Amoklauf : Mit fünfzig Kugeln

Im Tischtennis war er der Beste. Und nett war er, sagen Bekannte. Dann aber stürmt der 17-jährige Tim K. mit gezogener Waffe seine ehemalige Realschule – und tötet ohne jeden erkennbaren Grund 15 Menschen. Eine Kleinstadt, ein Bundesland, eine Republik stehen nun unter Schock.

Andreas Böhme[Winnenden] Frank Jansen[Berlin]
Winnenden
Einschusslöcher in der Scheibe eines Autohauses. -Foto: ddp

Diese Gesichter. Aufgewühlt von einem Entsetzen, das zu den kindlichen Zügen nicht passen will. Sie stehen vor dem Schulgebäude, ihre Worte stocken, Einzelne weinen. Begonnen habe alles, erzählt eines der Mädchen, "mit einem großen Knall". Sie habe mit anderen Kindern auf dem Hof gestanden, gemeinsam liefen sie in Richtung Schulgebäude, um zu sehen, was passiert war. Plötzlich sei "ein Mann in schwarzer Kleidung" vor ihnen aufgetaucht, mit einer "silbernen Maske" vor dem Gesicht. "Dann sind alle nur noch um ihr Leben gerannt", sagt das Mädchen.

Winnenden, eine Kleinstadt in Baden-Württemberg, 20 Kilometer nordöstlich von Stuttgart. Es ist Mittwoch, und es ist nichts mehr, wie es war. "Entsetzlich, das ist ja entsetzlich", sagt eine ältere Dame immer wieder. Sie hat sich weit aus dem Fenster ihrer Wohnung gelehnt, mit dem einen Ohr hört sie die Kakophonie der Martinshörner, mit dem anderen verfolgt sie die Nachrichten.

Schon Kilometer vor dem Ortsschild stehen Streifenwagen, das Zentrum ist abgeriegelt, auf der Bundesstraße 14 kommt der Verkehr kaum voran, immer wieder muss für Polizei und Rettungsdienste Platz gemacht werden. In der Stadt stürmen derweil vermummte Spezialkräfte über den Schulhof, Scharfschützen stehen auf den Dächern. Von allen Seiten versuchen Eltern, auf das abgesperrte Schulgelände vorzudringen, panische Angst steht in ihren Gesichtern, Angst um ihre Kinder - noch sind die Opfer nicht identifiziert. Viele Mütter weinen, können kein Wort sagen.

Manche hatten noch ihre Stifte in der Hand

Keine 30.000 Menschen leben in Winnenden, es dauert nicht lange, bis sich herumgesprochen hat, dass etwas Grauenhaftes passiert ist. Gerüchte sind es zunächst, die von einem Haus zum anderen gehen, eine ungefähre Vorstellung vom Tathergang bekommen die Einwohner erst, als um 14 Uhr Baden-Württembergs CDU-Innenminister Heribert Rech den Tathergang rekonstruiert.

Um 9:33 Uhr, sagt er, habe der erste Notruf die Polizei erreicht, sofort seien zwei Teams zur Albertville-Realschule gefahren. Ein "schreckliches Bild" habe sich den Einsatzkräften dort geboten: Drei Lehrer und neun Schüler im Alter von 14 und 15 Jahren liegen tot in den Klassenzimmern. Die Opfer seien "völlig überrascht" worden, sagt Rech, manche hätten noch ihre Stifte in der Hand gehabt. In eine Klasse, die 10d, sei der Amokläufer gleich dreimal gelaufen, berichtet später "Bild": Beim dritten Mal habe er gezischt: "Seid ihr immer noch nicht alle tot?"

Ein weiteres Opfer, fährt Rech fort, sei gestorben, nachdem der Täter aus dem Gebäude floh: Der tödliche Schuss traf den Gärtner einer benachbarten Psychiatrieklinik. Rech räuspert sich, er ist sichtlich nervös. Ein "KfZ-Kidnapping" habe dann stattgefunden, sagt er: In einem VW-Scharan lässt sich der Täter ins 40 Kilometer entfernte Wendlingen fahren.

"Wir haben getan, was getan werden konnte"

Wie sich später herausstellt, bedroht er den Besitzer des Wagens vom Rücksitz aus mit der Waffe. Als der Fahrer vor einer Polizeisperre abrupt bremsen muss, rutscht der Wagen auf einen Grünstreifen, der Fahrer nutzt die Gelegenheit und flüchtet. Auch der Täter springt aus dem Wagen, er läuft zu einem nahegelegenen Autohaus, wo er sofort wieder das Feuer eröffnet: Ein 36-jähriger Mitarbeiter und ein 46-jähriger Kunde, die offenbar ein Verkaufsgespräch führen, sterben im Kugelhagel. Als mehrere Streifenwagen vor dem Gebäude vorfahren, feuert der Täter erneut: Zwei Polizisten werden schwer verletzt, bevor sich der 17-Jährige schließlich selbst erschießt.

Einige dieser grausamen Details liegen Rech zum Zeitpunkt seiner Ansprache noch nicht vor, eines aber weiß der Innenminister schon jetzt: "Wir müssen", sagt er, "die traurige Bilanz ziehen, dass es 16 Tote gegeben hat. Es wurde getan, was getan werden konnte, trotzdem haben wir diese Bilanz zu ziehen."

Am Nachmittag dringen weitere Details durch: Ein Sicherheitsexperte berichtet am Telefon von einer Lehrerin, die mit großem Mut Schüler vor dem Amokläufer gerettet habe. Tim K., erzählt der Mann, sei "mit eiskaltem Gesicht" in einer Klasse erschienen und habe drei oder vier Kinder erschossen, dann habe der Täter den Raum verlassen - offenbar, um seine Pistole nachzuladen. "Die Lehrerin hat geistesgegenwärtig die Klassentür verschlossen", berichtet der Mann. Tim K. habe zwar noch versucht, das Türschloss aufzuschießen, was ihm jedoch nicht gelang.

Tim K. war "unauffällig"

Andere Lehrer hatten zu dieser Zeit bereits die Türen ihrer Klassenräume verriegelt, gewarnt durch eine verschlüsselte Lautsprecherdurchsage des Schulrektors: "Frau Koma kommt!" Eine Schülerin berichtete später dem ZDF: "Koma, das heißt Amok rückwärts. Darauf hat die Lehrerin die Tür abgeschlossen."

Wer dieser Tim K. war, der im benachbarten Ort Leutenbach aufwuchs und im vergangenen Jahr an der Albertville-Realschule die Mittlere Reife ablegte, darüber ist wenig bekannt. Als "völlig unauffällig" beschreibt ihn die Schulleiterin. Seine Waffe stammt aus dem Bestand des Vaters, der als wohlhabender Unternehmer gilt - und als Waffennarr. Mehr als ein Dutzend Gewehre und Pistolen findet die Polizei später in der Wohnung, alle ungesichert. Eine italienische Beretta-Pistole fehlt - nebst Munition.

Was Tim K. antrieb, dafür hat niemand eine Erklärung. Innenminister Rech weist am Abend lediglich darauf hin, dass der Amokläufer. in der Schule nicht wahllos, sondern gezielt getötet habe - und dass es fast ausschließlich Mädchen und Frauen waren, auf die er schoss.

Wer sich an Tim K. erinnert, weiß nichts Negatives über ihn zu sagen: "Hier ist er als netter und guter Tischtennisspieler in Erinnerung", sagt Eva Sebele, die Vorsitzende des TSV Leutenbach, für den Tim K. im Jahr 2004 den ersten Platz einer Bezirksrangliste eroberte. Sebele findet es "völlig unverständlich, dass so einer morgens aus dem Haus geht und Leute erschießt".

"Wir sind wie gelähmt", sagt auch eine Mitarbeiterin des Bürgermeisters von Leutenbach, die namentlich nicht genannt werden will. "Einige Schüler aus dem Ort sind unter den Opfern", sagt die Frau, nur mühsam kann sie weiterreden, sie weint. "Ich habe es im Fernsehen gesehen, das kann nicht sein, dass so etwas bei uns passiert." Die Familie K. kenne sie nicht, sagt die Frau, sie wisse nur, dass sie im Ortsteil Weiler zum Stein lebe, das sei "ein ganz altes Dorf" mit rund 3500 Einwohnern. "Bitte, ich kann jetzt nicht mehr", sagt die Frau noch. Dann legt sie auf.

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