lange, bis ich gewaschen und angezogen bin. Das kriegt keiner mit, Gott sei Dank, und deshalb hat mich am Set auch keiner vorsichtiger behandelt, und mich hat auch nie jemand gefragt, ob ich vielleicht eine Pause brauche oder so. Ich wurde als Mann und nicht als Baby behandelt.

Wie sieht denn ein normaler Christopher-Reeve-Tag aus?

Wenn ich keinen Film drehe oder auf Reisen bin, beginnt mein Tag um acht Uhr morgens. Ich sage Tschüss zu meinem Sohn Will, der um diese Zeit zur Schule geht. Dann beginnen wir damit, meinen Rücken in eine aufrechte Position zu bringen. Mein Pfleger nimmt meine Arme und Beine, dehnt sie und hält sie hoch, weil sie ja den ganzen Tag nach unten hängen. Dann beginnt mein Training. Sie wissen schon, Fahrrad fahren, Schwimmen... Manchmal werde ich auch auf einen speziellen Tisch gelegt und festgeschnallt. Der Tisch kann bis in die Vertikale hochgekurbelt werden, so dass ich quasi aufrecht stehe und dabei mein ganzes Körpergewicht trage. Das ist großartig, es ist toll, mal wieder groß zu sein. Dann wird zu Mittag gegessen. Am Nachmittag erledige ich Papierkram, habe Meetings, gebe Interviews. Danach nehme ich den Beatmungsschlauch ab und übe selbstständig zu atmen, bis mein Sohn nach Hause kommt. Er macht Hausaufgaben, ich gucke sie nach, und dann kann er raus zum Spielen. Oft gehe ich mit und schaue ihm dabei zu, oder ich fahre im Rollstuhl in der Nachbarschaft rum und besuche unsere Nachbarn. Gegen halb sieben gibt es Abendbrot, und danach machen wir meistens etwas zusammen. Spielen ein Spiel, lesen uns etwas gegenseitig vor oder gucken Fernsehen. Um halb zehn beginne ich, ins Bett zu gehen. Werde gewaschen, ausgezogen, entleert, und gegen halb zwölf, zwölf bin ich dann so weit, dass ich ans Einschlafen denken kann.

Bezahlt Ihre Krankenkasse das alles?

Nicht alles. Ich habe die zum Beispiel gefragt, ob sie mir einen zweiten Ventilator für das Beatmungsgerät bezahlen. Falls der eine einmal ausfällt. Sie haben mir geantwortet: nein. Also habe ich einen auf eigene Rechnung gekauft. 3500 Dollar. Ich habe das Geld ja, aber die meisten anderen Patienten haben es nicht. Die wenigsten Patienten gehören auch drei Gewerkschaften an, wie ich. Ich bin in der für Regisseure, in der für Bühnenschauspieler und der für Schauspieler im Fernsehen. Ich bin also dreimal bis zu einem Kostenlimit von jeweils einer Million Dollar versichert. Zwei habe ich schon aufgebraucht. Dabei wurde mir das Spezialequipment wie die Elektroden für die Muskelstimulation entweder gespendet, oder ich habe es selber gekauft.

Was halten Sie von den Zukunftsphantasien des Wissenschaftlers Ray Kurzweil, der in seinen Büchern beschreibt, wie Mensch und Computer eins werden. Dass Menschen sich zum Beispiel einen Chip ins Gehirn einbauen werden, um ihr Gedächtnis zu vergrößern. Beruhigt oder beängstigt Sie so was?

Ich würde es vorziehen, wenn die neue Technologie für Menschen mit Krankheiten eingesetzt wird, um Leiden zu mindern, und nicht, um gesunde Menschen effizienter oder schneller zu machen.

Gibt es einen Unterschied zwischen Behinderten, die von Geburt an im Rollstuhl sitzen, und solchen, die durch einen Unfall verletzt wurden?

Oh ja. Die Leute, die seit der Geburt behindert sind, wollen nicht geheilt werden. Sie sagen mir immer, sie mögen ihr Leben, so wie es ist, aber ich kann das nicht verstehen.

Haben diese Leute vielleicht Angst davor, wie das Leben ohne Rollstuhl sein würde?

Ja, vielleicht ist das der Grund. Aber ich kann das einfach nicht verstehen. Wie kann man ein Leben im Rollstuhl einem aktiven Leben auf den Beinen vorziehen? Ich will raus aus diesem Stuhl, so schnell es geht.

Ist das vielleicht auch ein Grund, warum Von-Geburt-an-Behinderte die Stammzellenforschung ablehnen? Weil ihr Leben, für dessen Anerkennung sie so lange gekämpft haben, dadurch bedrohen würde?

