Zeitung Heute : Am Set Ruhe

Ständig sind Location Scouts in Berlin auf der Suche nach der perfekten Kulisse. Sie klingeln an vielen privaten Türen. Was sich hinter denen verbirgt, haben Marei Wenzel und Iris Czak fotografiert

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Von Roger Boyes Dieses Zimmer muss man gesehen haben. Seit dem letzten Herbst wurde hier nicht mehr gelüftet. In selbst gestrickter weißer Wolle sitzt eine Puppe auf der Couch. Im Kreise einer kleinen Herde Kuscheltiere ist sie vor Überraschungen gefeit. Der Weg zur Couch in diesem stickig vollgestellten Zimmer führt vorbei am Esstisch. Am Tischtuch mit dem Blümchenmuster. Alles trägt hier Blümchenmuster: die Stühle und die Couch, die Tapete, sogar der Lampenschirm. Die Vitrine hat eine Tür aus Glas, und drinnen stehen stumm die Porzellanfiguren. Man darf sich sicher sein, die werden täglich abgestaubt. So wie man sicher sein kann, dass die Pflanze regelmäßig gegossen wird und schnell ihr Wasser schluckt.

Dies ist kein Ort, wo Männer vorgesehen sind, und sollten doch mal welche kommen, stoßen sie sich am Mobiliar, halten die Tasse derart fest, dass das Geschirr klirrt, werfen der Uhr auf der Vitrine verstohlen Blicke zu. Das laute Ticken der Zeiger ist oft das einzige Geräusch im Raum. Es ist kein Zimmer, das zum Gespräch ermuntert. Und dann steht da der Eimer. Grün und aus Plastik versperrt er den Weg zum Sofa.

Bei der Betrachtung dieses Bildes von Iris Czak und Marei Wenzel kann man auf die Idee kommen, dass die Frau des Hauses ein Problem hat. Der Gast, der hier den Sonntagnachmittag bei Kuchen und Kaffee verbrachte, ist längst aufgebrochen, das Service ist abgeräumt und ordentlich gespült und abgetrocknet, im Schrank, wo’s hingehört. Nun gilt es allenfalls, die Keime noch vom Furnier zu wischen. Man kann ja gar nicht vorsichtig genug sein; wird schon was dran sein an den schlimmen Sachen, die man so von den ganzen Krankheiten hört.

Was aber wäre, wenn: sich im Eimer das Regenwasser sammelt, das von der Decke tropft? Der Hauswirt wollte sich um den Wasserfleck kümmern und mit den Nachbarn von oben ein Wort über die Abflüsse im Bad wechseln. Aber er muss sich ja nicht gleich ein Bein ausreißen. Die Witwe, die in diesem Zimmer wohnt, zahlt eine festgesetzte, nie erhöhte Miete. Nichts wäre dem Vermieter lieber als ihre Kapitulation. Soll sie doch die Möbel ihrer Nichte geben und ins Altersheim ziehen.

Oder was wäre, wenn: ihr Bruder da war, um sich wieder Geld zu borgen, und sich betrunken wie immer und taumelnd von der Wucht von sechs Doppelkorn auf ihrem Teppich übergeben hat? Wie das hier riecht! Ganz egal, wie lang sie schrubbt, das ist nicht wegzukriegen, ebenso wenig wie die Erinnerung an die missratene Familie.

In jedem dieser Fotos ist alles möglich: „Schauplatz Berlin“ heißt das Buch, das Iris Czak und Marei Wenzel gemacht haben über das Mysterium Berlins, dieser geheimnisvollsten aller Städte. An tausend Türen wurde da geklopft, geklingelt und Einlass gewährt ins Privatmilieu Berlins, und mit von der Partie sind wir, ein Tross instinktgeleiteter Voyeure. Iris Czak und Marei Wenzel sind Location Scouts. Filmleute beauftragen sie, geeignete Schauplätze für ihre Drehbücher zu finden, und sie machen sich auf die Suche in der Stadt. Jean-Luc Godard behauptete, die Kunst des Filmemachens sei, „das Drehbuch zu sehen“, zu schauen, was zu sehen wäre, wenn das Unsichtbare sichtbar wäre.

