Zeitung Heute : Amsterdam: Bildersturm

Klaus Bachmann

Helen Burleson deutet mit dem Finger auf eine Pfütze. In deren Mitte sprudelt Wasser wie aus einem defekten Rohr. "Das ist die Stelle, wo das Flugzeug abgestürzt ist", sagt sie, "wir haben einen Springbrunnen draus gemacht. Wasser als Zeichen des Lebens, verstehen Sie?" Sie blickt nach oben. Zwei Wohnhausblocks von enormen Ausmaßen schieben sich keilförmig in den Park, der um das Denkmal an der Unfallstelle angelegt wurde. Sie liegen mehrere hundert Meter auseinander. "Da ist das Flugzeug reingerast. Und genau hier", sie senkt den Blick auf die Pfütze, "ist es dann abgestürzt." Burleson war damals Stadtverordnete, heute ist sie Vorsitzende einer Stiftung, die für das Denkmal verantwortlich ist und einmal im Jahr, am 4. Oktober, die Gedenkveranstaltung organisiert.

An jenem Tag vor neun Jahren um 18 Uhr 36 streifte in der Amsterdamer Trabantenstadt Bijlmer ein defektes israelisches Frachtflugzeug vom Typ Boeing 747 zwei Häuserblocks, riss große Teile davon ein, bohrte sich ins Erdreich und explodierte.

Als die Menschen in Bijlmer vor drei Wochen die Bilder aus New York sahen, wurden die Erinnerungen an den 4. Oktober 1992 wieder wach. Die Freundin zweier Bijlmer-Opfer, die Burleson seit Jahren bei der Vorbereitung der Gedenkfeiern hilft, meldete sich am Tag nach den Anschlägen in den USA krank. Die Stadtteilbehörde organisierte schon am nächsten Tag eine Gesprächsrunde mit Zeugen und Betroffenen der Katastrophe von Amsterdam. "Hinterbliebene von Bijlmer-Opfern verabredeten sich zu Treffen in den Wohnungen", sagt Burleson. Von einigen hörte sie, dass sie Psychologen aufsuchen wollen. "Die Unsicherheit von damals ist wieder da, die Angst, jeden Augenblick wieder von einer Katastrophe heimgesucht zu werden."

Bis heute ist die Opferzahl von 43 Toten umstritten, denn in den Wohnblocks in Bijlmer sollen zahlreiche illegale Ausländer gelebt haben. Der Absturz in Bijlmer war kein Anschlag, sondern ein Unfall. Einer mit mysteriösen Hintergründen, denn die El-Al-Maschine hatte Chemikalien und abgereichertes Uran geladen. "Noch Jahre später sind Feuerwehrleute und Polizisten, die an der Unfallstelle waren, krank geworden und einige auch gestorben", sagt André Bos, Sprecher einer Initiative von Betroffenen. Die Anwesenheit geheimnisvoller Unbekannter, die unmittelbar nach dem Absturz in "Anzügen wie Raumfahrer" auftauchten und sich mit dem Abtransport von Kisten statt mit der Rettung der Verunglückten beschäftigten, ließ die Gerüchte ins Kraut schießen. Eine populäre These lautet, die Maschine habe biologische Waffen und Kriegsgerät transportiert, und die niederländische Regierung habe das aus Rücksicht auf Israel vertuschen wollen. 1999 kam ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss zu dem Schluss, die Polizei habe zugelassen, dass wichtiges Untersuchungsmaterial von der Unfallstelle entfernt worden sei. Die Regierung habe das Parlament über die Anwesenheit der Unbekannten in Schutzanzügen falsch informiert. Auch die psychologische Betreuung sei unzureichend gewesen.

"Heute sind wir natürlich klüger als damals", gibt René Zegerius bereitwillig zu. Zegerius ist Chef einer Art psychologischen Feuerwehr beim niederländischen Gesundheitsministerium. Er organisierte die psychosoziale Beratung der Opfer nach großen Katastrophen, vom Absturz in Bijlmer bis zum Erdbeben in der Türkei. "Wir haben aus Bijlmer gelernt, dass man die Lage noch Jahre danach überwachen muss. Sie haben da mit Leuten zu tun, die zunächst unter Schock stehen und dann normal weiterleben. Erst nach einigen Jahren brechen sie dann zusammen oder zeigen Symptome für psychische Probleme." Es sei sehr wichtig, dass man nach einer Katastrophe schnell diejenigen erreiche, die psychologische Probleme haben und von sich aus keine Hilfe suchen. In den Niederlanden werden inzwischen speziell ausgebildete psychosoziale Berater eingesetzt. Sie bauen nach Katastrophen "Servicepoints" auf, in denen mit juristischen Ratschlägen die Hemmschwelle für psychologische Hilfe abgebaut wird. "Die Leute kommen zu einem Anwalt, und daneben sitzt dann ein Psychologe", sagt Zegerius.

Anders als in New York gab es keine Schuldigen. Niemand, den man verantwortlich machen konnte, keinen Sündenbock. Noch dazu säten die zahlreichen Ungereimtheiten der Bergungsarbeiten und Ermittlungen in Bijlmer Misstrauen und Unsicherheit - ein Problem, das den New Yorkern erspart bleibe: "Die Bijlmer-Bewohner fühlten sich vernachlässigt und nicht ernst genommen", sagt Zegerius, "die New Yorker hingegen haben die Solidarität des ganzen Landes, sie wissen genau, was passiert ist, und es wird ihnen sogar bereits ein Schuldiger präsentiert. Rachegefühle helfen beim Verarbeiten." Psychologisch gesehen mache US-Präsident George Bush mit seinen Drohgebärden und Kreuzzug-Ankündigungen genau das Richtige. "Ich betone: psychologisch gesehen."

In New York werde eine Opfergruppe besondere Probleme haben, vermutet Zegerius, "diejenigen, deren Angehörige nie gefunden werden und die jahrelang in Ungewissheit leben müssen". Möglicherweise haben sie das gemeinsam mit einigen der Bijlmer-Bewohner. Jener Teil der Hochhaussiedlung, der 1992 frontal getroffen wurde, ist nicht wieder aufgebaut worden. Dort ist heute das Bijlmer-Denkmal. "Wer weiß, ob das nicht in Wirklichkeit ein Grab ist", sagt André Bos nachdenklich. Wenn er hört, dass Giuliani das World Trade Center wieder aufbauen will, denkt er an die blubbernde Pfütze und das Denkmal in Bijlmer: "Würden Sie es gut finden, ein Haus auf die Stelle zu bauen, wo vielleicht Ihr Kind begraben liegt?", fragt er zurück.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben