Zeitung Heute : Amoklauf – Polizei von Flucht überrascht

Experten: Sicherheitskräfte nicht auf dieses Szenario vorbereitet / Motiv der Tat noch immer ungeklärt

Frank Jansen

Berlin - Bei dem Amoklauf von Winnenden, bei dem am Mittwoch 15 Menschen getötet worden waren, war die Polizei offenbar nicht auf die Flucht des Täters vorbereitet. Wie der Tagesspiegel aus Sicherheitskreisen erfuhr, bedeutete die dramatische Flucht des 17-jährigen Tim K. für die Einsatzkräfte eine nicht erwartete Änderung der Lage. Das Verhalten des Täters sei völlig atypisch, solche Szenarien würden bislang nicht trainiert, sagten nahezu gleichlautend hochrangige Experten aus Baden-Württemberg und anderen Bundesländern.

„Wir gehen davon aus, dass ein Amokläufer beim Eintreffen der Polizei Geiseln nimmt, sich verschanzt und dann selber tötet oder getötet wird“, sagte ein Fachmann. In Winnenden sei der Täter jedoch durch das frühe Erscheinen der Polizei derart irritiert gewesen, dass er seinen Plan änderte und floh. Es müsse auch darüber nachgedacht werden, bei Amokläufen die Verzahnung des Einsatzes vor Ort und der Ringfahndung zu verbessern, um eine Flucht des Täters zu verhindern, sagte ein Sicherheitsexperte. Ein anderer Fachmann betonte, die Polizei werde bundesweit aus dem Fall Winnenden Lehren ziehen. Das Innenministerium in Stuttgart wollte sich nicht äußern. „Im Moment läuft noch die Analyse“, sagte ein Sprecher. Am Mittwoch hatte Innenminister Heribert Rech (CDU) den Einsatz der Sicherheitskräfte gelobt. Durch das schnelle Eintreffen der ersten Polizeibeamten sei möglicherweise verhindert worden, dass es noch mehr Opfer gab.

Tim K. hatte, nachdem er an seiner ehemaligen Schule neun Schüler und drei Lehrer erschossen hatte, auf seiner Flucht einen weiteren Passanten getötet und dann mit vorgehaltener Waffe einen Autofahrer gezwungen, ihn zwei Stunden durch die Region Stuttgart zu fahren. In Wendlingen erschoss er zwei weitere Menschen, verletzte zwei Polizisten durch Schüsse schwer und tötete sich selbst. „Es ist davon auszugehen, dass er sich in den Kopf schoss“, hieß es in Sicherheitskreisen. Spekulationen, die Polizei habe Tim K. erschossen, seien falsch. Ein Ergebnis der Obduktion lag am Freitagabend noch nicht vor.

Scharfe Kritik an den Behörden äußerte der Lehrerverband Bildung und Erziehung in Baden-Württemberg. Die Schulen in der Region seien erst um 11 Uhr 45 über den Amoklauf informiert worden, der schon gut zwei Stunden vorher begonnen hatte. Die Tat des 17-Jährigen rief indes Trittbrettfahrer auf den Plan. Im nordrhein-westfälischen Ennepetal wurde ein 17-jähriger Gymnasiast wegen einer Amokdrohung festgenommen. In seinem Zimmer wurden Chemikalien und Bauanleitungen für Sprengsätze gefunden.

Unklar war auch am Freitag das Motiv von Tim K. Anders als zunächst verkündet, wurden nach Polizeiangaben auf dem beschlagnahmten PC des Todesschützen keine Belege für eine Ankündigung der Tat im Internet gefunden. Dies hatte Rech am Donnerstag auf einer Pressekonferenz mitgeteilt, im Laufe des Abends waren aber erhebliche Zweifel an dieser Version aufgekommen. Nach Informationen des Tagesspiegels gehen die Ermittler bereits davon aus, dass es sich um einen makabren Scherz handle.

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