Zeitung Heute : Am Rand der Buddelkiste

Von Tanja Stelzer

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Früher fand ich junge Mütter, wenn sie in Gruppen auftraten, gefährlich. Wenn sie beieinander standen mit ihren Kinderwagen, Trinkbecher in der einen, Banane in der anderen Hand, schien etwas Unsichtbares sie zu verbinden. Auf mich wirkte es, als wären sie Mitglieder einer radikalen Geheimgesellschaft, deren Leitsätze irgendwas mit KautschukSchnullern und Holzspielzeug zu tun haben mussten. Ein Ort, an dem man den Gruppen junger Mütter auf keinen Fall entgehen kann, ist der Spielplatz. Ich dachte, wenn ich mal ein Kind habe, wird es ohne Spielplatzbesuche auskommen müssen.

Natürlich gehe ich jetzt doch manchmal auf den Spielplatz, denn ansonsten müsste ich mir ständig neue Spiele für Noah ausdenken, und in dieser Hinsicht bin ich nicht besonders kreativ. Am ersten schönen Tag im Jahr habe ich es also gewagt, in Begleitung einer Freundin. Alle Kinder, die so klein waren wie Noah, waren zum ersten Mal da. Sie waren sehr fasziniert vom Sand und deshalb besonders friedlich, was mich ansatzweise mit dem Spielplatz versöhnte. Auf dem Rand der Sandkiste saßen die Mütter, hielten sich jeweils an einem Coffee-to-go im Pappbecher fest und schielten verunsichert zur Seite. Ich merkte: Die kennen sich hier auch nicht aus. Wahrscheinlich fragten sie sich wie ich: Muss ich einschreiten, wenn ein großes Kind meinem Sohn ein Förmchen wegnimmt, oder fördert es die Sozialkompetenz, wenn die Kinder das unter sich ausmachen? Ist das hier wie beim Friseur, und man muss mit den anderen Müttern smalltalken, oder darf man auch nichts sagen?

Ein bisschen ist so ein erster Spielplatz-Besuch wie der erste Schultag: Es entscheidet sich, wer vorne sitzt und wer hinten, wer Freund wird und wer Feind, welche Rolle man in der Klasse hat.

Nach mehreren Monaten Sandkastenerfahrung beginne ich, den Mikrokosmos Spielplatz zu begreifen. Es gibt verschiedene Typen von Müttern. Einmal sind da die Pädagogischen, die sich immer in den Sand setzen und mitspielen, von der ersten bis zur letzten Minute. Die Pädagogischen haben die Meinungsführerschaft über die besten Windeln und die besten Kleinkind-Schuhe. Sie sind es, die mir einst Angst eingejagt hatten, und ich glaube, das war ihre volle Absicht. Daneben gibt es noch die Besorgten, stets zehn Zentimeter hinter ihrem Kind unterwegs. Die Kinder der Besorgten dürfen kein Körnchen Sand essen, sie haben nicht viel Spaß im Leben (die Besorgten selbst natürlich auch nicht). Die Entspannten sonnen sich, während ihr Kind von den Pädagogischen in ein Spiel einbezogen oder von den Besorgten gerettet wird. Und dann gibt es noch die Freiberuflichen, die ihr Kind auf der Wippe festhalten, während sie mit hinters Ohr geklemmtem Handy zu ihrem potenziellen Auftraggeber sagen: „Ja, ich schicke Ihnen dann gleich heute Abend das Exposé! Ich habe nur gerade noch einen Termin.“

Und ich? Fühle mich nicht wirklich zugehörig. Aber vielleicht wird das noch. In der Schule war ich immer diejenige, die ihren Turnbeutel vergessen hatte; heute lasse ich meist Eimer und Schaufel zu Hause liegen. Das erleichtert die Kontaktaufnahme. Nur die Pädagogischen, die würde ich nie fragen, ob Noah sich ein Förmchen ausleihen darf.

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