AMERIKANISCHE BOTSCHAFTEN IN BERLIN Geschichten aus Ost und West : Ein fürstlicher Standort

Das Botschaftsgelände am Pariser Platz 2 spiegelt auch ein bisschen deutsche Geschichte wider

Michael S. Cullen

Mit der Eröffnung ihrer Botschaft am Pariser Platz ist es den USA gelungen, mehrere „firsts“ zu schaffen. Nie zuvor haben die USA eine Botschaft in Berlin gebaut, nie amtierte ein US-Botschafter an dieser Stelle. Und: Innerhalb von 211 Jahren kam Amerika nur eine Hausnummer weiter; vom Pariser Platz 1, wo der erste US-Botschafter, John Quincy Adams, 1797 Kanzlei und Wohnung bezog zum Pariser Platz 2.

Fast am Ende seiner Regierungszeit ließ König Friedrich Wilhelm I. die südliche Friedrichstadt anlegen; dazu gehörten auf einem von einer Zollmauer umgebenen dreieckigen Grundriss drei Plätze: ein runder, heute Mehringplatz, ein achteckiger, heute Leipziger Platz, und ein rechteckiger, heute Pariser Platz. 1737 war der Platz fertig. 60 Jahre später, im November 1797, zog der erste US-Botschafter, Adams, in das Haus Pariser Platz 1 ein, wo er allerdings nur ein halbes Jahr blieb. Die Lage sagte ihm zwar zu, doch die Wohnung war ihm nicht komfortabel genug.

1815 wurde das Haus Pariser Platz 2 vom preußischen Staat gekauft, geteilt und an den Fürsten Blücher als Dotation für seinen Sieg (mit Wellington) über Napoleon gegeben. Bis 1921 blieb das Haus im Besitz der Blücher-Familie.

Lange engte die Zollmauer das Grundstück ein, vor allem die unteren Geschosse waren dunkel und schwer zu vermieten. Erst 1865 ist es gelungen, König Wilhelm gegen den Widerstand der Militärverwaltung für den Abriss der Mauer zu gewinnen. Die Familie Blücher beauftragte daraufhin den Berliner Architekten Carl Richter, das Haus völlig neu zu gestalten. 1870 war das Palais Blücher in der uns bekannten Ansicht fertig.

1888 geschah, selbst für Berlin, etwas Makaberes und Skurriles. Kaiser Wilhelm war gestorben, und Berlin errichtete für die Leichenprozession, die vom alten Dom über die Linden, durch das Brandenburger Tor bis zum Mausoleum im Park von Schloss Charlottenburg verlaufen sollte, Tribünen auf dem Pariser Platz. Der 3. Fürst Blücher beschwerte sich beim Magistrat, diese Tribünen nähmen ihm die Möglichkeit, seine Fenster für das Event zu vermieten. Später verklagte er Berlin auf 1850 Mark entgangener Miete, verlor, und ging verbittert von Berlin nach Guernsey.

1909 gründeten einige wohlhabende New Yorker Geschäftsleute, Banker und Rechtsanwälte die „American Embassy Association“ und begannen, sich für bessere Räume und Ausstattung von US-Botschaften einzusetzen. Innerhalb weniger Jahre gelang es ihnen, mehrere Gesetze und Beschlüsse durch den Kongress zu bringen, der sogar erhebliche Mittel bereitstellte. Und so erhielt 1920 der US-Kommissar in Berlin – bis 24. August 1921 herrschte noch offiziell Krieg – den Auftrag, nach geeigneten Immobilien Ausschau zu halten. Doch erst nach dem Friedensvertrag, dem Ende der Inflation und der Ankunft eines neuen Botschafters begannen die USA offen und ernsthaft nach einem Objekt zu suchen. Am Ende standen zwei Angebote zur Wahl: die Doppelvilla des Disconto-Bank-Gründers Hansemann, Tiergartenstr. 30-31, mit einem immensen Garten und das Palais Blücher.

Als der Erste Weltkrieg zuende war, beschlossen die Blüchers, sich von dem Anwesen in Berlin zu trennen. Ende September 1921 verkauften sie das Palais am Pariser Platz 2 dem lettischen Immobilienhändler William Zimdin, der ihnen rund 44 000 000 Reichsmark, etwa 6620 Dollar zahlte. Für Zimdin ein sehr gutes, für Blücher ein sehr schlechtes Geschäft. Nun versuchte Zimdin, das Palais an die Amerkaner zu verkaufen.

1925 begannen ernsthafte Verhandlungen, zunächst unter Botschafter Alanson B. Houghton. Die Entscheidung war gefallen: Es sollte das Palais Blücher sein. Zimdin bot den Amerikanern das Palais für umgerechnet 1 900 000 Dollar an. Als der arme Blücher von dieser Preisvorstellung erfuhr, reichte er beim Gericht Klage ein und bekam im Mai 1928 eine Entschädigung von 300 000 Reichsmark, umgerechnet etwa 71 420 Dollar, zugesprochen.

