Zeitung Heute : Amerikanisches Idyll

Eine Religion, sagen die einen. Ein Kult, die anderen. In Wirklichkeit ist es ein Endspiel im Football

Malte Lehming[Jacksonville]

Was bleibt haften? Die Ohren frieren. Ein kühler Wind weht. Von der obersten Sitzreihe des Stadions schweift der Blick über die grell erleuchtete Stadt in den schwarzen Nachthimmel. Rundherum fließt der St. Johns River, ein breiter Fluss. Unten singt Paul McCartney „Hey Jude“. Auf der Anzeigetafel blinkt in roter Schrift der Refrain auf. „Na, na, na, na-na-na-na“. Das bierselige Publikum schmettert mit. Jeder hat unter seinem Sitz eine kleine Taschenlampe. Die wird jetzt eingeschaltet. Fast 80000 Neon-Glühwürmchen funkeln. Dann explodiert ein Feuerwerk. Glücksgefühle werden wach.

Oder ist es das? Der Weg ins prächtige Alltel-Stadion von Jacksonville führt an heruntergekommenen Häusern vorbei. Von den Wänden blättert Farbe ab. Eine junge Frau im Bikini, die nicht schön, aber bemüht ist, so auszusehen, hat sich ein Schild auf den Po geklebt. „Need tickets“, steht darauf in krakeliger Schrift. Autofahrer hupen. Die regulären Eintrittspreise fangen bei 35 Dollar an, der Schwarzmarkt blüht. Die überwiegend schwarzen Bewohner vermieten ihre Gärten als Parkplätze. Außerdem grillen sie. Drei Dollar kostet das Würstchen. Neben dem Grill steht der Fernseher. Keiner will etwas verpassen.

Eine Kirche, zwei Palmen, drei Häuser: Das ist die Relation hier. Fromm, Sonne, Strand. Jacksonville liegt an Floridas Ostküste. Im Atlantik tummeln sich Delfine. Doch man spürt auch die Nähe zu den Südstaaten. Die örtliche Tageszeitung „Florida Times-Union“ druckt Bibelzitate auf ihrer Meinungsseite. Freitags erscheint die Religionsbeilage. Einige Wochen vor dem Super Bowl riefen christliche Gemeinden der Stadt zum „Super March for Jesus“ auf. Mehrere tausend Menschen nahmen teil. Und auf der Videoleinwand im Stadion nimmt „Baptist Health“, die Gesundheitsorganisation der Baptisten, die größte Werbefläche ein.

Oder das? Mitten in Jacksonville sind auf dem St. Johns River mehrere Kreuzfahrtschiffe vor Anker gegangen. Auf dem vornehmen „Seven Seas Navigator“ hat jede Luxuskabine einen Balkon. Dutzende von Limousinen warten am Pier. Weil es in der Stadt zu wenig Hotelzimmer gibt, waren die Veranstalter auf die Idee mit den Schiffen gekommen.

Nun mischen sich manchmal die Reichen unter die Fans. Die einen zahlen mehrere tausend Dollar pro Übernachtung, die anderen sind mit Auto und Schlafsack angereist. Budweiser trifft Moet&Chandon. Es klappt.

Das sind Szenen eines Tages, der in den USA einer der wichtigsten ist. Super Bowl Sunday – das Endspiel im Football, der höchste inoffizielle Feiertag der Nation. Für die „Washington Post“ gehört er in eine Reihe mit dem Unabhängigkeitstag, dem Muttertag und Thanksgiving. An diesem Tag rückt das Land zusammen. Alle Unterschiede sind aufgehoben, aller Streit beigelegt. Wer nicht live dabei ist, sitzt vor dem Fernseher. Kein anderes Programm hat höhere Einschaltquoten. Die zehn meistgesehenen Fernsehsendungen in der amerikanischen Geschichte sind allesamt Super-Bowl- Spiele. Dazu wird Pizza gegessen und in rauen Mengen Bier getrunken. Deutschland müsste, um von einer fremden Macht erobert zu werden, am Vatertag überfallen werden, Amerika wäre am Super-Bowl-Sonntag, gegen 21 Uhr 30, am verwundbarsten.

Die „New York Times“ spricht von einer Art Religion. Auf jeden Fall ist es ein Kult. Weltweit schauen zwischen 750 Millionen und einer Milliarde Menschen zu. Der Gigantismus dieses Tages wird jedes Jahr erneut übertroffen. Vier Millionen Kilogramm Guacamole werden allein in den USA konsumiert. Am Montag danach melden sich traditionell mehr Amerikaner krank als an jedem anderen Tag im Jahr. In der Halbzeitpause bricht in einigen Städten gelegentlich die Wasserversorgung zusammen, weil viele Bewohner zur selben Zeit die Klospülung bedienen. Kurz vor dem Super Bowl ist in diesem Jahr der Verkauf von Breitbandfernsehern in die Höhe geschnellt. Durchschnittspreis: 3500 Dollar. Das Geschäft soll noch besser gewesen sein als zu Weihnachten, meldet der Handel. Was der Truthahn an Thanksgiving und das Feuerwerk am Unabhängigkeitstag, ist das Fernsehgerät zum Super Bowl.

Zwischen den New England Patriots und den Philadelphia Eagles steht es unentschieden, 14 zu 14. Das letzte Viertel beginnt. Spannung liegt in der Luft. Im Stadion dominieren die Eagles-Fans. Ihr Team ist der Außenseiter. Ihre Gegner, die Patriots, sind im US-Football ungefähr das, was Bayern München in der Bundesliga ist – eine hoch effiziente Sportmaschinerie. Im Jahr 2002 haben sie den Titel geholt und im vergangenen Jahr auch. „Dynasty or destiny?“, orakeln die Zeitungen. Setzt sich das Imperium erneut durch, oder spielt ihm die Fügung des Schicksals einen Streich?

