Zeitung Heute : Amerikanisches Idyll

Mehr als nur Sport: Versöhnung, Wirtschaftsmotor, Außenseiterchance – Saisonstart beim Baseball

Christoph Marschall[Ohio] Cincinnati[Ohio]

Nach einer guten Viertelstunde schießt dunkler Rauch aus den zwei schlanken weißen Raddampferschornsteinen, dem Wahrzeichen des Stadions. Das Tuten des Schiffshorns mischt sich in den aufbrausenden Jubel aus 42 720 Kehlen auf den Tribünen, Raketen zischen in den tiefblauen Frühsommerhimmel. Aus den Teenagergesichtern der Sitznachbarn, Brandon und Zachary, strahlt eine Seligkeit, als wollten sie die ganze Welt umarmen. Ihre Cincinnati Reds führen im Eröffnungsspiel der Baseball-Saison gegen die Chicago Cubs.

Was für ein Start ist es diesmal: gleich ein Homerun! Adam Dunn, Rückennummer 44, hat den faustgroßen Lederball mit dem Holzschläger ideal getroffen, hat die ganze Wucht, die der gegnerische Pitcher in seinen Wurf gelegt hatte, in Energie verwandelt und den Ball über die hundert Meter Spielfeld und weit die Gegentribüne hochgedroschen. Unerreichbar für die Fänger der Cubs. Locker joggt Dunn die Stationen seines Triumphzugs ab: um die erste, zweite, dritte Base und zurück zur Home Plate, dem Schlagplatz. Es steht 2 : 0.

Nur ein Einheimischer hält den Kopf noch immer gesenkt, obwohl die frühe Führung wie ein Geschenk zu seinem 45. Geburtstag kommt: Bürgermeister Mark Mallory, ein schlanker Schwarzer, dem die dicken schwarzen Bügel seiner Hornbrille ein strenges Aussehen geben. Tagelang hat er für den zeremoniellen Eröffnungswurf geübt, am Vorabend noch im Hinterhof seiner früheren High School. Doch heute, als es drauf ankam, Punkt 14 Uhr 15, hat er gleich mehrere Meter am Ziel vorbeigeworfen. Das ist ungefähr so peinlich, als würde der Münchner Oberbürgermeister beim Wiesn-Anstich den Zapfhahn nicht treffen.

Opening Day in Cincinnati, immer am ersten Montag im April: Da soll Amerikas Seele zu finden sein. Cincinnati im Ohiotal, Hauptdurchgangsstation für die Siedlerströme, die sich entlang der großen Flüsse in den Westen aufmachten, hatte 1869 die erste Profimannschaft. Und Baseball gilt als die amerikanischste aller Sportarten, als Ersatzreligion. „Wer Amerika verstehen will, muss Baseball verstehen“, heißt es. Das Spiel habe die Gesellschaft tiefer durchdrungen als Football oder Basketball, kein anderes habe die Alltagssprache stärker geprägt.

„It’s the bottom of the ninth“, so wird allgemein eine allerletzte Chance genannt; das neunte Inning ist der letzte Spielabschnitt. „Step up to the plate”, so wird ein Entscheidungsscheuer gedrängt. „No joy in Mudville“ steht für tiefe Enttäuschung; Ernest Lawrence Thayers Gedicht von 1888 über einen verfehlten Schlag kennt fast jedes Kind. Selbst bei Politthemen wie der US-Reaktion auf Irans Atomprogramm greift man zu Baseball-Metaphern. Bei neuen Gerüchten über militärische Planungen pflegt Nick Burns, Staatsminister im Außenministerium, zu beruhigen: „Wir sind erst im dritten Inning“ – es bleibe also noch viel Zeit für Diplomatie.

„No joy“ in Cincinnati? Nicht heute. Seit dem frühen Morgen herrscht ein gläubiger Übermut, frei nach dem bekannten Baseballreporter George Will. Baseball ist doch auch nur ein Spiel? So eine unzulässig nüchterne Behauptung hat er mal mit dem Satz gekontert: „Und der Grand Canyon ist auch nur ein Erdloch in Arizona.“ Die ganze Stadt ist in Rot getaucht, die Farbe der Reds, als die Findlay-Market-Parade mittags durch die City zieht, samt Motorradstaffel der Polizei. Es folgen eine irische Dudelsackgruppe, die Nationalgarde, historische Feuerwehrautos, Fahnenträger, Highschoolformationen, teils mit Musikinstrumenten, teils mit Gewehren, Afghanistan- und Irakveteranen und schließlich die berühmte Coco, ein 25-jähriges Papageienweibchen, das die Baseballmelodie pfeift: „Take me out to the ballgame …“ Zwischendurch krächzt es: „I need a beer.“

Nachfragen in der Menge am Straßenrand bestätigen Mythos Nummer eins: Baseball ist Kernelement der Vater- Sohn-Beziehung in den USA. Zum Beispiel Matt Fitzwater, 29, sportlich-eleganter Anwalt. Er ist ein Aufsteiger, sein Vater Larry, 54, Vollbart, schwielige Hände, war noch Fabrikarbeiter. Vor mehr als zwei Jahrzehnten hat er seinem Sohn die ersten Bälle zugeworfen, bis heute hält das Band. Sie haben Saisonkarten und gehen gemeinsam ins Stadion, wann immer es geht. Ein Leuchten zieht über Matts Gesicht, wenn er zurückdenkt.

„Am Opening Day durfte ich immer die Schule schwänzen.“ Baseball war die Summe aus „Sommer, Sonne, Hotdogs“, und es waren „die einzigen Momente, wo Daddy ganz allein mir gehörte“. Matt lebt jetzt in New York, aber niemals könnte er den dort beheimateten Yankees die Daumen drücken. „Einmal Reds-Fan, immer Reds-Fan.“ Außerdem sind die Yankees das meistgehasste Team im Land. Weil sie so viel Geld haben: Über 200 Millionen Dollar Gehalt zahlen sie an ihre Spieler. Die Reds müssen mit 80 auskommen.

Glaubenssatz Nummer zwei: Baseball steht für Kontinuität, generationenübergreifend. Seit mehr als hundert Jahren wird die Saison am ersten Montag im April in Cincinnati eröffnet. Zum 88. Mal organisieren die Standbesitzer der Findlay-Markthalle die Parade, ehrenamtlich. Sie ist als letzte geblieben von einst mehreren Dutzend Märkten der Stadt – obwohl sich dieses Viertel mit am stärksten verändert hat, berichtet Cheforganisator Neil Luken, ein 42-jähriger Metzgermeister mit blutig aufgeschlagenem Nasenbein, als wäre ein Bierkrug darauf niedergegangen. „Nein“, versichert er treuherzig, „nur eine Treppenstufe verfehlt.“

Mit 13 hat er hier angefangen, da dominierten arme Schwarze die Gegend. „Over the Rhine“ heißt sie in Erinnerung an die dichte deutsche Besiedlung im 19. Jahrhundert. Mit Förderprogrammen für die Restaurierung der Backsteinhäuser rund um den Markt versucht die Stadt, das Viertel zu beleben. Die Halle ist die Attraktion für Touristen wie Käufer.

Vor dem Eingang beschwört Dave Hawkings in einer Ballade den Zauber des „Opening Day“ für die Stadt. Im Refrain greift er auf seine Kindheit zurück, „als die Hotdogs 25 Cent kosteten und Charlie Hustle den Ball über die Stadionmauer schlug“. Charlie Hustle ist der Spitzname von Pete Rose, den viele in Cincinnati für den besten Spieler aller Zeiten halten – gerade, weil er nicht genial war, sondern ein harter Arbeiter. Doch jetzt ins Stadion, wegen Glaubenssatz Nummer drei: Baseball stärkt den Patriotismus, den lokalen wie den nationalen.