Genau. Sie haben ihr Leben so vorgefunden, sie haben sich mit ihrer Situation vertraut gemacht und gelernt, damit zu leben. Aber die wenigsten haben versucht, da rauszukommen. Denn es gab nie ein anderes Leben, ein schöneres Leben, an das sie wieder anknüpfen wollten. Man kann ein solches Verhalten auch bei Gefangenen beobachten, die sehr lange im Gefängnis waren. Wenn sie freigelassen werden, können sie oft nichts mit der Freiheit und all ihren Möglichkeiten anfangen. Sie haben sich so sehr an die Bedingungen im Gefängnis angepasst, dass sie sich dort sogar sicherer fühlen als draußen.

Man passt sich an, um die Sehnsucht nach Freiheit nicht mehr als Strafe zu erleben?

Vielleicht. Für mich ist das ein Beweis dafür, dass der Mensch sich an alles anpassen kann. Ich habe mich auch an den Rollstuhl angepasst, ich stehe jeden Tag durch, und in unserem Haus wird gelacht, und wir haben Spaß. Aber das kann mein Verlangen, endlich aus dem Ding rauszukommen, niemals ersetzen. Ich akzeptiere den Rollstuhl und lehne ihn zur gleichen Zeit ab.

Was vermissen Sie eigentlich am meisten von Ihrem alten Leben?

So komisch sich das auch anhört, von meinen Hobbys vermisse ich das Reiten am meisten. Aber das ist nur ein Hobby. Was ich wirklich am allermeisten vermisse, das ist die körperliche Nähe zu meiner Familie oder Freunden. Intimität. Mir ist es nicht möglich, meinen Sohn in die Arme zu nehmen. Das letzte Mal, als ich ihn umarmt habe, war er zwei Jahre. Jetzt ist er neun. Ich kann Menschen nahe sein, und ich kann mit meinen Augen und meiner Stimme kommunizieren, aber nicht mit meinem Körper, und das ist verdammt hart.

Sie sind New Yorker. Wie haben Sie den 11. September erlebt?

Ja, ich bin in New York geboren, in New Jersey aufgewachsen, und dann habe ich 20 Jahre an der Upper West Side in New York gelebt. Ich kannte sechs Menschen, die im World Trade Center umgekommen sind. Zwei davon waren die Väter von Schulkameraden meines Sohnes.

Erinnern Sie sich daran, was Sie vor dem Anschlag gemacht haben?

Ich war beim Aufstehen. Ich habe gerade gefrühstückt und dabei Radio gehört. Plötzlich wurde das Programm unterbrochen, und es hieß, dass ein Flugzeug ins World Trade Center geflogen sei. Ich habe zu CNN im Fernsehen umgeschaltet, und dort habe ich dann das zweite Flugzeug reinfliegen sehen.

Haben Sie Angst vor der Bedrohung durch Bioterror?

Die werden ganz bestimmt nicht eine kleine Stadt 50 Meilen nördlich von New York angreifen. Ich war vor zwei Tagen noch bei einer Film-Premiere in New York. Und nächste Woche werde ich wieder nach New York zu einem Termin fahren. Ich habe keine Angst davor, irgendwo in den USA hin zu fahren. Ich weigere mich einfach, mich von den Terroristen einschüchtern zu lassen. Wenn ich mit einer kommerziellen Fluggesellschaft fliegen könnte, würde ich auch das machen. Das Problem ist nur, ich passe mit dem ganzen Equipment, das ich brauche, nicht in ein normales Flugzeug.

Mister Reeve, wie reagieren Sie eigentlich Wut oder Trauer ab? Andere Menschen hauen auf einen Sandsack.

Stimmt, ich kann nicht rausrennen und gegen die Wand boxen oder eine hartes Tennismatch spielen. Ich habe gelernt, geduldig zu sein. Wenn ich zu Hause bin, gehe ich mindestens zweimal am Tag raus. Ich kann ruhig an einer Stelle sitzen und für einige Zeit meditieren. Ich versuche, meinen Kopf zu entleeren, an gar nichts zu denken. Das funktioniert ganz gut, und es gibt einem Energie. Wenn ich einen schlechten Tag gehabt habe, schaffe ich es auch oft, schlechte Laune zu verdrängen. Ich habe gelernt, das zu genießen. Oder zumindest damit zufrieden zu sein.

Sind Sie nie mal richtig unfreundlich?

Ich erinnere mich an einen Tag in der Intensivstation kurz nach dem Unfall. Da kam eine Psychologin zu mir, um mit mir zu sprechen. Aber ich konnte ihren Tonfall einfach nicht ertragen. Da habe ich zu ihr gesagt, ich bin ein 42 Jahre alter Mann, und Sie sprechen mit mir, als wäre ich zwei. Verschwinden Sie. Das Wichtigste ist, wenn man behindert ist, dass man niemals die Kontrolle abgibt. Man muss zwar um Hilfe bitten, aber trotzdem kann man die Kontrolle über sein Leben behalten. Ich bin auch hier zu Hause immer noch der Kopf der Familie.

