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Ursula von der Leyen will zusätzliche Krippenplätze schaffen. Ab wann ist es sinnvoll, Kinder in Kitas zu schicken?

Adelheid Müller-Lissner

Das neue Elterngeld macht es berufstätigen jungen Müttern und Vätern leichter, in den ersten 14 Lebensmonaten ihres Kindes zu Hause zu bleiben. Wer dann aber nach der Elternzeit in den Job zurück will, muss für eine geeignete Betreuung sorgen – durch eine Kinderfrau, durch Tagesmutter (oder -vater) oder in einer Kindertagesstätte. Die Bundesregierung will die Betreuungsmöglichkeiten für Kinder bis drei Jahren nun massiv ausbauen. Viele Eltern aber sorgen sich, dass die Kinder in diesem Alter noch zu klein sind, um schon außerhalb des schützenden Familienumfelds betreut zu werden.

Tatsächlich zeigen Erkenntnisse aus der Bindungsforschung, dass die enge Beziehung zu einigen wenigen Erwachsenen für die kindliche Entwicklung ganz entscheidend ist – wobei schon wegen des Stillens zu Beginn die Zweisamkeit von Mutter und Säugling steht. Wenn Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) jetzt für eine Familienpolitik nach dem Vorbild Frankreichs oder Skandinaviens wirbt, hat sie die Wissenschaft trotzdem hinter sich. „Forschungsarbeiten haben immer wieder gezeigt, dass eine außerfamiliäre Betreuung für Kleinkinder kein Entwicklungsrisiko darstellt“, sagt die Entwicklungspsychologin Lieselotte Ahnert, die an der Universität Köln seit langem zu Entwicklungsförderung und -diagnostik forscht.

Schon Kleinkinder können auch zu Tagesmüttern und Erzieherinnen sichere Bindungsbeziehungen aufbauen. Dazu kommt, dass im zweiten Lebensjahr die Neugier auf Gleichaltrige zunimmt. Neueren Forschungen zufolge entwickeln schon Zweijährige im Kontakt zu anderen kleinen Kindern wertvolle soziale Kompetenzen. Der entwicklungspsychologische Gewinn liegt nach Ansicht Ahnerts in der Erfahrung, dass der Konsens mit anderen Gleichaltrigen wichtig ist – nicht allein das Akzeptieren von Regeln, die die Erwachsenen aufstellen. In der Kleinfamilie kann das oft nicht mehr gelernt werden.

Allerdings ist es entscheidend, wie gut die Betreuungspersonen in der Lage sind, die emotionalen Bedürfnisse der Kleinen auch in der Gruppensituation wahrzunehmen. Dafür müssen sie etwas von Entwicklungspsychologie verstehen – und sie brauchen ein besonderes Einfühlungsvermögen. Ahnert plädiert außerdem ganz entschieden für kleine Gruppen in der Kitabetreuung. „International spricht man dabei von drei bis vier Kindern pro Bezugsperson.“ Kleinere Gruppen machen auch das Eingewöhnen einfacher. Und ab dem Alter von 14 Monaten ist es leichter, ein Kind in die Kita zu geben als noch im achten Lebensmonat, wenn Babys zu „fremdeln“ beginnen.

Bedenken gegen die frühe Fremdbetreuung kommen vor allem aus der sogenannten Hospitalismusforschung. Dort zeigte sich, dass Kinder, die Wochen und Monate in Krankenhäusern oder Heimen verbrachten, abgestumpft und apathisch wurden. Als Konsequenz aus dieser Erkenntnis wurde das „Rooming-in“ in Krankenhäuser eingeführt: Eltern dürfen dort heute meist bei ihren Kindern übernachten.

Nicht nur über Nacht, sondern auch über weite Teile des Tages, am Wochenende und in den Ferien ist auch ein Kitakind ohnehin mit dem Rest der Familie zusammen. „Die Kita tritt ja nicht an die Stelle des Elternhauses“, sagt Ahnert. Um abschätzen zu können, wie sich der Aufenthalt in der Kita für ein Kind auswirkt, müssten deshalb die außerfamiliären und die familiären Aspekte aufeinander bezogen werden. Eine offene Forschungsfrage ist, ob Kinder, deren häusliche Betreuung zu wünschen übrig lässt, mehr von der Kita profitieren als zum Beispiel Nachwuchs des Bildungsbürgertums, der zu Hause intellektuell schon früh gefördert wird.

Psychologen interessieren sich jetzt auch dafür, bei welchen Kindern der Stress unter der Woche und bei welchen er am Wochenende größer ist. Auf jeden Fall hat sich die Forschung zur außerfamiliären Betreuung von Kleinkindern inzwischen von den Grundsatzfragen wegbewegt. Es wird konkreter und pragmatischer gefragt – und nicht zuletzt spielt die Qualität der Einrichtungen eine größere Rolle. Schon ist auch eine Art Tüv für Kitas im Gespräch.

Familienministerin von der Leyen, die in diesem Punkt im Wesentlichen die Politik ihrer Vorgängerin Renate Schmidt (SPD) fortführt, beruft sich im Streit mit Parteifreunden gern auf die Situation in Frankreich, wo es die „Crèches“ für die Allerjüngsten schon seit langem gibt. Dort waren es übrigens nicht die Sozialisten, die die Krippen und die obligatorische Vorschule einführten, sondern der konservative Präsident Charles de Gaulle, der nach dem Zweiten Weltkrieg eine ausgesprochen aktive Familienpolitik betreiben wollte.

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