Zeitung Heute : Amerikanische Lesart

Der Tagesspiegel

Von Malte Lehming

Zwei Halbstarke lungern an einer Straßenecke herum und zanken sich. „Bratwurst“ schreit der eine, „Knackwurst“ brüllt der andere. Ihre Hände ballen sich zu Fäusten. „Bratwurst!“ – „Knackwurst!“ Ein Polizist greift ein. „Immer mit der Ruhe“, sagt er, „beide Sorten sind doch lecker.“ Auf dem nächsten Bild der Karikatur streiten die Halbstarken erneut miteinander. Diesmal geht es um Schriftsteller. „Orwell“ – „Swift“, „Orwell!“ – „Swift!“ Wieder schlichtet der Polizist: „Ich finde, sowohl Orwell als auch Swift waren außerordentlich gute Autoren.“

Die Karikatur stand vor einigen Wochen in der „New York Times“. Sie illustrierte einen Text, der sich mit einer erstaunlichen Initiative befasst. Innerhalb von vier Jahren ist aus dieser Initiative eine landesweite Bewegung geworden. Die Stadt Seattle an der Westküste der USA hatte 1998 den Anfang gemacht. Es folgten Buffalo, Rochester und im vergangenen Jahr Chicago. Mehr als 40 Großstädte machen inzwischen mit. Dem Sog kann sich kaum noch jemand entziehen. Selbst New York nicht. Auch dort heißt es nun in wenigen Monaten zum ersten Mal: Eine Stadt liest ein Buch. Alle gemeinsam, überall, eine Woche lang.

„Das ist fantastisch“, jubelt Nancy Kranich, die bis vor kurzem Präsidentin der „American Library Association“ war. „Wir leben in atomisierten Gesellschaften und verlieren immer mehr den Gemeinschaftssinn. Diese Initiative ist eine aufregende Möglichkeit, die Menschen wieder zusammenzubringen.“

Ihren Durchbruch erlebte die Kampagne im vergangenen Sommer in Chicago. Dort hatte sich ein Gremium aus Buchhändlern, Erziehern und dem Bürgermeister nach intensiver Beratung auf einen Buchtitel geeinigt: „To Kill a Mockingbird“ von Harper Lee. Der 1960 geschriebene Roman spielt im Bundesstaat Alabama und erzählt die Geschichte von Tom Robinson, ein Schwarzer, der zu Unrecht verdächtigt wird, eine weiße Frau vergewaltigt zu haben. Es geht um Ungerechtigkeit und Mut, Rassismus und Toleranz.

In den USA wird „To Kill a Mockingbird“, von konservativen wie progressiven Kreisen, bis heute verdammt. Nationalisten bemängeln, dass darin ein zu negatives Bild von der US-Gesellschaft gezeichnet werde. Fortschrittliche Geister dagegen stoßen sich an der derb-drastischen, politisch inkorrekten Sprache. Schülern dürfe man keinesfalls Worte wie „Nigger“ zumuten, meinen sie. Von 1990 bis 1999 befand sich das Werk daher regelmäßig unter den Top Ten jener Bücher, die am häufigsten aus dem Unterricht an öffentlichen Schulen verbannt wurden.

Dennoch zählt „To Kill a Mockingbird“ zweifellos zu den modernen Klassikern. Das Buch wurde verfilmt und weltweit übersetzt, auf Deutsch heißt es „Wer die Nachtigall stört“. Es wurde in verschiedenen Sprachen – polnisch, französisch, spanisch, deutsch – von sämtlichen Buchhandlungen und Büchereien in Chicago bestellt. Denn längst nicht alle Bewohner dieser wahrhaft multikulturellen Stadt können Englisch. Aber jeder von ihnen war aufgefordert worden, das Buch zu lesen.

Zwei Ziele verfolgt die Initiative. Erstens soll das Lesen gefördert werden. Das gelingt am besten, wenn es einen besonderen Anlass gibt. Dann werden auch jene Menschen erreicht, die von sich aus keinen Roman in die Hand nehmen. Zweitens soll der Gemeinsinn der Bewohner einer Stadt gestärkt und ihre Anonymität durchbrochen werden. Dafür muss es ein gemeinsames kulturelles Fundament geben, das die Kommunikation ermöglicht. Bücher haben diese Funktion in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend eingebüßt. An ihre Stelle sind Filme getreten, Musikgruppen und Sportvereine. In einer Großstadt wie Chicago, zwei Menschen zu finden, die denselben Roman gelesen haben, war bis zum 25. August letzten Jahres schwierig. An dem Tag begann die Kampagne „One Book, one Chicago“.

