Zeitung Heute : Am Service verzweifeln

Ariane Bemmer

Wie eine Westberlinerin die Stadt erleben kann

Meinem Leben fehlt das Mittelmaß. Entweder bin ich sehr müde oder sehr wach, fühle mich sehr vergnügt oder äußerst betrübt, sehr reich oder bettelarm, jung und knackig oder oll und schlapp. Dieses Schwanken zwischen zu viel und zu wenig hat nun nach außen abgefärbt. Innerhalb einer Woche bediente man mich erst höchst unwirsch und dann schon fast erschreckend bemüht.

Punkt 1, unwirsch: Im Martin-Gropius-Bau wollte ich mir die Ausstellung von Robert Capa, dem Kriegsfotografen, angucken und sollte vorher meine Jacke abgeben. Das wollte ich nicht, weil ich so verfroren war. Wenn Sie meinen, sagte mit strenger Miene die vierschrötige Garderobenfrau, aber wenn ich dann nachher in der Ausstellung anfangen sollte zu schwitzen, dürfte ich auf keinen Fall meine Jacke ausziehen und über den Arm hängen. „Das geht dann nicht mehr“, sagte sie. Die anderen Leute, die auch an der Garderobe standen, guckten neugierig auf mich, was ich hier so problematisch tue. Ich ging durch die Ausstellung, schnell, damit ich wieder raus bin, bevor ich zu schwitzen anfange, und meine Jacke nicht über den Arm hängen darf. Am Ausgang lag ein Gästebuch. Da stand: „Kann mal jemand die Scheiß-Wärter austauschen.“

Punkt 2, erschreckend bemüht: Keine zwei Tage später stehe ich bei „Runners Point“ am Ku’damm, weil ich mir neue Joggingschuhe kaufen will. Die Vorgänger, die inzwischen gut sechs Jahre alt sind, habe ich in einem Outlet-Center gekauft. Einfach so: Rein, gucken, anprobieren, zahlen, meins. Aber so geht das nicht mehr. Die Verkäufer sagte, ich solle zunächst in Socken auf dem Laufband, das mitten im Laden steht, herumtraben, sie würden meine Füße filmen und mir dann geeignete Schuhe vorschlagen, mit denen ich dann wieder aufs Laufband müsste. Ich blickte auf das Gerät. Die Vorstellung, dort jetzt ungelenk, in Mantel aber ohne Schuhe, drauf laufen zu müssen, war mir schon vorab unangenehm. Ebenso die Vorstellung, dass die Schuhverkäufer gleich mehr über meine Füße wissen würden als ich. Ich wollte doch nur ein Paar Joggingschuhe kaufen. Ich versprach, bald wiederzukommen.

Es gibt Leute, die schwören auf Schukauf bei Runners Point. Die Schuhe drückten nämlich nicht. Adresse: Kurfürstendamm 231.

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