Zeitung Heute : Am Zarenschatz puzzeln

Franz Lerchenmüller

Wladimir Michailowitsch Domratschow ist, wie jeder große Handwerker, zugleich ein kleiner Philosoph: "Im Grunde sind wir Restaurateure nichts anderes als Ärzte. Nur legt man uns manchmal Patienten auf den Operationstisch, die bereits 90 Jahre auf dem Buckel haben - und wir sollen ihr Leben dann um weitere 50 verlängern. Besser, man schafft dann gleich einen neuen Menschen."

Beziehungsweise ein neues Stück Kunst - und mit nichts anderem ist der gelernte Elektriker und studierte Designer seit über zwanzig Jahren beschäftigt: Er arbeitet an der Rekonstruktion des Bernsteinzimmers, jener historischen Glitzerkammer, der während der letzten 300 Jahre von "legendär", über "achtes Weltwunder" bis "mysteriös" so ziemlich alle Attribute verliehen wurden, die menschliches Erstaunen signalisieren.

Das Original, die Geschichte ist bekannt, wurde 1716 vom preußischen "Soldatenkönig" Friedrich Wilhelm I. Zar Peter dem Großen geschenkt - wofür der sich mit 55 "Langen Kerls" revanchierte. Peters Tochter, Zarin Elisabeth ließ das wertvolle Unikat zunächst ins Winterpalais von St. Petersburg, 1755 dann in ihre Sommerresidenz, den Katharinenpalast in Zarskoje Selo einbauen, wo es bis 1941 blieb. Dann kamen die Deutschen, montierten die kostbaren Wandverkleidungen ab und brachten sie in 27 Kisten nach Königsberg ins Schloss. Als vier Jahre später die Rote Armee näherrückte, wurde alles wieder abgebaut - und verschwand. Ob das Bernsteinzimmer in Königsberg im Feuersturm verbrannte, ob es, bewacht von letzten irren Getreuen, in einem Stollen in Sachsen lagert, gar nach Chile verschifft oder auf der "MS Gustloff" versenkt wurde - so ziemlich alle Szenarien wurden ersonnen und wieder verworfen.

Doch selbst wenn es jemals gefunden würde - viel wäre von der einstigen Pracht nicht erhalten: "Fotos, die noch vor dem Krieg gemacht wurden, zeigen, dass schon damals viele Steine abgefallen oder gesplittert waren", stellt Wladimir Domratschow klar. Er holt gern etwas grundsätzlicher aus, der hagere, grauhaarige Leiter der Werkstätten in Zarskoje Selo, das lange Zeit Puschkin hieß und 26 Kilometer südlich von St. Petersburg liegt. Denn er ist stolz. Stolz auf das, was er und zehn Kollegen seit 1979 geleistet haben, als die Sowjetunion beschlossen hatte, das Zimmer wiederaufzubauen. Sie haben Archive studiert, neue Klebepasten entwickelt und mit Farbstoffen experimentiert. All dies unter schwierigen Bedingungen, zu sehr mageren Löhnen.

Geld fehlte immer - und noch heute lässt sich trefflich darüber streiten, wie sinnvoll es war, die Sowjetbürger für die Wiederherstellung eines Stück Zarenschatzes zur Kasse zu bitten. Bessergestellt wurden die Werkstätten erst, als 1999 die Ruhrgas AG das Sponsoring übernahm, einer der größten europäischen Importeure von russischem Erdgas. 3,5 Millionen Dollar wollen die Essener nach eigenen Angaben investieren, damit das Zimmer im Jahr 2003 - zur 300-Jahr-Feier von St. Petersburg - fertig wird.

Deshalb arbeiten inzwischen 53 Spezialisten in den Werkstätten: Innenarchitekten, Steinschneider, Tischler - aber auch Dreher, Schlosser, Drucker: Handwerker, die sich durch Präzision und Sorgfalt, ihr gutes Auge und eine sichere Hand für die anspruchsvolle Arbeit qualifiziert haben.

Die Werkstätten sind in einem Nebengebäude des Katharinenpalastes untergebracht. Sägen jaulen, Bohrer sirren wie in einer Zahnarztpraxis, weißer Staub liegt wie Mehltau über allem und allen. Eine eineinhalb mal drei Meter große Holzplatte bedeckt einen Tisch. Mit Bleistift wurde das Muster eines an der Wand hängenden Fotos von einem Mosaik übertragen, Bauanleitung für ein riesiges Puzzle, dessen einzelne Teile numeriert sind - um die 600 sind es insgesamt. Einer der Meister sägt dünne Bernsteinplättchen in die entsprechenden Formen, sein Kollege poliert und rundet die Kanten ab. Das ist Handwerk.

Nebenan praktiziert ein Kollege die höhere Schule des Bernsteinschnitzens. Er öffnet eine verstaubte Zigarrenkiste, kramt ein paar milchiggelbe Teile hervor - einen Schenkel, eine Schulter, einen Lockenkopf - und setzt sie haargenau passend zu einem Putto zusammen. Am Ende wird er, zusammengedrahtet und verklebt, zwischen Ranken und Trauben die Umrandung eines Spiegels in einem der Hochreliefs bilden.

"Jeder Meister hier lebt von Anfang bis Ende mit seinem Werk", sagt Wladimir Domratschow. Als Vorbild dient ihm allein ein historisches Foto. Danach fertigt er ein Modell aus Plastilin, das er solange verbessert, bis sein Foto dem des Originals weitestgehend nahekommt. Erst dann wird ein Gipsmodell gegossen, und nach diesem beginnt er die Figuren zu schnitzen - aus verschiedenen Teilen fast immer, denn so große Bernsteinknollen, wie häufig benötigt, sind sehr selten - auch in der Grube "Yantarni" bei Kaliningrad, von wo der Grundstoff bezogen wird.

