Amoklauf : Laufende Ermittlung

Zwei Tage nach dem Amoklauf von Winnenden mussten Staatsanwaltschaft und Polizei Pannen einräumen. Was ist über die Tat tatsächlich bekannt?

Frank Jansen Juliane Schäuble
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Von einem „Informations-GAU“ ist die Rede, zunehmend auch von Pannen. Statt Lob für entschiedenes Handeln und rasche Ermittlungsergebnisse einzuheimsen, sieht sich die Polizei in Baden-Württemberg mit Vorwürfen konfrontiert.

Hat die Polizei Schlimmeres verhindert oder möglicherweise Fehler gemacht?

Die Polizei hat in Winnenden, so makaber es klingt, offenbar gerade durch ihren schnellen Einsatz einen von ihr nicht erwarteten Ablauf des Dramas bewirkt. Nur wenige Minuten nach dem Notruf aus der Albertville-Realschule, in der Tim K. um sich schoss, waren Beamte am Tatort. Der 17-Jährige sah die ankommenden Polizisten, feuerte auf sie, traf aber nicht – vermutlich aufgrund zu großer Entfernung. Die Beamten gingen in Deckung, der Jugendliche verschwand im Gebäude. Da keine weiteren Schüsse fielen, wussten die Polizisten nicht, wo sich Tim K. aufhielt. Die Beamten teilten sich auf – das Gebäude wurde nach dem Amokläufer abgesucht, andere Polizisten kümmerten sich um Schüler und Lehrer. Unterdessen hatte Tim K. seinen mutmaßlichen Plan eines finalen Massakers aufgegeben und war auf dem Gelände verschwunden.

Das Innenministerium von Baden- Württemberg sagt, die Polizei habe damit Schlimmeres verhindert. Das trifft allerdings nur in Teilen zu. Denn Tim K. konnte entkommen, auch die Ringfahndung griff nicht. Außerdem tötete der 17-Jährige nach dem Massaker in der Schule drei weitere Personen und verletzte zwei Polizisten schwer. Und: Während der Flucht – Tim K. hatte den Besitzer eines VW Sharan gezwungen, ihn kreuz und quer durch die Region Stuttgart und durch die Landeshauptstadt selbst zu fahren – bestand für den Fahrer und viele ahnungslose Menschen Lebensgefahr. Als der Van in einem Stau stand, sagte Tim K., er wolle den Weg freischießen. Der Fahrer konnte ihn davon abbringen.

Wie konnte der Täter aus der Schule fliehen?

Der genaue Fluchtweg ist bisher nur in Teilen bekannt. Tim K. sei aus dem Schultrakt, in dem er die acht Schülerinnen, einen Schüler und drei Lehrer tötete, in das weitläufige Gelände der Lehranstalt gelangt, sagt ein Experte. Welchen Weg er genau nahm, ist noch unklar. Vom Areal der Schule aus lief Tim K. in den Park eines benachbarten Krankenhauses und erschoss dort einen Angestellten. Dann stieg er in den in der Nähe stehenden Sharan ein und zwang den Fahrer zu starten.

Warum konnte er zwei Stunden lang unbehelligt durch die Region fahren?

Die Polizei hatte zwar eine Ringfahndung eingeleitet, vermutete aber Tim K. noch auf dem Schulgelände. Während der Fluchtfahrt hatte die Polizei offenbar keine Ahnung, wo sich der Amokläufer befand. Von einer gezielten Verfolgung des Vans durch Fahrzeuge der Polizei oder Hubschrauber ist nichts bekannt. Die Einsatzkräfte waren vermutlich erst wieder im Bilde, als der Fahrer des Vans an der Auffahrt zur Autobahn A 8 einen Streifenwagen sah, den Sharan in den Grünstreifen lenkte und aus dem noch rollenden Fahrzeug heraussprang. Tim K. lief in das nahe Industriegebiet von Wendlingen.

Wie ist Tim K. gestorben?

