Amerika und Arabien : Begrenzter Einfluss

Tagelang hatte die US-Regierung Druck auf den König von Bahrain ausgeübt: Keine Gewalt gegen die Protestbewegung! In der Nacht zu Donnerstag ließ der den Perlenplatz im Zentrum der Hauptstadt Manama dennoch stürmen. So begrenzt ist der Einfluss der USA selbst in Bahrain – einem Golfstaat, der kein Öl besitzt und zum Gutteil davon lebt, dass er der 5. US-Flotte als Stützpunkt dient. Auch Bahrains Aufstieg zum Bankenplatz und Vergnügungszentrum der Potentaten aus den arabischen Nachbarstaaten fußte auf der Sicherheitsgarantie der USA.

Seit Wochen weiten sich die Unruhen in der arabischen Welt aus: Tunesien, Ägypten, Jemen, Jordanien, Libanon, Syrien, Marokko, Bahrain – selbst in Libyen trauen sich nun Bürger, gegen Gaddafis eiserne Herrschaft aufzubegehren. Rund um den Erdball fiebern die Menschen mit. Sie fragen aber auch, welche Rolle die USA spielen. Und viele haben den Eindruck, Präsident Obama stelle sich nicht entschieden genug auf die Seite der Freiheitsbewegungen. Warum hat er, zum Bespiel, nicht offen den Rücktritt des Ägypters Mubarak gefordert? Und warum tritt er jetzt nicht vors Fernsehen und greift zu einer handfesten Drohung, der sich der König von Bahrain nicht entziehen kann, bis hin zum Abzug der 5. Flotte? Amerikas Kritiker argwöhnen, da zeige sich erneut, dass die Freiheitsrhetorik eben nur ein Lippenbekenntnis sei und im Zweifel geostrategische Interessen vor der Moral rangieren: die Stabilität, der Schutz Israels, der Ölpreis, der in den letzten Wochen auf über 100 Dollar pro Barrel emporgeschnellt ist und den Wirtschaftsaufschwung der westlichen Staaten bedroht, oder eben die Militärstützpunkte.

Die erste und wichtigste Antwort darauf: Amerikas Einfluss auf die Entwicklung ist überhaupt nicht so groß. Die Verteidiger und die Kritiker Obamas erliegen da derselben Illusion – und verharren, bei allen ideologischen Gegensätzen, in einem ihnen gemeinsamen Weltbild, in dem die USA den Ton angeben und andere Länder mehr Objekte als Subjekte ihrer eigenen Geschichte sind. Dabei lehren die Ereignisse im arabischen Krisenbogen gerade das Gegenteil: Die Protestbewegungen haben sehr länderspezifische nationale Ursachen. Sie werden durch das Wissen, dass es überall in der Region rumort, befördert. Die USA haben diese Entwicklung weder ausgelöst noch können sie sie steuern.

Der Aufruhr begann in Tunesien, Amerika hatte damit nichts zu tun. Gegenüber Syrien oder Libyen haben die USA keine Druckmittel. Öffentliche Einmischung würde im Zweifel den Demonstranten schaden, weil das Regime sie dann als Handlanger Amerikas verteufelt. Das gilt auch für den Libanon. In Ägypten hat Obama vorsichtig, aber konsequent auf Demokratisierung gedrängt. Auf jede Rede, in der Mubarak Konzessionen anbot, um seine Macht zu retten, antwortete er postwendend: Das sei nicht genug.

Was derzeit in der arabischen Welt geschieht, ist gut für das Selbstbewusstsein der Bürger dort. Sie handeln aus eigenem Antrieb für das eigene Wohl und sie befreien sich damit zugleich von dem lang gehegten Selbstbild, nur ein Spielball äußerer Mächte und autokratischer Herrscher zu sein. Wenn alles gut geht, werden diese Gesellschaften ein selbstbewussterer und damit zugleich verlässlicherer Partner sein – weil sie sich von einem Unterlegenheitskomplex befreien. Dann wären Demokratisierung und Stabilität langfristig keine Gegensätze mehr.

Es ist freilich nicht gesagt, dass dies alles gut gehen wird. Das erklärt zum Teil, warum die USA so vorsichtig reagieren. Kurzfristig löst das Aufbegehren durchaus Instabilität aus. Und niemand weiß, ob die zu mehr Freiheit führt. Am Ende aber will Amerika auf der richtigen Seite der Geschichte stehen, weil nur das dauerhaften Einfluss eröffnet. Welcher Weg dahin führt, ist offen. In Ägypten scheint Obamas vorsichtiger Kurs erfolgreich zu sein. In Bahrain hat er die gewaltsame Niederschlagung der Proteste nicht verhindern können. Es gibt kein Patentrezept für friedliche Demokratisierung, das sich auf alle Länder der Region gleichermaßen anwenden lässt.

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