Etwa eine Woche, lächelt der Künstler, arbeite er an einer Figur. Inwieweit sie mit ihrer Arbeit dem Original nahekommen, konnten die Handwerker lange nur ahnen. Erst als 1997 in Deutschland ein Mosaik und eine Kommode auftauchten und an Russland zurückgegeben wurden, ließen sich Vergleiche anstellen. Und alle fanden, sie hätten höchsten Grund zur Zufriedenheit.

Zu den Werkstätten haben Touristen keinen Zutritt. Nebenan, im Katharinenpalast aber können sie besichtigen, wieweit die Künstler gekommen sind. Nussbraun und honiggolden schimmern die wandhohen Mosaiken mit dem Muster von Presskork. Lichter brechen sich in den Spiegeln, den Doppeladlern und Kronen der Reliefs, goldener Stuck und goldene Schnitzereien schließen zur bemalten Decke hin ab: Die ganze Pracht und Fülle und ornamentale Gier des Barock.

Mit Friedrichs ursprünglich nur 17 Quadratmeter umfassenden Bernsteinkabinett hat dieser etwa 100 Quadratmeter große Raum freilich nur wenig zu tun: Bereits Elisabeth hatte sich von ihrem Baumeister Rastrelli ein neues, erweitertes Bernsteinzimmer gestalten lassen, hatte den Bau von Spiegelpilastern angeordnet und auch die vier Hochreliefs aus Florenz dazugefügen lassen.

Noch sind größere Teile der Wände unbedeckt. Ein Drittel des Zimmers, schätzt Boris Pawlowitsch Igdalov, der Direktor der Werkstätten, sei jetzt wohl fertig. Aber da man die langwierigen Vorarbeiten abgeschlossen und sich die technischen Grundlagen erarbeitet habe, liege man durchaus im Zeitplan.

Wladimir Domratschow aber ist das neue Tempo manchmal etwas unheimlich. Weitere zwanzig Jahre, meint er, wären eigentlich nötig gewesen, um das Werk nur mit den besten Fachleuten in aller gebotenen Gründlichkeit zu vollenden. Deshalb kommt er, der Perfektionist, auch ein wenig ins Grübeln - und Kokettieren -, als er gefragt wird, ob er wohl sehr stolz sein werde, wenn er in zwei Jahren inmitten der halben Million passend zueinandergefügten Bernsteinstückchen stehen und klammheimlich auf die kleinen, nur Insidern erkennbaren Signaturen schielen werde, mit denen die Meister sich an einer bestimmten Stelle verewigten. "Stolz? Vielleicht werde ich auch stolz sein. Vor allem aber werde ich leiden wie ein Hund: Jeden kleinen Fehler werde ich sehen. Genau wissen, wo wir zu schnell gearbeitet haben. Erkennen, welche Stücke wir besser doch ausgewechselt hätten. Stolz? Ach es wäre besser für mich, für immer einen weiten Bogen darumherum zu machen!"

Tipps für Petersburg

Anreise: Mit Aeroflot von Berlin-Schönefeld über Moskau nach St. Petersburg. Preis ab 616 Mark inklusive aller Gebühren. Mit Lufthansa von Berlin-Tegel über Frankfurt am Main nach St. Petersburg. 968 Mark inklusive aller Gebühren.

Einreise: Das für Russland notwendige Visum ist über die Botschaft in Berlin oder die Konsulate in Bonn, Hamburg, Leipzig und München zu bekommen. Botschaft der Russischen Föderation, Unter den Linden 63-65, 10117 Berlin; Telefonnummer: 030 / 226 63 20.

Unterkunft: Eine Broschüre "Hotels Resorts 2002" ist über das Touristenamt zu erhalten. Reservierungen unter der Telefonnummer: 007 / 812 / 318 87 37, im Internet unter: www.accommodation.spb.ru

Essen und Trinken: In den vergangenen Jahren haben neben Schnellimbissen eine ganze Reihe neuer und netter Restaurants aufgemacht. Ganz neu in Puschkin ist das "Rotonda", 23 Shkholnaya ul., eingerichtet mit Sphinxen und ägyptischer Deckenbemalung, aber trotzdem recht guter russischer Küche zu akzeptablen Preisen. Reservierung: 007 / 812 / 465 95 02. Internet: www.rotonda.spb.ru

Literatur: Eva Gerberding: "St. Petersburg", Dumont 2000, 227 Seiten, 19,80 Mark

Dietmar B. Reimann: "Das versteckte Königreich - Bernsteinzimmer-Komplott 2", Kübler Verlag, 2000, 24,80 Mark.

Katharinenpalast: Geöffnet täglich außer dienstags und dem letzten Montag jeden Monats von 10 bis 17 Uhr. Mit dem Zug vom Bahnhof Vitebsk nach Zarskoje Selo, von dort mit Bus 371 oder 382 in den Park.

Informationen Bernsteinzimmer: Zarskoje Selo, 7, Sadovaja St., Zarskoje Selo, 189620 St. Petersburg; Telefonnummer: 007 / 812 / 4562281, Telefaxnummer: 007 / 812 / 465 21 96, E-Mail-Adresse: palace@mail.wplus.net

Auskunft: St. Petersburg Administration Tourist and Resorts, 41, Nevskiy prosp, St. Petersburg; die Telefonnummer: 007 / 812 / 311 28 43, 007 / 812 / 311 29 43, E-Mail: tourism@gov.spb.ru , im Internet: www.tourism.spb.ru

Das Bernsteinzimmer im Internet: www.tzar.ru , www.bernstein-zimmer.de

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

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