Wie haben sich Ihre Kinder mit der neuen Situation nach dem Unfall zurecht gefunden?

Ich habe mir große Sorgen um sie gemacht. Als ich verletzt wurde, war mein Sohn Mathy 15 und Alexandra elf. Die beiden kamen aus England rüber, wo sie mit meiner Ex-Frau Gae leben. Sie hatten sich vorgenommen, den ganzen Sommer in einem Hotel in der Nähe des Krankenhauses zu verbringen.

Sie wollten in der Nähe ihres Vaters sein.

Aber ich wollte das nicht. Ich habe gesagt, sie sollen den Sommer lieber in unserem Landhaus verbringen oder mit Freunden, anstatt mit mir auf der Intensivstation. Außerdem musste Matthew für sein Examen am College in London lernen. Und das hätte er nicht gekonnt, wenn er depressiv gewesen wäre. Er hat es später mit der Note "sehr gut" bestanden. Wenn du dir einen Arm brichst, dann ist das dein eigenes Problem. Wenn du aber im Rollstuhl landest, dann ist es das Problem der ganzen Familie. Ich versuche jedoch, meine Abhängigkeit von der Familie so klein wie möglich zu halten, damit sie weiterhin ein ganz normales Leben führen kann.

Ist es eine Gefahr, dass man die Familie, aus Angst ihr zur Last zu fallen, auch manchmal von sich weg drängt?

Manchmal. Als wir im August vor vier Jahren "Das Fenster zum Hof" gedreht haben, war meine Tochter bei mir. Ich habe sie ständig gefragt, ob sie nicht lieber ihre Freunde besuchen wollte. Aber sie beharrte darauf, bei mir zu bleiben. So wurde sie meine Assistentin.

Als Sie so alt waren wie Ihre Tochter heute, wie sah Ihr Leben da aus?

Das war fast so etwas wie ein Wendepunkt in meinem Leben. Als ich 16 Jahre alt war, wurde ich von einem Theater in Boston angestellt, um während des Sommers dort zu spielen. Das war mein erster bezahlter Job, ich bekam 440 Dollar für elf Wochen. Aber ich hatte meinen eigenen kleinen Volkswagen und ein Zimmer in einem Haus, das ich mit fünf anderen geteilt habe. Es war das erste Mal, dass ich auf mich selbst gestellt war und von meiner Schauspielerei leben konnte. Es war meine erste Entdeckung von dem, was Freiheit bedeutet.

Andere Wendepunkte in Ihrem Leben waren ...

der zweite Meilenstein war die Geburt meines ersten Sohnes. Ich erinnere mich noch so gut daran, wie vorsichtig ich war. Was mich wirklich frustriert, ist, dass ich bei allem, was ich gemacht habe, immer unglaublich vorsichtig war. Beim Segeln, Fliegen, Tauchen, was auch immer. Und dann das.

Reeve weist auf ein Foto hin, das hinter ihm an der Wand lehnt, auf dem er vor seinem ehemaligen Privatflugzeug steht.

Ich war immer gut vorbereitet. Ich habe sehr auf Sicherheitsbestimmungen geachtet. Und beim Reiten fallen sogar die besten Reiter. Aber ich musste ausgerechnet auf diese merkwürdige Weise fallen.

Was war Ihr erster Gedanke nach dem Unfall?

Im ersten Moment dachte ich, das ist das absolute Desaster. Aber ich muss sagen, das ist es nicht geworden. Dieser Unfall hat unsere Familie gestärkt, anstatt sie zu zerstören.

Sind Sie eigentlich religiös?

Nein, nicht in einer organisierten Form. Aber der Rollstuhl hat mich geduldiger und toleranter gemacht. Und er hat mir so etwas wie ein tieferes Gefühl für meine Familie, Freunde und Verwandten vermittelt. Ich habe mir allerdings noch keine Gedanken darüber gemacht, ob das etwas Religiöses ist oder etwas in irgend einer Form Spirituelles. Ich versuche Dinge zu tun, die mich positiv denken lassen. Das ist wirklich die größte Herausforderung: Depressionen zu vermeiden.

Wie gelingt Ihnen das?

Ich höre gerade ein Buch über John Adams auf Kassette. Da muss ich keine Seiten umblättern. Er war einer der Gründer der USA und der zweite Präsident der Vereinigten Staaten. Das andere Buch ist die Geschichte der transkontinentalen Eisenbahn. Es gab damals zwei Companies. Eine Gruppe begann in Sakramento, California, die andere in Omaha, Nebraska, und beide arbeiteten sie sich aufeinander zu. Sie haben sich durch die Berge gegraben und sich auf der Mitte des Weges getroffen. Für mich ist das eine Art Metapher für Geduld und Wissenschaft. Beide gemeinsam bauen heutzutage wieder so eine Art Bahnstrecke, die sich hoffentlich bald in der Mitte trifft.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben