Zeitung Heute : „Am meisten sorgen wir uns um die Schüler“ DerWelthungerhilfekoordinator über das Unglück und die Opfer

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Herr GustFrenger, die deutsche Welthungerhilfe darf in das Unglücksgebiet reisen. Auf was für eine Situation bereiten Sie sich vor?

Wir haben von den Behörden Vorabinformationen darüber bekommen, was passiert ist, und müssen jetzt sehen, ob diese zutreffen. Zunächst waren wir aufgrund von Informationen aus dem Internet von einem Großbrand ausgegangen. Jetzt heißt es, zwei Zugwaggons mit Sprengstoff seien explodiert, der für eine große Baustelle gedacht war. Ein Kurzschluss soll die Explosion auf dem Rangierbahnhof ausgelöst haben. Dabei soll eine riesige Druckwelle bis zu zweitausend Häuser zerstört haben. Die Behörden haben uns gegenüber zunächst von 54 Toten und etwa 1000 Verletzten gesprochen – ob das zutrifft, müssen wir vor Ort sehen.

Glauben Sie denn, dass die Zahl der Toten und Verletzten noch steigt?

Das kann ich erst sagen, wenn ich in Ryongchong gewesen bin. Aber die Häuser, die zerstört worden sind, waren vermutlich zum großen Teil Plattenbauten. Deshalb besteht auf jeden Fall die Gefahr, dass es noch mehr Verletzte und Tote gibt – anders, als wenn es kleinere Häuser gewesen wären. Angeblich sind auch zwei Schulen zerstört worden. Weil sich die Explosion offenbar am Mittag ereignet hat, machen wir uns alle darüber am meisten Sorgen.

Wie können Sie jetzt helfen?

Wir sind keine medizinische Organisation, also werden wir Überlebende mit Hilfsgütern unterstützen, das heißt mit Decken, Zelten und Nahrungsmitteln. Wegen eines anderen Projektes in dieser Provinz haben wir Reis und Bohnen in der Nähe gelagert. Zudem werden wir Wasser in die Stadt liefern, weil die Wasserversorgung zerstört sein wird.

Wie gut und schnell haben die Behörden Sie über das Unglück informiert?

Das hat etwa einen Tag gedauert. Information ist hier ein Monopol des Staates. Aber im Vergleich zu früheren Unglücksfällen ging es relativ schnell. Das Außenministerium hat den Unfall bereits offiziell anerkannt und es wurden ziemlich schnell Details genannt.

Sie haben selbst sehr schnell die Erlaubnis bekommen, in das Katastrophengebiet zu reisen. Woran liegt das?

Ich denke, dass die nordkoreanische Regierung mittlerweile eingesehen hat, dass sie sich mehr auf die Regeln und Gepflogenheiten der internationalen Gemeinschaft einlassen muss. Ich glaube, dass sich diese Abschottung, die früher hundertprozentig war, inzwischen etwas öffnet. Das liegt auch an der Erfahrung, die die Regierung mit der Zusammenarbeit mit internationalen Organisationen gemacht hat.

Das Gespräch führte Ruth Ciesinger.

Ralph Gust-Frenger (45) ist der Regionalkoordinator der deutschen Welthungerhilfe in Pjöngjang. Er leitet das Büro seit Oktober 2003 .

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