Berlin, das merkt man hier, ist sehr proletarisch. Das Kuriose daran ist, das Proletariat behauptet sich an einem Ort, dem die Industrie so gut wie abhanden gekommen ist. Hier stehen die Fabriken leer, ihre Hallen werden Yoga-Studios und schicke Lofts. Da findet sich zum Beispiel eine Wohnung mit hohen Fenstern, und während man die Fülle des Lichteinfalls bewundert, kommt der Gedanke: fast wie ein Klassenzimmer. Man schaut genauer hin, erkennt, dies war tatsächlich früher eine Schule. Wo ist die hingekommen? Wo sind die Kinder, die hier unterrichtet wurden?

Auf vielen Fotos wirkt Berlin wie eine Stadt, der die Bewohner gern entkommen würden und nicht können. Stattdessen arrangieren sie sich mit ihrer Welt durch Ironie: Die Wände schmücken Fresken oder Poster, Fototapeten zeigen Alpen oder die See. Menschliches Dasein manifestiert sich lediglich als Aneinanderreihung von Verweisen. Eine Jacke, die über einer Stuhllehne hängt. Ein Frauenanorak, im Badezimmerspiegel sichtbar; ein ungemachtes Bett. Im Nachmittagslicht eines Zimmers leere Flaschen und volle Ascher auf dem Tisch.

Das Leitmotiv ist der Berliner Umgang mit Raum: das Sofa im Badezimmer, damit man sich auch beim Waschen unterhalten kann, die einfallsreich gestaltete Hausbesetzerwohnung im Fabrikatelier, das Zimmer eines Musikers, das streng geordnet wie die Kajüte eines Seemanns aussieht und doch seine Enge durch eine Fensterwand zu relativieren vermag. Eine schöne Wohnung der Jahrhundertwende, voll mit Kleidungsstücken und billigen Möbeln. Natürlich könnte es sich einfach nur um das Zuhause eines Mannes handeln, der zwar die Wohnung noch kaufen konnte, aber dem kein Geld mehr zum Renovieren blieb, so dass er zu einem Leben verurteilt ist von Ikeas Gnaden in seinen feinen Zimmern mit den hohen Decken. Vielleicht steckt aber auch mehr dahinter, eine gewisse Traurigkeit. Eine unvorhergesehene Wendung, so stelle ich mir vor, hat dem Bewohner dieser Räume einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Berlin ist eine unterbevölkerte Stadt. Der Einzelne hat Platz, sich auszubreiten. Manche ziehen sich in Wohnzimmer zurück, die alle Merkmale von Mausoleen haben. Andere nutzen ihre eigenen vier Wände, um die Fesseln der Konvention zu sprengen. Das sind für mich die spannendsten Bilder: die auf Freiheit verweisen. Berlin hat ein ganz eigenes, historisch gewachsenes Gefühl für Freiheit. West-Berliner distanzierten sich von der schalen Gesellschaft Westdeutschlands, Ost-Berliner zogen sich ihrerseits ins Private zurück. Hüben wie drüben manifestierte sich Freiheit als Gegenreaktion.

Freiheit meint natürlich auch die Freiheit, schlechten Geschmack zu haben, und von diesem Recht macht der Berliner ausgiebig Gebrauch. Es ist vielleicht nicht jedermanns Sache, mit einer riesigen Replik von Shrek zu leben. Der Kitsch jedoch ist nebensächlich, und die Fotos maßen sich kein Urteil an. Sie helfen, das menschliche Bedürfnis zu begreifen, einem Raum oder wenigstens einem ganz kleinen Teil der Welt den eigenen Stempel aufzudrücken. Gut möglich, dass Menschen am Arbeitsplatz unter Schikane leiden oder unter Beziehungsstress, doch kann jeder – aus freien Stücken – am Abend in ein Zimmer heimkehren, in dessen Mitte ein lebensgroßer Plüschelefant steht.

Die Bilder von Iris Czak und Marei Wenzel und den (gekürzten) Text von Roger Boyes entnahmen wir dem Band „Schauplatz Berlin“, der Mitte März bei Peperoni Books erscheint (300 Seiten, 40 Euro). Vom 30. März bis 30. April werden die Fotos in der Galerie Bildschöne Bücher, Kollwitzstraße 53, gezeigt.

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