Es sei geklärt, dass Tim K. sich mit seiner Pistole der Marke Beretta in den Kopf geschossen hat, heißt es in Sicherheitskreisen. Es werde aber noch etwas dauern, bis die Staatsanwaltschaft Stuttgart das Ergebnis der Obduktion veröffentlicht. Ein Grund wurde nicht genannt. Spekulationen, Polizisten hätten Tim K. erschossen, seien falsch, sagt ein Experte. Daran ändere auch das Amateurvideo eines Augenzeugen aus Wendlingen nichts, das trotz oder gerade wegen der unscharfen Bilder wilde Mutmaßungen ausgelöst hatte.

Welche Konsequenzen muss die Polizei aus dem Fall ziehen?

Die Polizei in Baden-Württemberg trainiert seit 2007 auf der Grundlage eines „Amok-Konzepts“, eine Konsequenz aus dem Massaker von Erfurt. Der Grundsatz lautet: Polizisten, auch solche aus Streifenwagen, müssen sofort versuchen, den Täter auszuschalten und die verletzten und gefährdeten Personen zu sichern. Es soll verhindert werden, dass sich ein Amokläufer mit Geiseln verschanzt und weitermordet. Nach dem Drama von Winnenden und Wendlingen sieht sich aber die Polizei mit der Erkenntnis konfrontiert, dass alles anders kommen kann. Die Flucht eines Amokläufers galt als atypisches Verhalten. Die alten Erkenntnisse beschreibt ein Fachmann so: „Der Täter ballert sich aus, nimmt Geiseln und bringt sich zum Schluss selber um.“ Doch nun muss sich die Polizei mit dem Verhalten von Tim K. auseinandersetzen. Ein Experte rät, den Einsatz am Tatort enger mit einer Ringfahndung zu verzahnen. Ein anderer warnt, man könne nicht alles vorhersehen.

Hat der Amokläufer seine Tat wirklich im Internet angekündigt?

Baden-Württembergs Innenminister Heribert Rech (CDU) war sich am Donnerstagvormittag sicher, dass die Internetankündigung tatsächlich von Tim K. stammte. Ein entsprechendes Chatprotokoll sei auf dem Computer gefunden worden, hieß es vonseiten der Ermittler. Am späten Abend war die Gewissheit dahin, die Staatsanwaltschaft Stuttgart musste diese Darstellung zurücknehmen. Zuvor hatte der Betreiber der Internetseite krautchan.net erklärt, bei den von Rech präsentierten Einträgen handele es sich um Fälschungen. Alles war wieder offen. Dabei hätte es doch so gut ins Bild gepasst: der depressive 17-Jährige, der sich von der Welt unverstanden fühlt und sich nun mit einem Blutbad rächen wollte. Motivfrage geklärt. Am Freitag erklärte Rech nun gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“: „Irgendein Verrückter hat wohl eine schlimme Falschmeldung in die Welt gesetzt.“ Die zwei angeblichen Zeugen des Internetchats aus Bayern und Nordrhein- Westfalen werden nun vernommen, denn die Auswertung des PC von Tim K. ergab keinen Hinweis auf die Echtheit der Botschaft. Auch soll Tim K. seinen Computer in der Nacht auf Mittwoch um Mitternacht ausgeschaltet haben, der Chateintrag wurde aber erst morgens um 2 Uhr 45 veröffentlicht. Nicht auszuschließen sei aber, erklärte der Waiblinger Polizeisprecher Klaus Hinderer, dass er einen anderen Computer, einen Laptop oder den PC eines Freundes benutzt habe. Nur der Betreiber des Servers in den USA, den der Chatforum-Betreiber benutzte, könne sagen, wer, was und ob etwas ins Netz eingestellt worden sei. Dazu wurde ein Rechtshilfeersuchen in die USA geschickt, um so zu klären, ob der Eintrag tatsächlich auf dem Server gespeichert waren. Die Ermittler hoffen auf die IP-Adresse des Absenders und das Einstelldatum.

Was genau ist krautchan.net?

