Amerikanische Kriegsführung : Wie Avatar ohne blaue Wesen

"Human Terrain" - Wie aus einem Dokumentarfilm über die amerikanische zivil-militärische Kooperation im Irak der Krieg - als ein Reich der Zufälle - wurde.

James Der Derian
Aufstandsbekämpfung. Training für Iraker – eine Szene aus dem Dokumentarfilm „Human Terrain“ . Foto: promo
Aufstandsbekämpfung. Training für Iraker – eine Szene aus dem Dokumentarfilm „Human Terrain“ . Foto: promo

„Das entscheidende Terrain ist das menschliche Terrain.“

Erste Anordnung in der „Aufstandsbekämpfungsrichtlinie“ vom 1. August 2010 von General David H. Petraeus, Kommandeur der US-Armee und der ISAF in Afghanistan

„Worum geht es in dem Film?" Das war die gefürchtete Frage. Egal ob sie ernsthaft vom Publikum eines Filmfestivals gestellt wurde, das nach der Botschaft unseres Dokumentarfilms „Human Terrain“ suchte, oder ob sie skeptisch von potenziellen Käufern formuliert wurde, die begierig nach dem Aufhänger waren, der die Kinosäle füllen würde. Selbst wenn sie nur aus Höflichkeit gestellt wurde, habe ich oft mit einer abwehrenden Gegenfrage geantwortet – „Was meinen Sie denn, worum es geht?“ – oder mit einer pseudoexistenziellen Tautologie – „Der Film ist, was er ist.“ Und wenn das nicht ausreichte, wich ich aus: „Er ist Avatar ohne die blauen Wesen und ohne die 299,9 Millionen Dollar.“

Meine ausweichenden Reaktionen hatten verschiedene Gründe, von denen vermutlich keiner letztlich plausibel war. Doch zwei von ihnen wogen am schwersten. Zuerst war da die Tatsache, dass bei diesem Film Drehbuch, Regie, Kameraführung und Produktion in der Hand eines Teams von Filmemachern lagen, die alle ihre eigene Perspektive einbrachten – Michael und David Udris, meine Mitverschwörer, haben einen Abschluss vom ersten und vermutlich letzten Institut für Semiotik.

Diese Filmemacher waren mit Barthes, Foucault und anderen post-philosophischen Philosophen der Meinung, dass nicht nur der Autor tot ist, sondern auch dass ein Regisseur, der sich herausnimmt, einem Kunstwerk eine einzige Bedeutung zuzuweisen, zu den lebenden Toten gehört. Der zweite Grund war eher persönlicher als philosophischer Natur, und er wurde von der Burke'schen „Macht der Umstände“ geliefert. Sie ist stärker als jede weltliche Macht und macht jeden Plan, wohltätig, verderblich oder filmemacherisch, zunichte.

Zunächst wollten wir einen Film darüber machen, wie sich die Art der amerikanischen Kriegsführung verändert hat. Nachdem das Banner „Mission Accomplished“ (dt. etwa „Mission erfolgreich beendet“) abgenommen worden war und sich der „Shock-and-awe“-Effekt (dt. etwa „Schrecken und Ehrfurcht“) als Strohfeuer entpuppt hatte, legte das Pentagon angesichts der langen und erfolglosen Feldzüge in Irak und Afghanistan eine neue Strategie zur Aufstandsbekämpfung (counterinsurgency strategy – COINS) vor. Die Strategie wurde zuerst von General Petraeus und anderen „COINSinisten“ vom Training and Doctrine Command (TRADOC) am US-Militärstützpunkt Fort Leavenworth formuliert, und sie verschob den Schwerpunkt von der Tötung des Feindes und der Gebietseroberung hin zur Absicht, die Herzen und Geister der Menschen zu gewinnen.

The Human Terrain in the War on Terror

Der Kern von COINS war das sogenannte „Human Terrain System“ (HTS), das 2006 im TRADOC als Machbarkeitsnachweis ins Leben gerufen wurde. Das oberste Ziel des HTS war es, dem „US-Kommando soziokulturelles Fachwissen“ an die Hand zu geben, wodurch die Zahl der Opfer auf beiden Seiten sowohl in Irak als auch in Afghanistan reduziert werden sollte. Erreicht wurde dies – ob man es glaubt oder nicht – durch die Zuteilung von Wissenschaftlern, hauptsächlich Sozialwissenschaftlern, zu Truppen im Kampfgebiet. Trotz des mikroskopischen Jahresbudgets (40 Millionen Dollar) und der geringen Größe (21 fünfköpfige Teams im Irak, vier in Afghanistan), mauserte sich HTS bald zum prominenten Aushängeschild des zivilen Charakters von COINS. Doch ebenso schnell gerieten das Programm und seine zwei charismatischen Führer Steve Fondacaro (Oberst a. D. des Sondereinsatzkommandos) und Montgomery McFate (Ex-Punkrocker und Doktor der Anthropologie) unter Beschuss. Allen voran durch die einst als „Dienstmädchen des Kolonialismus“ bekannte anthropologische Wissenschaft, die nun entschlossen war, die geliebte Unabhängigkeit der Wissenschaft zu bewahren und zu verhindern, dass Kultur zunehmend „zur Waffe gemacht“ würde. In der Aufregung der wachsenden Kontroverse gingen glaubwürdige Berichte über tatsächliche Aktionen und den Einfluss von HTS verloren. Schließlich wurde HTS zum „MacGuffin“ von COINS, zu jenem Hitchcock'schen Element, das die Handlung zum großen Endkampf zwischen Militär und Wissenschaft vorantrieb.

