Amerikanische Identität : Zugehörigkeit statt Toleranz

Man darf unterschiedlich sein und ist trotzdem vollwertiger Teil der Gesellschaft - von der Bedeutung eines Einwanderungslandes.

Tamar Jacoby
Amerikanische Identität: Nicht nur akzeptiert werden, sondern auch dazu gehören.
Amerikanische Identität: Nicht nur akzeptiert werden, sondern auch dazu gehören.Foto: dpa

Egal, welche Fragen die politischen Debatten in Europa oder den USA gerade beherrschen – das Thema Einwanderung ist stets allgegenwärtig. In Europa wird dieses Thema jedoch erst in der letzten Zeit verstärkt wahrgenommen. Noch vor zehn oder 15 Jahren betrachtete sich kaum ein europäischer Staat als „Einwanderungsland“, und eine breite Diskussion über die Regulierung von Einwandererströmen und Integration fehlte. Doch Ereignisse wie der 11. September, die Ermordung des niederländischen Filmemachers Theo van Gogh 2004, die Aufstände in Paris 2005 sowie der dänische Karikaturenstreit 2006 haben heftige Debatten ausgelöst. Das Thema mag inzwischen viele bereits langweilen; doch hinsichtlich Migration und Demografie sind zehn Jahre ein Wimpernschlag. Europa beginnt eigentlich gerade erst, sich mit dem Einwanderungsproblem auseinanderzusetzen.

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Doch die europäischen Länder haben noch viel Arbeit vor sich. Wie viel, lässt sich an der Geschichte der USA ablesen, dem Einwanderungsland schlechthin. Nach Hunderten von Jahren der Masseneinwanderung kämpfen die USA nach wie vor mit diesem Problem und definieren ihren Ansatz immer wieder neu. Wie ein Vergleich zwischen Europa und den USA verdeutlicht, hängt es aber nicht hauptsächlich von der Politik ab, wie ein Land mit dem Thema Einwanderung umgeht. Wenn es darum geht, Neuankömmlingen bei der Integration in das gesellschaftliche Gefüge zu helfen, sind amerikanische Kultur und nationale Identität hilfreicher als Gesetze.

Der Erfolg der Vereinigten Staaten als Einwanderungsland liegt in tief verwurzelten Werten und Standpunkten wie Trennung von Kirche und Staat; die größere Bedeutung der Rechte des Einzelnen als der von Gemeinschaften; eine Gesellschaftsstruktur, die historisch betrachtet schon immer im Wandel war; der nur wenig regulierte Arbeitsmarkt usw. Zusammen bilden sie den amerikanischen Ansatz im Hinblick auf Einwanderung, der sich über Jahrhunderte hinweg entwickelt hat und wie ein Geheimrezept schwer zu kopieren ist.

In den Medien auf beiden Seiten des Atlantiks wird häufig die Vermutung geäußert, dass die kulturellen Unterschiede vom Schicksal vorgegeben seien – dass die USA von Natur aus gut dafür geeignet seien, Einwanderer aufzunehmen, und Europa nunmal nicht. Das ist eine gefährliche selbsterfüllende Prophezeiung. Europa ist anders und stolz auf seine Werte, die von einer anderen Geschichte, einem anderen Verständnis von Nationalität und einem anderen gesellschaftlichen Verständnis geprägt sind. Es wäre es ein Fehler, wenn Europa den amerikanischen Ansatz blind imitieren würde. Das bedeutet aber nicht, dass Deutschland und andere europäische Länder keine erfolgreichen Einwanderungsländer werden können.

Anhand des Beispiels der USA wird aber deutlich, welcher tiefgehende gesellschaftliche Wandel dafür Voraussetzung ist. Eine solche Entwicklung kann durchaus länger als eine Generation in Anspruch nehmen. Mit Sprachunterricht oder neuen Einbürgerungsgesetzen wird es nicht getan sein, auch wenn diese Faktoren wichtig sind. Auch mehr finanzielle Förderung von Seiten des Staates ist nicht die Lösung. Ebenso wenig ist es nur eine Sache der Toleranz, denn was von den Aufnahmeländern verlangt wird, geht weit über bloße Toleranz hinaus. Ein Einwanderungsland zu werden, bedeutet eine tiefgreifende historische Veränderung. Deutschland hat diesen Weg gerade erst eingeschlagen und als Nation erkannt, dass es der richtige ist.

