Zeitung Heute : Amerikaner feiern kitschig, Deutsche wochenlang Wenn es um Weihnachten geht, ist Gayle Tufts Expertin –

am Charlottenburger Schloss knipst die Entertainerin das Licht an

Jeden Abend Weihnachten. Gayle Tufts ist Entertainerin, Buchautorin – und Lichtpatin des diesjährigen Weihnachtsmarktes. Foto: Promo
Jeden Abend Weihnachten. Gayle Tufts ist Entertainerin, Buchautorin – und Lichtpatin des diesjährigen Weihnachtsmarktes. Foto:...

Gayle Tufts macht in diesem Jahr Sissi Konkurrenz. Denn die Entertainerin tritt am zweiten Weihnachtsfeiertag mit ihrer Show im Admiralspalast auf. Zu einer Zeit, in der die Deutschen, so hat das die Amerikanerin beobachtet, kollektiv auf der Couch liegen – und im Fernsehen alte Sissi-Schmonzetten schauen.

Wenn es um Weihnachten geht, ist Gayle Tufts Expertin. Und sie weiß, was das deutsche vom amerikanischen Weihnachten unterscheidet. Der zweite Feiertag zum Beispiel – den gibt es in den USA gar nicht. „Da sind die meisten schon wieder auf dem Weg ins Büro“, sagt Tufts. Auch an Heiligabend arbeiten viele Amerikaner. Weihnachten ist in den USA eine kurze Angelegenheit. „Es gibt nicht einmal die Adventszeit so wie in Deutschland.“ Das sei vielleicht der größte Unterschied: Dass die Deutschen so viel Zeit haben zum Feiern.

Gayle Tufts läutet Weihnachten spätestens am 1. Dezember ein – dann muss ein Baum her, der dann auch schon die ganze Zeit im Wohnzimmer steht. In diesem Jahr wird es für die Amerikanerin schon am 22. November weihnachtlich: Sie ist Lichtpatin auf dem Weihnachtsmarkt vor dem Schloss Charlottenburg und wird um 18 Uhr die festliche Beleuchtung einschalten. Vielleicht denkt sie dabei ja ein bisschen an ihre alte Heimat New York, wo Prominente jedes Jahr den riesigen Weihnachtsbaum vor dem Rockefeller Center zum Leuchten bringen.

Den Ruf als Weihnachtsexpertin hat sich Tufts aber erst in Berlin erarbeitet. Es begann, als der damalige Intendant des Friedrichstadtpalasts, Alexander Iljinskij, bei ihr anrief: Ob sie sich vorstellen könne, eine Weihnachtsshow zu moderieren? „Oh my god!“, rief sie – ein sicheres Zeichen dafür, dass sie von etwas begeistert ist. 2002 trat sie in der Revue auf, ein Jahr später noch einmal. Vor fünf Jahren schrieb sie ihre erste eigene Weihnachtsshow.

Seitdem hat sie im Dezember immer gut zu tun. Ist das nicht schwer für jemanden, der Weihnachten so sehr liebt? Sie lacht, kehlig giggelnd. „Das ist eine gute Diät“, sagt sie. Außerdem feiert sie so viel öfter Weihnachten – jedes Mal in ihrer Show, als perfekte Gastgeberin. An Heiligabend hat sie aber Ruhe. Dann wird sie „A Charlie Brown Christmas“ in den DVD-Player schieben, den Peanuts-Zeichentrickfilm von 1965. „Ein Muss für jedes amerikanisches Kind!“ Und für Gayle Tufts. Abends wird sie mit gut kochenden Freunden einen deutschen Heiligabend feiern. Im Januar macht sie Pause und fliegt zu ihrer Schwester nach Boston.

Über deutsche und amerikanische Weihnachtsbräuche hat Gayle Tufts ein Buch geschrieben: „Weihnachten at Tiffany’s“. Darin freut sie sich über das Wort „Brückentag“ – eine Erfindung, die der Amerikaner nicht kennt. Sie schwärmt von ihrer Lieblingsbeschäftigung am 24. Dezember: eine Runde durch das KaDeWe drehen, das an diesem Tag zum „Kaufhaus des Wahnsinns“ werde, mit all den erschöpften Ehemännern. Und sie verteidigt „Christmas“, das gar nicht so kitschig sei, wie die Deutschen immer dächten. „Hier ist Weihnachten doch eine sehr ernste Angelegenheit“, sagt sie. An ihrem ersten Heiligabend in Berlin stieß sie gleich auf eine für sie typisch deutsche Kontroverse: echte Kerzen oder elektrische Lichter am Baum? Darauf war Gayle Tufts nicht vorbereitet. Wachskerzen am Baum, das hatte sie ja noch nie gesehen. Anna Pataczek

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