Krautchan.net ist das deutsche Pendant zu 4chan aus den USA. Das sind keine klassischen Internetforen oder Chatrooms, sondern „Imageboards“, auf die vor allem Bilder und Grafiken gestellt werden. Allerdings können die Nutzer über solche Seiten auch miteinander kommunizieren. Sie brauchen sich dafür nicht anzumelden, sondern können Beiträge grundsätzlich anonym unter dem Namen „Bernd“ (beziehungsweise „Anonymous“ in den USA) veröffentlichen. Der Name „Bernd“ wird auch bei der möglicherweise gefälschten Tatankündigung von Tim K. verwendet. Anders als bei herkömmlichen Internetforen werden die Beiträge nicht lange gespeichert, es gibt kein Archiv.

Nach der Nennung der Adresse durch die Polizei sperrten die Krautchan-Betreiber das Angebot mit der Begründung, dass zu viele Zugriffe den Server überforderten. Sie veröffentlichten einen Screenshot, der Grundlage der Fälschung gewesen sein soll. Dabei machten sie sich über Polizei und Medien lustig, die auf eine Fälschung hereingefallen seien. „Hier wurde kein Amoklauf angekündigt, es gibt hier nur Leute, die mit Photoshop umgehen können“, war auf der Seite zu lesen. Ob das jedoch stimmt, ist noch nicht geklärt. „Es wäre genauso gut möglich, dass der Amokläufer hier seine Tat angekündigt hat“, sagt der Internetexperte Axel Kossel von der Computerzeitschrift „c’t“. Allerdings seien Manipulationen und Fälschungen bei Krautchan normal. „Die Nutzer wollen Aufmerksamkeit erregen und andere mit gelungenen Fälschungen aufs Glatteis führen.“ Geschmacklosigkeiten, Lügen, Spott, Pornografie und Gewaltdarstellungen – je derber, desto besser.

Wie stellt man die Echtheit solcher Chateinträge fest?

Auf dem Computer des Täters oder seiner Freunde müsste erkennbar sein, dass Tim K. die entsprechende Internetseite besucht hat. „Ob er allerdings auch etwas geschrieben hat, lässt sich auf diese Weise nicht klären“, sagt Experte Kossel. „Wenn die Ermittler aber an die Festplatte des Betreiber-Servers gelangen, können sie ziemlich sicher die Herkunft des Eintrags und die Uhrzeit der Veröffentlichung feststellen.“ Doch eine solche Recherche brauche Zeit – Zeit, die sich die Ermittler offenbar nicht gegönnt haben. Sich nur auf einen Screenshot oder eine HTML-Seite (die Programmiersprache) zu stützen, sei dagegen fahrlässig. „Beides kann ziemlich perfekt gefälscht werden“, sagt Kossel.

Sind die Daten nicht verschlüsselt oder anderweitig geschützt, können sie innerhalb von wenigen Stunden gesichert werden. Schwieriger ist es, wenn Informationen gelöscht wurden. Dann müssen Computerforensiker die Daten mühsam rekonstruieren. „Das kann dann schon einmal mehrere Tage dauern“, sagt Kossel.

Was sollen Internetnutzer tun, wenn sie im Netz Hinweise auf Straftaten entdecken?

Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) will einen „Not-Click“, über den Kinder und Jugendliche, die einen Chat- room nutzen, Erwachsene erreichen können. Auch Kossel betont, dass die Nutzer aufmerksam sein und Hinweise auf Straftaten melden sollen. Von der Idee der Ministerin hält er jedoch wenig. „Das ist doch Quatsch, jetzt alle Betreiber verantwortlich zu machen und sie zu verpflichten, solch eine Funktion einzurichten.“ Sinnvoller sei, wenn das Innenministerium eine zentrale Anlaufstelle beim Bundeskriminalamt einrichte, bei der Auffälliges rund um die Uhr gemeldet werden könne. Dort säßen die Experten, die rasch bewerten könnten, ob die Hinweise nur ein schlechter Scherz seien oder tatsächlich eine Straftat ankündigten. Bei den Landeskriminalämtern gibt es schon solche Meldestellen, bei denen etwa Hinweise auf Kinderpornografie angezeigt werden können.

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