Zeitung Heute : Amerika jagt Attentäter von Boston

Polizei tötet tatverdächtigen Tschetschenen – und verfolgt seinen Bruder / Stadt im Ausnahmezustand.

Spezialkräfte mit Helmen, kugelsicheren Westen und Schnellfeuerwaffen durchkämmen im Bostoner Vorort Watertown Haus für Haus. Foto: Jessica Rinaldi/Reuters
Spezialkräfte mit Helmen, kugelsicheren Westen und Schnellfeuerwaffen durchkämmen im Bostoner Vorort Watertown Haus für Haus....Foto: Reuters

Vier Tage nach den Bombenanschlägen auf den Boston-Marathon hat die Polizei einen Tatverdächtigen getötet. Der von der nationalen Sicherheitsbehörde als Tamerlan Zarnajew identifizierte 26-Jährige erlag Verletzungen, die er während einer Verfolgungsjagd in der Nacht zum Freitag erlitten hatte. Zu der Verfolgungsjagd kam es nach dem Tod eines Sicherheitsbeamten, der wegen einer Ruhestörung zu der US-Eliteuniversität Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston gerufen und dort erschossen worden war. Der zweite mutmaßliche Attentäter, Dschochar A. Zarnajew, der 19-jährige Bruder des Getöteten, war zunächst weiter auf der Flucht. Unklar blieb, ob er einen Sprengstoffgürtel angelegt hatte.

Für die Fahndung legten die Behörden die US-Ostküstenstadt lahm. Der öffentliche Nahverkehr wurde eingestellt, Busse und Bahnen gestoppt. Schulen, Universitäten und Geschäfte blieben geschlossen. Die Nationalgarde fuhr mit Panzerwagen Patrouille, Hubschrauber kreisten am Himmel. Der untere Luftraum über der Metropole wurde für die zivile Luftfahrt gesperrt. Die Einwohner wurden aufgefordert, ihre Häuser nicht zu verlassen. TV-Sender sprachen von einer der größten Polizeiaktionen seit dem 11. September 2001. Der Einsatz war bei Redaktionsschluss nicht beendet. Bei dem Anschlag am Montag waren drei Menschen getötet und mehr als 170 verletzt worden.

Im Vorort Watertown, in dem der Verdächtige vermutet wurde, durchsuchten rund 9000 schwer bewaffnete Spezialkräfte Haus für Haus. Der flüchtige 19-Jährige sei „bewaffnet und gefährlich“, warnte Bostons Polizeichef Ed Davis. „Wir gehen davon aus, dass es sich um einen Mann handelt, der gekommen ist, um zu töten.“ Die Sicherheitskräfte sprengten mehrere Gegenstände, in denen sie Sprengsätze vermuteten.

Nach Angaben der Behörden leben die Brüder tschetschenischer Herkunft seit mehreren Jahren legal in den USA. In Sicherheitskreisen hieß es, man tendiere zu der Annahme, dass das Attentat, bei dem am Montag drei Menschen getötet und 176 zum Teil lebensgefährlich verletzt worden waren, einen islamistischen Hintergrund habe. Der flüchtige Dschochar A. Zarnajew hatte im Internet Links zu islamistischen Websites und zu Seiten mit Aufrufen für die Unabhängigkeit der russischen Kaukasus-Republik Tschetschenien gesetzt. Tschetschenien wies eine Verbindung zu den Terrorverdächtigen zurück. Der Onkel der beiden mutmaßlichen Bombenleger zeigte sich schockiert und beschämt über die Tat: „Was sie taten, ist eine Schande“, sagte er vor Journalisten und drängte seinen Neffen zur Aufgabe.

Vor der nächtlichen Verfolgungsjagd hatten die beiden Männer einen Mann als Geisel genommen und flohen in dessen Auto. Die Geisel wurde später freigelassen. Verfolgt von der Polizei, warfen die beiden Tschetschenen Medienberichten zufolge Sprengsätze aus dem Auto und schossen auf die Streifenwagen. Die Polizisten schossen zurück und töteten dabei den 26-Jährigen. Die Fahrt des 19-jährigen Bruders endete in Watertown, wo die Polizei das Fluchtauto fand. mit rtr/dpa

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