Zeitung Heute : Am Sonnabend startet der Sender mit der Maus

Joachim Huber

Ab Sonnabend gibt es den Sender mit der Maus. Nein, nicht mit dem ARD-Nager, sondern mit der amerikanischen Verwandtschaft. Micky Maus bekommt einen eigenen Fernsehkanal. Der Disney Channel startet Punkt 19 Uhr mit dem Trickfilm "Cinderella" seinen Programmbetrieb auf der digitalen Pay-TV-Plattform von Premiere World. Wer im Monat 19 Mark 90 plus 14 Mark 90 für den Decoder ausgeben will, erhält im Angebotspaket von Family World täglich 24 Stunden Disney-Fernsehen. Der deutsche Disney Channel ist außerhalb der USA der neunte Kanal des Entertainment-Giganten. Sein Standort ist jwd, die rund 40 Mitarbeiter arbeiten auf einem ehemaligen Ziegelei-Gelände in Ismaning bei München, Geschäftsführer Hans Seger sagt lieber "in München". Klingt internationaler, mehr nach Global Player. Ismaning liegt noch näher an Unterföhring als an München. In Unterföhring sitzt Premiere World. Das neue deutsche Abo-Fernsehen kommt vom Dorf.

Der Disney Channel trifft bei seinem Sendestart auf 900 000 Abonnenten. Das ist bei 33 Millionen deutschen Fernsehhaushalten eine bescheidene Zahl. Seger sieht das Potenzial für Pay-TV bei "deutlich über fünf Millionen Abonnenten, eher sogar im zweistelligen Millionenbereich". Der Weg dorthin ist weit, aber er scheint immerhin vorgezeichnet - sagt Seger. "Jetzt gibt es mit Premiere World nur noch einen Abo-Anbieter, die Plattform setzt nicht mehr nur auf Sport und Kino, sondern eben auch auf Familien-Unterhaltung." Der Disney Channel ist Teil davon. Sein Geschäftsführer will bei aller Begeisterung für das Abo-Fernsehen das Hintertürchen Free-TV nicht auf ewig zugeschlagen wissen. "Ein Free-TV-Kanal ist derzeit absolut kein Thema, aber in einem sich ständig verändernden Markt prüfen wir immer alle Optionen." Option ist das eine, aktuelle Geschäftspolitik das andere. Der Disney Konzern fährt in Deutschland zweigleisig - Free-TV zum Abverkauf von Programmen aus den Disney-Werkstätten an Super RTL, RTL und weitere Sender, andererseits der Disney-Channel als komplettes Lizenz-Programm für das Pay-TV Premiere World. Es mag auch das negative Vorbild des eingestellten Free-TV-Kinderkanals Nickelodeon sein, dass die Vorteile eines eigenständigen Disney Channels im Abo-Format energisch betont: "Disney, kompromisslos Disney". Die Entertainment-Dachmarke Disney könne ohne Wenn und Aber auf die Submarke Disney Channel übertragen werden. "Da gibt es keine unpassende Werbung, keine Gewalt, da gibt es höchste Disney-Qualität, Familienfreundlichkeit und eine Programmierung, die sich an den Konsumenten-Erwartungen ausrichtet", sagt Seger.

In den Programm-Informationen findet sich schönstes PR-Deutsch: "Der Disney Channel macht Fernsehen so, als würden Kinder ein Programm für sich und die ganze Familie gestalten." Naja. Ein Blick in das Oktober-Programm zeigt drei über den Sendetag verteilte und an den ortsüblichen Einschaltgewohnheiten orientierte Programm-Zonen: Vorschulprogramm, Kids Programm, Familienprogramm. Der Tag beginnt mit Animationsserien ("Winnie Puh"), setzt sich entsprechend fort ("Timon und Pumba") und läuft auf die Programmfläche "live@five". Seger erkennt hier das "Herzstück" des Programms, die interaktive Offerte für die Acht- bis Zwölfjährigen aus dem Disney Channel Studio in Ismaning. Chatten, Live-Gespräche, Studiogäste umspülen Serien wie "Herkules" (erstmals im deutschen Fernsehen) und "Die Dinos". Das Format sieht sich an wie ein täglicher "Tigerenten-Club" der ARD oder "Tabaluga Tivi" des ZDF.

Der Disney Channel nimmt bewährte Programme auf, führt sie fort. Er scheut nicht, Bekannt-Beliebtes ("Rugrats", "Parker Lewis") zu wiederholen. Dabei lernt der Zuschauer wie bei den "Schlümpfen" Programme kennen, die nicht aus den Disney-Werkstätten kommen. Disney Channel zeigt im Schnitt zu 30 Prozent Kaufproduktionen. Die Rate an Eigenproduktionen ist sehr niedrig, auch dies eine Folge der Anlaufverluste und laufenden Kosten, die von der Partizipation an den Abo-Gebühren nicht gedeckt sind. "Ohne Abonnenten ist die Lizenz nichts wert", umreißt Seger die Grundlagen des Deals zwischen Disney und Premiere World. Über den anvisierten Zeitpunkt des Umschlags der roten in schwarze Zahlen schweigt er sich aus. Vielleicht hält er es da mit seinem Disney-Lieblingscharakter, der Micky Maus, die von allen Bürowänden auf seinen Schreibtisch herunter schaut: "Sie macht Fehler und bügelt sie wieder aus, kann sich irgendwie arrangieren".

Der Disney Channel fügt sich fugenlos in das umfassende Entertainment-Angebot des Konzerns ein. So sehr dabei "Fernsehen Fernsehen ist", wie Seger betont, so sehr ist der Kanal in die Verwertungsketten und Verwertungspaletten eingepasst, ausgehend "von der kreativen Idee, die zuerst Film wird und erst viel später im Mikrokosmos TV auftaucht". Der Disney Channel sei ein kleines Regal im großen Supermarkt. Der kennt keinen Ladenschluß - Disney Channel hat keine Sendepause.

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