Und jeder machte mit. Alle 78 öffentlichen Büchereien verliehen das Buch, inklusive einer kleinen Diskussions-Broschüre, mehrere Wochen lang gratis. Für 40000 Dollar waren zusätzliche Exemplare angeschafft worden. Das Geld hatte die Stadt spendiert. Mehrere zehntausend Exemplare wurden in Buchhandlungen verkauft. In Schulen gab es Extra-Kurse, in „Starbucks“-Cafés wurden Lesezirkel eingerichtet, die Medien begleiteten die Initiative durch Hintergrundgeschichten über den Schriftsteller, das Rassismus-Problem und literarische Kontroversen im Allgemeinen. Seinen Höhepunkt fand der Lese-Furor in der Veranstaltungswoche „City of Big Readers“. In der Zeit wurden Diskussions- Runden abgehalten, begleitende Filme gezeigt, Quiz-Veranstaltungen organisiert.

Eine Stadt kam zusammen. Seit dem Herbst kursieren in Chicago Dutzende von Episoden, die das belegen. Im Bus zum Beispiel debattierten einige Passagiere derart engagiert über die Frage, ob der Rassismus in den USA noch virulent sei, dass sie auszusteigen vergaßen. Jugendliche aus hispanischen Familien standen pötzlich vor einem Identitätsproblem: Teilen sie eher das Schicksal der Schwarzen oder die Haltung der Weißen? In Kneipen wurde über das Buch geredet und am Arbeitsplatz. Ein CBS-Reporter, der eine Sendung über die Lese-Bewegung produzierte, überschlug sich fast vor Begeisterung: Wie ansteckend die Lesesucht sei, habe er erst jetzt wieder entdeckt.

Im März beginnt in Chicago die nächste Lese-Runde. Diesmal wurde „Nacht“ ausgewählt, der autobiographische Roman von Elie Wiesel, der 1958 ursprünglich auf Französisch erschienen war und in mehr als 30 Sprachen übersetzt wurde. Darin geht es um die Schuldgefühle eines jüdischen Teenagers, der im Unterschied zu vielen seiner Familienangehörigen die Konzentrationslager der Nazis überlebt hat. Der 73-jährige Wiesel, der 1986 den Friedensnobelpreis gewann, wird im April zu Vorträgen und Diskussionen über sein Werk in die Stadt kommen. „Nacht“ war unter mehr als hundert Vorschlägen ausgewählt worden. Im Finale setzte es sich gegen Ernest Hemingways „The Old Man and the Sea“ durch.

Dass Streit, wenn es um Literatur geht, nie ausbleibt, zeigt auch die Stadt New York. Angespornt durch den Erfolg in Chicago soll dort ebenfalls ein Buch gefunden werden, das eine Woche lang gelesen und diskutiert wird. Nach langen Sondierungen sind zwei Werke in der engeren Wahl. „The Color of Water“ von James McBride schildert die Jugend des Autors, der als Sohn eines schwarzen Vaters und einer jü dischen Mutter in Brooklyn aufwächst. „Native Speaker“ von Chang-rae Lee erzählt die Geschichte eines koreanischen Einwanderers aus dem Stadtteil Queens. Beide Bücher erfüllten ganz und gar die Kriterien der politischen Korrektheit, spotten Kritiker. Die Gesinnung habe den Ausschlag gegeben, nicht die ästhetische Qualität.

Die Vehemenz der Auseinandersetzung zeigt vor allem, wie ernst die Initiative sogar in New York genommen wird – in dieser Mega- Stadt, in der über hundert verschiedene Sprachen gesprochen werden und deren Bewohner seit dem 11.September wichtigere Fragen beantworten müssen als die nach dem geeigneten Buch.

Lesen verbindet. Vielleicht gibt es für New York gar nicht so viel, was derzeit wichtiger wäre.

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