Europa und die USA können beim Thema Einwanderung voneinander lernen. Im Hinblick auf Integration bietet sich eine schöne Metapher für die unterschiedlichen Stärken der beiden Länder an: Es ist, als wollten zwei Menschen gemeinsam ein Lied singen, wobei der eine den Text beherrscht, aber die Töne nicht trifft, während der andere ein begnadeter Sänger ist, aber den Text nicht behält. Deutschland hat sich in den letzten Jahren bei der Entwicklung von Hilfestellungen für Menschen mit Migrationshintergrund – wie etwa Sprachkursen, Unterricht in Staatsbürgerkunde, Berufsbildung und Umschulung, Nachhilfe, Betreuung oder Hilfe beim Zugang zu sozialen Dienstleistungen – hervorgetan, um diesen das Einleben zu erleichtern. Die USA bieten faktisch keine dieser Hilfen an und sollten auf diesem Feld von Deutschland lernen, wo sowohl der öffentliche als auch der private Sektor Programme entwickeln und die Rechnung mittragen. Die USA hingegen sind Deutschland im Hinblick auf ihre Vision einer nationalen Identität voraus.

Der amerikanische Einwanderungsansatz wird oft mit einem Schmelztiegel verglichen, der den Neuankömmlingen jegliche Kultur und Verbundenheit mit ihren Herkunftsländern raubt. Dies ist jedoch ein Klischee. Im Gegenteil: Die Vereinigten Staaten sind universalistisch in ihren Werten, in deren Zentrum die humanistischen Ideale der Aufklärung stehen, lassen jedoch genug Raum für ethnische Unterschiede und Religionen. Die USA rechtfertigen sich nicht für ihre Werte und Standpunkte, sind aber gleichzeitig offen und integrativ. Man besteht auf einer gemeinsamen Sprache und der Achtung gewisser politischer Vorstellungen, lässt jedoch in allen anderen Bereichen den Einwanderern die Freiheit, ihr Leben zu leben. Amerika hat in der Vergangenheit nicht immer dieser Vision gemäß gehandelt, aber dieses Ideal besteht weiterhinund ist immer stärker geworden.

Das Kernstück der amerikanischen Vision ist eine klare Vorstellung von Staatsbürgerschaft – alle Bürger sind gleich, und die Staatsbürgerschaft steht (zumindest in der Theorie) allen offen. Doch diese würde nicht halb so gut funktionieren, wäre sie getrennt von freier Marktwirtschaft und einer flexiblen Gesellschaftsordnung, innerhalb derer Einwanderer die Möglichkeit haben, einer Arbeit nachzugehen und in der Gesellschaft aufzusteigen. Das Ergebnis ist weltweit einzigartig: ein Land, in dem Menschen unterschiedlich sein dürfen und sich trotzdem als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft fühlen können. Ein Land, in dem fremd aussehende Menschen eines anderen Glaubens Teil der Gesellschaft, quasi echte Amerikaner werden können.

Können Deutschland und andere europäische Länder diese Art von Identität entwickeln? Können sie den Schwerpunkt ihres Strebens von der Vielfalt hin zur Integration verlagern? Können sie mehr bieten als Toleranz, nämlich echte Zugehörigkeit? Können sie ihre Volkswirtschaften dahingehend verändern, dass die meisten Einwanderer Arbeit finden und die Bedeutung eines Arbeitsplatzes für eine erfolgreiche Einwanderung verstehen? Es kann hier nicht darum gehen, Amerika zu imitieren. Vielmehr sollte etwas wahrhaft Deutsches geschaffen werden. Das ist die Herausforderung, der sich Deutschland und die übrigen europäischen Länder auf dem Weg hin zu erfolgreichen Einwanderungsländern gegenübersehen.

Die Autorin ist Präsidentin von ImmigrationWorks USA.

Aus dem Englischen von Stephan Rothschuh.

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