Zeitung Heute : Amok in Littleton

HARALD MARTENSTEIN

Allein in den letzten 18 Monaten hat es fünf derartige Fälle gegeben.Alle spielten sich in den USA ab.Die Täter waren Schüler, jedesmal.Alter: von elf bis achtzehn.Kinder und Jugendliche, die unter Mitschülern und Lehrern ein Gemetzel anrichten.In zwei dieser fünf Fälle töteten die Täter ihre Eltern, bevor sie sich zum letzten Mal auf den Schulweg machten.Amokläufer gab es in der Geschichte schon oft.Seit ein paar Jahren laufen plötzlich Kinder Amok.

Es gibt mehr als eine Ursache für das, was in Littleton, Colorado, geschehen ist.In den nächsten Tagen werden wir dem Chor der Experten zuhören.Die Psychologen werden uns erklären, daß Gewalt- und Allmachtsphantasien bei Pubertierenden keine ungewöhnliche Sache sind.Manchmal werden diese Gedanken zu Taten.Das kann in den USA leichter passieren als anderswo auf der Welt, werden liberale Politiker sagen.Weil es einem Jugendlichen in den USA besonders leicht gemacht wird, an eine Waffe zu kommen.Die Kulturkritiker werden wie immer auf die Gewalt in den Medien hinweisen, aufs Fernsehen, auf alptraumhafte Folter- und Horrorvideos.Sie werden sagen, daß die Grenze zwischen Realität und Phantasie, zwischen Wunsch und Wirklichkeit in den Köpfen der Jugendlichen immer undeutlicher wird.Nein, werden einige Pädagogen rufen, nein, ihr überschätzt die Medien.Es sind die kaputten Familien, die desinteressierten Eltern, die seelische Verwahrlosung.Kein Video der Welt kann ein Kind, das in stabilen, liebevollen Verhältnissen aufgewachsen ist, in eine Mordmaschine verwandeln.Wenn Kinder aber in anarchischen Verhältnissen aufwachsen, ohne Erziehung, dann ist es die Schule, und nur noch die Schule, die Forderungen an sie stellt.

So wird die Schule zum Haßobjekt und zum Schlachtfeld.Junge Amerikaner laufen vielleicht deshalb Amok gegen die Schule, weil Schule ihnen als ungeheuerliche Provokation vorkommt: Sie hat feste Regeln, sie straft, sie macht Mühe.

Am gelassensten werden, wie meistens, die Historiker und die Anthropologen argumentieren.Sie erinnern uns daran, daß wir Menschen uns jahrtausendelang aus den nichtigsten Gründen gegenseitig totgeschlagen haben und daß wir voller Aggressionen stecken, auch wenn die USA neuerdings versuchen, ihre Kriege ohne Körperkontakt zu führen.Littleton ist beinahe der Normalfall, lautet die Botschaft der Anthropologen.

Wir hören also dem Chor der Experten zu und denken uns: Jeder von denen hat wahrscheinlich ein bißchen recht.Aber was folgt daraus?

Auch in Deutschland nimmt die Gewalt an den Schulen zu, aber von den amerikanischen Amokläufen sind wir zum Glück noch weit entfernt.Was kann der Einzelne tun, in solchen Zeiten? Sein Einfluß auf die Gesetzgebung oder das Medienangebot liegt nahe bei null, und die menschliche Natur muß man nehmen, wie sie ist.Die Eltern können lediglich versuchen, den Kindern zu vermitteln, was gut und böse bedeutet, was richtig ist und was falsch.Die Zeit dazu muß man sich nehmen.

Sigmund Freud nannte das Gewissen "Über-Ich", er mochte es nicht sonderlich.Ein Irrtum.Das Gewissen, dessen Stimme sich bei fast allen Menschen gelegentlich meldet, ist die am meisten unterschätzte zivilisatorische Leistung unserer Gattung.Leider läßt sich ein Gewissen nicht vererben, es gibt auch keine Schnellkurse.Diese mühsame zivilisatorische Leistung muß jede Generation neu vollbringen, an denen, die nachwachsen.

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