Baseball ist ein lokaler Wirtschaftsfaktor, rund 300 Millionen Dollar bringt er der Region jedes Jahr. Ob Weltfirmen wie Procter & Gamble oder die Flugzeugturbinenproduktion von General Electrics ohne die Attraktion des Erst-Liga-Sports in der Stadt blieben, da ist sich die Handelskammer auch nicht sicher. Der „Great American Ballpark“ ist den Bürgern teuer, sie haben das Baseball- und Football-Stadion durch eine Erhöhung der lokalen Mehrwertsteuer finanziert. Nichts, kein Zaun, keine Barriere trennt die Zuschauer von den Spielern. Polizeikontingente sind nicht zu sehen, Randale gab es noch nie.

„Bitte erheben Sie sich, nehmen die Kopfbedeckung ab und ehren die Vertreter der drei Teilstreitkräfte bei der Fahnenpräsentation.“ Der Beifall hält lange an, als „Verwundete, die unserem Land tapfer gedient haben“ besonders begrüßt werden, obwohl Ohio einen schweren Blutzoll im Irak hat zahlen müssen. Mindestens zwei Drittel sind hier gegen den Krieg. Zu den Klängen der Nationalhymne wird eine Riesenfahne auf dem Rasen entfaltet, etwa 80 mal 30 Meter, im Wind wellt sich das Tuch leicht. Sekundengenau zur Liedzeile über das „land of the free“ donnern vier Kampfjets im Tiefflug über das Stadion.

Im Neubau hat auch die „Hall of Fame“ ihren Platz. Das Ruhmeshalle genannte Klubmuseum feiert den Balladenhelden Pete Rose gerade mit einer Sonderausstellung: Er war die Zentralfigur der „Famous 8“ in den 70ern. Am 11. September 1985 stellte er Ty Cobbs alten Rekord von 4191 „Hits“ – erfolgreichen Schlägen – ein und baute ihn bis zum Ende seiner Spielerkarriere 1986 auf 4256 aus – was heute als uneinholbar gilt. Dass er – was streng verboten ist – auf Spiele gewettet hatte, an denen er selbst beteiligt war, wird elegant übergangen. Klubhistoriker Greg Rhodes sagt, na ja, Rose habe manchmal eben Dummheiten angestellt, er sei „nicht der Hellste gewesen“. Was die Ausstellung mit einem Rose-Zitat andeutet: „Die Ärzte sagen, ich habe den Körper eines 30-Jährigen. Ich weiß, ich habe die Intelligenz eines 15-Jährigen. Wenn beides zusammenkommt, kann man Baseball spielen.“

Mythen vier und fünf: Jeder darf mal einen Fehler machen, jeder bekommt eine zweite Chance. Und: Es ist ein klassenloser Sport. Baseball versöhnte auch den Norden und den Süden nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg. Rassenvorbehalte gab es zwar lange, die ersten Schwarzen spielten erst 1947, aber das war immer noch deutlich vor Aufhebung der Rassentrennung in den Südstaaten. In jüngeren Jahren gilt Baseball gerade für Latinos als Sport mit Aufstiegschancen.

Heute aber ist Adam Dunn der Held des Tages, nicht Edwin Encarnacion aus der Dominikanischen Republik. Im dritten Inning gelingt Dunn ein zweiter Homerun. Nach 90 Minuten, im fünften Inning, verunsichert er den Pitcher der Cubs so sehr, dass der vier Mal in Folge nicht die Wurfzone trifft. No joy für Chicago. Die Reds erlauben sich nun sogar kleine Risiken, lassen unter großem Beifall Josh Hamilton auflaufen, der Ende der 90er Jahre als größtes Talent galt, aber bald drogenabhängig wurde. Elmar Gruber, 88, weißes Hemd, rote Fliege, ist noch nach Spielende ganz gerührt. 1932 war er erstmals im Stadion, seit 1947 hat er eine Saisonkarte, hat keinen Opening Day verpasst und insgesamt „so rund 3000 Spiele“ besucht. Was das Schönste für ihn heute war? Er zögert keine Sekunde. Nicht der 5 :1-Sieg, sondern „dass sie Hamilton eingewechselt haben. Wissen Sie, in Amerika kriegt jeder eine zweite Chance.“

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