Zeitung Heute : Am Ort des polnischen Stolzes und der deutschen Schande

Das Gedenken an den Warschauer Aufstand: Gerhard Schröders heikle Mission in Polen

Thomas Roser[Warschau]

In langen Kolonnen sind die Namen tausender gefallener Kämpfer in den schwarzen Granit gemeißelt. Die Veteranen tragen weißrote Armbinden. Mit ihren Angehörigen suchen sie auf der Gedenkwand im Park des Museums des Warschauer Aufstands nach den Namen ihrer einstigen Mitstreiter.

Seine ganze Familie habe er im Krieg verloren, die Eltern seien im KZ Majdanek gestorben, er selbst nach der Niederschlagung des Aufstands nach Auschwitz geschickt worden, sagt, auf seinen Stock gestützt, der 75-jährige Warschauer Edward. Seinen Nachnamen mag er nicht nennen. „Viel Schmerz“ hätten ihm die Deutschen zugefügt, Groll hege er gegen sie jedoch keinen: „Ich freue mich, dass der deutsche Bundeskanzler kommt. Für uns ist das sehr wichtig: Wir haben lange auf ihn gewartet.“

Die Anspannung ist Gerhard Schröder anzusehen, als er in drückender Mittagshitze durch den polnischen Regierungspalast schreitet. Mehr als ein Dutzend Mal ist der Bundeskanzler in seiner sechsjährigen Amtszeit nach Polen gereist. Doch diese Staatsvisite ist für ihn die heikelste Mission im Nachbarland. Selten wurden in Warschau so große Erwartungen an einen Gast geknüpft wie bei der ersten Teilnahme eines deutschen Regierungschefs an den Gedenkfeiern zum Warschauer Aufstand. Es war der 1. August 1944, den die polnische Untergrundarmee für den Beginn ihrer Revolte gegen die deutschen Besatzer gewählt hatte. 200000 Polen verloren in den folgenden Wochen ihr Leben, die meisten Opfer der SS und der Wehrmacht waren Zivilisten.

Er erwarte „keine Kniefälle, aber gute Worte“, umschrieb Premier Marek Belka vor den Feiern zum 60. Jahrestag seine Erwartungen an den Gast. Er hoffe, dass Schröders Besuch die getrübten Beziehungen zwischen beiden Ländern verbessern werde. Sein Vater kämpfte, ebenso wie der des Präsidenten Aleksander Kwasniewski, auf Seiten der Aufständischen.

Ernst und gefasst bemühte sich Schröder im schwarzen Anzug, den hohen Erwartungen gerecht zu werden. Gleich zum Auftakt seiner Visite sagte er, dass seine Regierung weder für ein Zentrum gegen Vertreibung in Berlin Sympathien verspüre – wie es der Bund der Vertriebenen fordert, noch Entschädigungsforderungen von „Uneinsichtigen“ in Deutschland für gerechtfertigt halte: „Diese Position wird die Bundesregierung vor jedem internationalen Gericht vertreten.“

Draußen, vor dem Amtssitz des Premiers, hielten Demonstranten derweil Plakate in die Luft. „Die ersten Vertriebenen kamen aus Gdynia,“ stand darauf – womit sie an die gleich nach dem Überfall auf Polen im Sommer 1939 verübten Vertreibungen erinnerten. Zu Unrecht bezeichne sich die bei Gdynia (Gdingen) geborene Erika Steinbach – die BdK-Vorsitzende – als Vertriebene, sagte eine weißhaarige Aktivistin. „Steinbachs Vater war ein Besatzungssoldat. Schröder sollte wissen, dass es Deutsche waren, die uns aus unserer Heimat vertrieben haben.“

An diesem Sonntag flatterten die Flaggen Polens und Warschaus an vielen Häusern, an Straßenbahnen und Taxi-Antennen. Schrill heulten in der Hauptstadt wie jedes Jahr am 1. August um 17 Uhr die Sirenen, stand der Verkehr still, verharrten Passanten schweigend auf den Straßen. Als die Sirenen verstummten, legte Schröder am Denkmal des Warschauer Aufstands einen Kranz nieder. Tief verbeugte er sich vor Warschaus Toten, lange verharrte er im Gedenken an die jungen Menschen, die wenige Monate nach seiner Geburt vor 60 Jahren ihr Leben ließen. Erst beim Gang durch die Altstadt ließen der freundliche Beifall und die Küsse von Pfadfinderinnen auf das urlaubsgebräunte Kanzlergesicht Schröder wieder lächeln.

Am Platz der Aufständischen, wo die Erhebung der Warschauer gegen die Schreckensherrschaft begann, versicherte Schröder am Abend eindringlich, dass Geschichte nicht ungeschehen gemacht werden könne, aber auch nicht umgedeutet werden dürfe. Die Deutschen wüssten, wer den Krieg angefangen habe, und wer seine ersten Opfer gewesen seien, sagte er: „Es darf keinen Raum mehr geben für Ansprüche aus Deutschland, die die Geschichte auf den Kopf stellen.“ Von „Scham“ sprach der Kanzler angesichts der Verbrechen der Nazis und sagte den Aufständischen seinen Dank für ihren Beitrag zur Befreiung Europas und damit auch Deutschlands vom Nationalsozialismus: „An diesem Ort des polnischen Stolzes und der deutschen Schande hoffen wir auf Versöhnung und Frieden.“

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