Zeitung Heute : Am Prenzlauer Berg soll die Berliner Wohnungspolitik geändert werden

Christof Hardebusch

Knatternd schlägt das Transparent über der Gneiststraße im Sturm hin und her. Anwohner rufen die Polizei herbei. Wolfgang Kruse bleibt nichts anderes übrig, als das Spruchband im strömenden Regen einzurollen. Sobald die Sonne scheint, wird er es erneut über die Straße spannen.

"Wohnungsbaugenossenschaft Bremer Höhe" steht in großen Lettern auf dem Band. Bremer Höhe, das ist der Name des Wohnblocks zwischen Schönhauser und Pappelallee, Gneiststraße und Buchholzer Straße im Bezirk Prenzlauer Berg. Die Mieter des Blocks haben die Genossenschaft gegründet, weil sie "ihre" Häuser kaufen wollen.

Viel Zeit hat die Genossenschaft nicht. Bis Ende April muss sie ein solides Finanzkonzept auf die Beine stellen, das sowohl den Kauf wie auch die Sanierung der insgesamt 514 Wohnungen sicher stellt. Sonst geht die Bremer Höhe an einen Investor. Der Druck stört die Genossenschaftler nicht. Sie sind es nicht anders gewohnt. Seit Herbst vergangenen Jahres überschlagen sich die Ereignisse ohnehin. Damals wurde bekannt, dass die Wohnungsbaugesellschaft Prenzlauer Berg (WIP) die Bremer Höhe verkaufen will. Diese Botschaft schreckte viele Mieter auf. Gerüchte von Luxusmodernisierung und Verdrängung der alt eingesessenen Mieterschaft machten die Runde. Zu einer rasch einberufenen Mieterversammlung strömten 350 der rund 900 Bewohner der Bremer Höhe. WIP-Geschäftsführer Klaus-Dieter Friedland stellte sich den wütenden Mietern - und gab ihnen eine Chance.

Seither arbeiten Kruse und seine Mitstreiter hart. Die erste Hürde nahmen sie leicht. Ihre Genossenschaft ist mittlerweile ins Genossenschaftsregister eingetragen. Die zweite Hürde liegt höher: 27,3 Millionen Mark muss die Genossenschaft für den Kauf der Häuser aufbringen. Aus eigener Kraft kann ihr das nicht gelingen. Umgerechnet auf den Quadratmeter Wohnfläche beträgt der Kaufpreis 850 Mark. Weil die Bremer Höhe in einem Sanierungsgebiet liegt, darf die Miete 8,30 pro Quadratmeter nicht übersteigen. Mit dieser Einnahme lässt sich bestenfalls ein Kaufpreis von 600 Mark je Quadratmeter finanzieren.

Nun soll die öffentliche Hand die Lücke füllen. Bislang reichte Berlin neuen Genossenschaften allenfalls den kleinen Finger. In der Amtszeit des ehemaligen Bausenators Jürgen Klemann (CDU) galt die Liebe der Stadt dem Erwerb von "individuell verwertbarem Eigentum", also Eigenheimen und Eigentumswohnungen. Deren Eigentümer können ihre Immobilie jederzeit verkaufen oder beleihen. Bewohner einer Genossenschaftswohnung können das nicht, weil die Wohnung der Genossenschaft und nicht dem einzelnen Mitglied gehört. Ergo bekommen Genossenschaften für den Erwerb von Häusern keinen Pfennig von der Stadt.

Der neue Bausenator Peter Strieder (SPD) möchte das ändern. Die Bauverwaltung sucht nach praktikablen Lösungen. "Wir bemühen uns gerade, die bestehenden Fördertöpfe für die Genossenschaft nutzbar zu machen", sagt Jochen Hucke, in der Bauverwaltung zuständig für die Förderprogramme zur Sanierung und Modernisierung von Altbauten. Er will der Genossenschaft Gelder aus dem Senatsprogramm verschaffen, das bislang Käufern von Eigentumswohnungen vorbehalten war.

Dazu addiert Hucke Mittel aus anderen Programmen. Für ihn geht die Rechnung auf: "Kauf, Sanierung und Modernisierung kosten insgesamt rund 80 Millionen Mark. 16 Millionen davon bekommt die Genossenschaft als Zuschüsse, fünf Millionen muss sie selbst aufbringen. Die fehlenden 60 Millionen Mark kann sie über zum Teil zinsvergünstigte Darlehen finanzieren."

Noch fehlt die Zustimmung der Finanzverwaltung. Gewinnt die Genossenschaft das Rennen mit der Zeit, wird sich die Berliner Wohnungslandschaft ändern. Das Potenzial für die Gründung neuer Genossenschaften ist groß. Die städtischen Wohnungsbaugesellschaften müssen 15 Prozent ihrer Wohnungen verkaufen, wenn möglich an die betroffenen Mieter. Dazu sind sie schon seit 1994 gesetzlich verpflichtet. Geschafft haben das bislang aber nur die Gesellschaften im Stadtzentrum. Alle anderen tun sich schwer mit dem Wohnungsverkauf. Ihnen könnten neu gegründete Genossenschaften bei der Privatisierung helfen. Der Erfolg der Bremer Höhe zeigt, wie interessant das Genossenschaftsmodell für Mieter sein kann. In zwei Monaten hat sie es auf 74 Mitglieder gebracht, obwohl die Mindesteinlage in die Genossenschaft mit 10 000 Mark nicht gerade klein ist. Von solch regem Zuspruch in so kurzer Zeit können Wohnungsverkäufer nur träumen.

Scheitert die Genossenschaft, wird die WIP die Bremer Höhe an den Bau-Verein zu Hamburg Altimmobilien Gesellschaft veräußern. Der Kaufvertrag ist unterzeichnet und soll am 1. Mai in Kraft treten.

Laut Vertrag muss der Bau-Verein die Wohnungen sanieren und dann den Mietern zum Selbstkostenpreis anbieten. Der Bau-Verein wäre ebenso wie die Genossenschaft an die Mietobergrenze des Sanierungsgebiets gebunden. Aus diesen Gründen will der Geschäftsführer des Bau-Vereins, Alexander Hesse, die Begeisterung der Mieter für den Genossenschaftsgedanken nicht so recht verstehen. Wolfgang Kruse hat auf diese Zweifel eine Antwort: "Wir möchten selbst bestimmen, die Sanierung und auch alles weitere."

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