Die Absurditäten rund um den Football-Kult kennen keine Grenzen. Im Zoo von Oregon lebt Inji, ein Orang-Utan. Dem werden vor jedem Spiel die Trikots der gegnerischen Mannschaften in den Käfig gelegt. Eins davon streift Inji sich über. Dadurch prognostiziert der Affe den Sieger des Spiels. Bislang lag Inji meistens richtig. Ähnlich berühmt ist Schwester Jean Kenny, eine Nonne aus Chicago. Seit 16 Jahren sagt sie die Ergebnisse des Super Bowls voraus. Nur drei Mal irrte sie. Ob auf CNN, in „USA Today“ oder der „Washington Post“: kein Super Bowl mehr ohne die Prophezeiungen von Schwester Kenny.

Was erklärt den Hype um diesen Tag? Für die Fans ist es der Sport. Harter Körpereinsatz, Kraft, Wendigkeit, Lauf-, Werf- und Fangfähigkeiten – Footballspieler müssen viele Tugenden haben. Hinzu kommt die Strategie. Football sei wie Schach, heißt es. Jeder Spielzug stellt beide Teams vor die Frage: Was plant mein Gegner? Mühsamer Terraingewinn oder langer Pass? Soll der Werfer attackiert oder der Empfänger abgeschirmt werden? Mann- und Raumdeckung gehen fließend ineinander über. Als Grundregel gilt: Je kundiger der Zuschauer, desto faszinierender das Spiel für ihn.

Um die Härte der Spieler ranken sich Legenden. Berühmt ist die Geschichte von Ronnie Lott, einem Ex-Star der 49ers. Dem soll vor 20 Jahren während eines Spieles ein Finger amputiert worden sein. Daraus wurde flugs der Mythos, Lott habe sich den schmerzenden Finger in der Halbzeitpause selbst abgetrennt. Der aktuelle Star der Eagles wiederum heißt Terrell Owens, kurz T.O. Der hatte unlängst einen schweren Beinbruch. Sein Arzt riet ihm dringend von einer Teilnahme am Super Bowl ab. Doch T.O. blieb stur. Gott sei auf seiner Seite, sagte er. Der Allmächtige habe auch den Heilungsprozess beschleunigt. Er, Owens, werde spielen. Und so geschah es.

Dies war der 39. Super Bowl. Aus dem Sportereignis ist längst ein gesellschaftliches Event geworden. Die Ex-Präsidenten George Bush senior und Bill Clinton sitzen im Stadion, um für die Tsunami-Hilfe zu werben. Schauspieler Michael Douglas lässt Veteranen des Zweiten Weltkrieges auflaufen, um sich bei der „greatest generation“ zu bedanken. Drei Militärchöre intonieren die Nationalhymne. Kampfflugzeuge donnern übers Stadion.

Zuvor sang Alicia Keys „America the Beautiful“, begleitet von 150 Kindern und Jugendlichen von Floridas Blinden- und Taubenschule. Auf die war 1937 auch Ray Charles gegangen. All das ist pathetisch, kitschig, ergreifend, berührend. Am Abend zuvor hatte Playboy- Chef Hugh Hefner in Jacksonville mit 250 Bunny-Frauen eine große Party gefeiert. Der 78-jährige Lust- und Lebemann versprach, so schnell zu tanzen, wie es geht. Die Kinder wiederum konnten in ein interaktives Football-Museum gehen, um am eigenen Leib zu spüren, wie hart ein Aufprall aus vollem Lauf sein kann. Und auch sie wollte kommen, Janet Jackson, die Skandalnudel aus dem vorigen Jahr. Ihre damals von Justin Timberlake entblößte Brust hatte zum „Nipplegate“ geführt. Es gab Prozesse, von der Medienaufsichtsbehörde wurden hohe Strafgelder verhängt. Deshalb wurde in diesem Jahr Langeweile befürchtet. Konservativ, steril, risikoarm würden die Show und die Werbespots in den Spielpausen sein. Doch das bewahrheitete sich nur zum Teil.

Der Brauerei-Konzern Anheuser Busch schwelgte zwar entsetzlich im Patriotismus – Bilder von heimkehrenden Soldaten aus Afghanistan und dem Irak wurden gezeigt, die von klatschenden Menschen empfangen werden. Doch die Tabasco-Reklame war durchaus scharf. Das Potenzmittel Cialis versprach 36 Stunden Wirksamkeit, und das Internet-Unternehmen GoDaddy.com persiflierte gar die Jackson-Affäre. 2,4 Millionen Dollar kostete in diesem Jahr eine halbe Minute Werbezeit. Auch das ist ein Rekord.

Überdies will Budweiser demnächst ebenfalls mit einer Nipplegate-Parodie auf Kundenfang gehen. Der Plot: Während des Super Bowls sucht jemand einen Flaschenöffner. Auf dem Boden findet er einen jener Brustringe, die Janet Jackson auf ihrem Lederkostüm trug. Damit öffnet er die Flasche. So wird aus Kult Kultur, selbst Skandale werden kommerziell ausgeschlachtet. Ach ja, am Ende siegten erneut die Patriots, das Imperium verewigte sich. Jedenfalls bis zum nächsten Super Bowl. Dann wird der wunderbare Irrsinn wieder neue Klippen erklommen haben.

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