Am 7. November 1930 war zwischen den USA und Zimdin alles perfekt. Vereinbart wurde ein Preis von 1 728 561 Dollar, unter der Voraussetzung, dass das Palais frei von Mietern sei. Am 8. September 1931 erhielten die USA den Eigentumstitel. Und dann? – geschah nichts.

Noch bestand keine Eile, das Haus nach einem Brand zu restaurieren. Die Räume in der Bendlerstraße (heute Stauffenbergstraße) in der Stadtvilla des Bankiers Hanns von Bleichröder, die die Amerikaner gemietet hatten, waren ausreichend. Außerdem fehlte es am Geld. Der Kongress war wie immer knauserig. Hinzu kam, dass sich 1932 Amerika im Wahlkampf befand und es zwecklos war, Geld für Auslandsprojekte zu beantragen. 1933 würde man weiter planen können.

Dazwischen kam jedoch die Politik. Anfang 1933 kam Hitler an die Macht, fünf Wochen später wurde Roosevelt in sein Amt eingeführt. Sein neuer Botschafter, der Historiker William E. Dodd, der in Leipzig promoviert hatte, trat im Juni 1933 seinen Dienst in Berlin an. Dodd war ein Mann, dem das Repräsentieren nicht gefiel – er meinte, alles könne viel bescheidener sein. Für ihn war von vornherein das Palais ein Dorn im Auge: Er nannte es einen „weißen Elefanten“. Aus seiner Abneigung gegen das Haus machte Dodd kein Geheimnis. Doch so lange er in der Tiergartenstr. 27 a wohnte, und die Botschaft nur wenige Schritte entfernt lag, gab es keinen Druck.

Doch Druck gab es von den Machthabern in Berlin. Bereits 1934 versuchten sowohl Göring und als auch Goebbels, die Amerikaner zu bewegen, das Haus zu verkaufen. Göring hoffte dort sein Luftfahrtsministerium zu errichten. Als man zögerte, zog er sein Angebot zurück und ließ an der Ecke Leipziger/Wilhelmstraße sein Ministerium bauen. Anfang März 1936 erhielt Dodd eine Aide-Memoire mit der Bitte, da das Haus, „an städtebaulich so hervorragender Stelle“ liegt, es reparieren zu lassen. Nach Beschreibung des Zustandes und Aufzählung der sichtbaren Schäden, bat Berlins Stadtoberhaupt, „die Botschaft der Vereinigten Staaten, hinsichtlich der genannten Schäden die notwendigen Schritte zu ergreifen, damit nach Möglichkeit bis zum Beginn der Olympischen Spiele in Berlin das Strassen- und Platzbild… einen der Reichshauptstadt würdigen Anblick bietet“. Es gab von den USA keine Reaktion.

Vielleicht wären die USA noch immer nicht umgezogen, wenn nicht Albert Speer den Amerikanern ihre Liegenschaften im Tiergarten gekündigt hätte. Für seine grandiose Pläne für „Germania“ musste das ganze Viertel dran glauben. So renovierten die USA das Palais Blücher und zogen dort im April 1939 ein.

Nun begann ein seltsames Kapitel. Obwohl die USA ihren Botschafter eine Woche nach dem Reichspogromnacht 1938 abberufen hatten, bestanden noch diplomatische Beziehungen, auch nachdem die Wehrmacht in Polen und in Frankreich einmarschiert war. Im gleichen Monat, in dem die USA in das Palais Blücher einzogen, fragte Speer die Amerikaner, ob sie gewillt wären, gewisse Änderungen an der Schnittstelle zum Brandenburger Tor zu akzeptieren. Die Idee war, das Tor freizustellen, was „unschöne“ Kanten zurückgelassen hätte. Der Vorschlag war, an diese Stelle turmartige Aufbauten hinzuzufügen, (selbstverständlich mit der Nordseite des Platzes symmetrisch). Und obwohl die Amerikaner im Dezember 1941 interniert wurden, führte das Speersche Ministerium einen Briefwechsel über die Schweizer Schutzmacht. Erst gegen Mai 1942 wurde der Plan aufgegeben.

Während des Krieges musste die Schweiz von den USA die Erlaubnis holen, die Großbuchstaben USA vom Dach zu nehmen, damit alliierte Piloten die Botschaft nicht „aussparten“ – es trafen auch einige Bomben das Haus, aber die größten Schäden kamen am Kriegsende.

Nach Errichtung der DDR 1949 hat der neue Staat die USA nicht enteignet, aber 1957 die Ruine abgeräumt. Soweit bekannt, lud die DDR die USA alljährlich ein, das Grundstück zu inspizieren.

Mit dem Fall der Mauer erhielten die USA das Grundstück zurück, aber erst Botschafter Kimmitt wagte es, am 8. Januar 1993 eine Tafel zu weihen, auf der gestanden hat: ehemalige und künftige Stelle der US-Botschaft. Jetzt, mehr als 15 Jahre später, wird das Versprechen dieser Tafel eingelöst.

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