Doch die Macht der Umstände kam dazwischen, in der Form Michael Vinay Bhatias und seines tragischen Unglücks. Bhatia war ein brillanter junger Wissenschaftler von der Brown University, der mit magna cum laude abgeschlossen und als humanitärer Aktivist in der Westsahara, im Kosovo, in Osttimor und Afghanistan gearbeitet hatte. Bhatia hatte ein Marshall-Stipendium gewonnen, um eine Postdoktorandenstelle in Oxford anzutreten, kehrte jedoch vor Abschluss seiner Arbeiten an die Brown University zurück und stieß zu unserem Projekt, das auf Geheiß des Pentagons Kultur zur kritischen Variable der Aufstandsbekämpfung machen sollte. Bhatia reiste zu zahlreichen wissenschaftlichen und militärischen Konferenzen zum Thema kulturelle Sensibilität, kulturelle Kompetenz und kulturelles Bewusstsein.

Wir ahnten nicht, dass er vom Militär wegen seines beachtlichen Fachwissens in humanitärer Intervention, Kombattantenmotivation und militärisch-zivilen Fragen sehr geschätzt wurde. Als sich Bhatias Zeit als Fellow an der Brown University ihrem Ende zuneigte und er keine wissenschaftlichen Alternativen in Aussicht hatte, beschloss er, den Elfenbeinturm zu verlassen und sein Wissen in der „Welt da draußen“ anzuwenden. Nachdem er einige Monate in Fort Leavenworth und Fort Benning geschult worden war, wurde er im Herbst 2007 als Mitglied des Human Terrain Team One in Afghanistan der 82. Luftlandedivision zugeteilt. Wir hatten geplant, als Teil des Films ein Video-Interview mit Bhatia über Skype zu machen. Doch dazu kam es nie. Auf dem Weg zu ihrem Ziel, wo Bhatia als Vermittler zwischen verfeindeten Stämmen agieren sollte, kamen er und zwei Soldaten ums Leben, als ihr Fahrzeug über einen getarnten Sprengsatz auf der Straße fuhr. Der knappe und schnörkellose militärische Bericht war bei Wikileaks nachzulesen und lautete etwa so:

7. Mai, 2008, 08:24

EINHEIT: TF GLORY

TYP: IED-DETONATION

HERGANG:

UM 0824 BERICHTET TF GLORY, DASS EINE PATROUILLE EINE IED

TRAF. 2 X US GEFALLENER. 1x US

CIV GEFALLENER. 2 x US VERWUN

DET. KFZ BESCHÄDIGT, KANN

NICHT ABGESCHLEPPT WERDEN… VORFALL ABGESCHLOSSEN 08 0858Z MAI 08

Doch abgeschlossen war der Vorfall am 8. Mai noch nicht. Als erstes ziviles Opfer eines kontroversen Programms war sein Tod ein Ereignis von großem öffentlichem Interesse. Renommierte Zeitungen berichteten über seine Beerdigung, an der neben Familienmitgliedern und Kollegen aus der Wissenschaft auch Mitglieder des HTS sowie der 82. und der 101. Luftlandedivision teilnahmen. Bei einer Zeremonie nach der Beendigung überreichte der Direktor des HTS Bhatias Mutter und Vater die Kriegsverdienstmedaille des Verteidigungsministers „für seinen Heldenmut und seinen selbstlosen und über die Pflichterfüllung hinausgehenden Einsatz“. Sein Tod wurde Thema von Zeitschriftenartikeln, Blogs und, nach intensiven Gesprächen mit Freunden und Familienmitgliedern, auch Thema eines Dokumentarfilms, den wir als eine Geschichte angefangen hatten und der plötzlich zu einer anderen geworden war.

Wir haben immer noch keine bessere Antwort auf die Frage, worum es in dem Film geht. Aber ich weiß jetzt, dass es nicht nur um einen Krieg oder um einen Menschen geht, sondern darum, dass keine Absicht, von einer Person oder einer höheren Macht, einem Autor oder einem Regisseur, es mit der Macht der Umstände aufnehmen kann. Ich beabsichtige, während meiner Zeit an der American Academy in Berlin dieses viel diffizilere Terrain auszuloten. Dabei baue ich auf die Unterstützung zweier Experten in Fragen des physischen und psychologischen Terrains: Carl von Clausewitz, der gesagt hat: „Krieg ist ein Reich der Zufälle.“; und Carl Jung, der gesagt hat: „Es gibt keine Zufälle.“ Wenn ich jetzt gefragt werde, sage ich, dass es in dem Film um den „Kampf der Carle“ geht.

Der Autor ist Professor für Internationale Studien an der Brown University.

Aus dem Englischen von Stephan Rothschuh.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar