Zeitung Heute : Amerikaner im Irak geköpft

Malte Lehming Frank Jansen

Islamistische Terrorgruppe zeigt Video / US-Außenministerium bestätigt: Es wurde ein Toter gefunden

Bagdad/Washington. Radikale Islamisten haben im Irak einen amerikanischen Geschäftsmann geköpft. Das Verbrechen hielten sie auf Video fest. Es sei ein Racheakt für die Misshandlung irakischer Gefangener durch US-Soldaten, hieß es in einer Erklärung. Das Video wurde am Dienstag auf einer islamistischen Webseite veröffentlicht. Darauf sind fünf vermummte Männer zu sehen. Sie stehen über einem gefesselten Mann, der sich selbst als „Nick Berg“ identifiziert. Dessen Leichnam war bereits am vergangenen Sonnabend an einer Autobahn-Überführung in Bagdad gefunden worden.

Von Malte Lehming

und Frank Jansen

Der Nachrichtenagentur Associated Press zufolge sagt der Mann auf dem Video: „Mein Name ist Nick Berg, mein Vater heißt Michael, meine Mutter Susanne, ich habe einen Bruder und eine Schwester, David und Sarah. Ich lebe in Philadelphia.“ Anschließend hält einer der Männer ein großes Messer an den Hals des Amerikaners, der orangefarbene Gefängniskleidung trägt. Während dessen Kopf abgeschlagen wird, rufen die Männer „Allahu Akbar“ – Gott ist groß. Dann halten sie den abgetrennten Kopf vor die Kamera.

In den USA war die Nachricht von dem Video sofort Thema des Tages. Alle TV-Nachrichtensender brachten Sonderprogramme. Die Mordszenen des Videos wurden nicht gezeigt. Das Weiße Haus verurteilte die Tat aufs Schärfste. Sie zeige „die wahre Natur der Terroristen“. Dem TV-Sender CNN zufolge wurde im US-Außenministerium auch bestätigt, dass man die Leiche eines geköpften Amerikaners gefunden habe.

Bevor die Extremisten den Mann köpften, verlas einer von ihnen eine Erklärung. „Den Müttern und Witwen der amerikanischen Soldaten sagen wir, dass wir der US-Regierung angeboten hatten, diese Geisel gegen einige Gefangene in Abu Ghraib auszutauschen. Sie lehnte ab.“ Weiter heißt es, die Verletzung der Würde der muslimischen Männer und Frauen in Abu Ghraib könne nur durch „Blut und unsere Seelen“ gesühnt werden. Die Amerikaner würden „Sarg um Sarg“ bekommen. Das Video trägt den Titel „Abu Musab al Sarqawi tötet einen Amerikaner“.

Al Sarqawi ist Anführer einer eigenen Terrortruppe und wird für zahlreiche schwere Anschläge im Irak verantwortlich gemacht. Der Jordanier gilt als einer der kommenden Anführer des islamistischen Terrors, vor etwa vier Jahren hat er sich in Afghanistan mit Al-Qaida-Chef Osama bin Laden verbündet. Im Irak scheint Sarqawi die Aktionen der militanten Gruppe Ansar al Islam zu leiten, die sich offenkundig zu einem Sammelbecken islamistischer Kämpfer entwickelt hat.

Der 26-jährige Berg stammt aus West Chester im US-Bundesstaat Pennsylvania. Anfang Dezember 2003 war er auf eigene Faust in den Irak gereist. Dort wollte er mit der Installation von Satellitenempfängern Geld verdienen. Am 1. Februar 2004 war er in die USA zurückgekehrt, da er keine Arbeit fand. Im März flog er erneut in den Irak, fand wieder keine Arbeit und wollte am 30. März endgültig in die USA zurück. Zuvor jedoch scheint er in der Gegend von Mosul von irakischen Sicherheitskräften verhaftet worden zu sein. Diese überstellten ihn offenbar an die US-Armee.

Am 5. April reichten Bergs Eltern Klage bei einem Bundesgericht in Philadelphia ein. Sie beschuldigten das US-Militär, ihren Sohn illegal festzuhalten. Einen Tag später wurde dieser auf freien Fuß gesetzt. Er sei nicht misshandelt worden, erzählte er seinen Eltern. Das letzte Lebenszeichen erhielten diese am 9. April. Er sei jetzt auf dem Weg nach Hause, teilte er ihnen mit.

Folter: US-General klagt Armee an

Unterdessen warf US-Generalmajor Antonio Taguba der amerikanischen Armee vor, dass der Folterskandal in dem Militärgefängnis Abu Ghraib bei Bagdad auf das Versagen der Führungsstrukturen zurückzuführen sei. Taguba sagte dies am Dienstag bei einer Anhörung im Kongress in Washington. Er hatte die Misshandlungsvorwürfe untersucht und in einem vertraulichen Bericht dokumentiert.

Taguba prangerte mangelnde Disziplin, fehlende Ausbildung und nicht vorhandene Aufsicht der Soldaten und Militärpolizisten an. Der US-Senat verurteilte die Misshandlungen scharf und verlangte eine rasche Aufklärung. In einer einstimmig angenommenen Resolution forderte der Senat die US-Regierung zu „angemessenen Maßnahmen“ auf, damit sich derartige Vorfälle nicht wiederholen. Amnesty International erhob neue Vorwürfe gegen britische Soldaten: Sie hätten Zivilisten erschossen, ohne bedroht worden zu sein. Das UN-Kinderhilfswerks Unicef äußerte die Sorge, dass auch Kinder in irakischen Gefängnissen misshandelt wurden.

Nach Bekanntwerden des Folterskandals ist das Ansehen von US-Präsident Bush laut Umfragen deutlich gesunken. Nur noch 46 Prozent der Bürger zeigten sich nach Medienberichten zufrieden mit Bushs Amtsführung, weniger als je zuvor seit seinem Amtsantritt.

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