Amsterdam : Ein Rot verblasst

Amsterdams Vergnügungsviertel soll schicker werden, jedes zweite Hurenfenster schließen. Die Parole lautet: Entreißt das Quartier dem Gesindel! – seitdem herrscht Zwietracht im Zwielicht.

Tobias Müller[Amsterdam]
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Der Blues geht um. Eine Prostituierte am Hurenfenster. Hat auch sie schon Angst vor Arbeitslosigkeit? -Foto: dpa

Es stehen sich auf den Wallen, „op de wallen“, der Wiege Amsterdams, jetzt zwei Typen von Frauen gegenüber. Die einen leben, die anderen nicht. Aber verführen wollen sie beide.

„Die Zeit, in der wir den schönsten Teil der alten Innenstadt von Gesindel übernehmen ließen, ist vorbei“, intonierte vor einiger Zeit und nicht besonders fein Lodewijk Asscher, geboren 1974, ein junger Sozialdemokrat, Finanzstadtrat in Amsterdam, der bieder-streberhaft daherkommt. Die Zeiten, in denen eine fast unerklärliche Toleranz der Niederlande berühmtestes Kennzeichen war, sind ohnehin vorbei, Ausländern und Arbeitslosen geht es längst an den Kragen. Und dazu kam nun – regional begrenzt – noch die „Operation 1012“.

Sie soll das Amsterdamer Rotlichtviertel, leichte Damen an Fenstern, Fingerklopfen an Scheiben, käufliche Sünde im süßlichen Haschischnebel, Motiv ungezählter Urlaubsfotos, schicklicher und schick machen.

Doch weil auch im Rotlichtviertel Rot nie eindeutig ist und viel sein kann – Weinrot, Blutrot, Scharlachrot, Zinnoberrot, Feuerrot, Orangerot, Hochrot –, hat Stadtrat Asscher zur Zukunft des Sündenquartiers auch mehrere Meinungen. Zwar arbeitet er daran, dass die meisten der roten Lampen bald ausgehen, andererseits will er die dort Gewerbetreibenden nicht allesamt ruiniert sehen.

Von den Touristen nämlich, die zwischen den Grachten auf dem Oudezijds Voorburgwal zwischen Hauptbahnhof und Damstraat herumspazieren, sagen zwei Drittel, dass sie auch wegen der Damen an den Fenstern hier seien, zum Gucken, nicht als Kunden, aber trotzdem. Ein Finanzstadtrat wird sich diese Zahl gemerkt haben.

Als also jüngst Bordellbesitzer und Vermieter der sogenannten „Hurenfenster“ klagten, sie bekämen – Finanzkrise! – keine Kredite mehr von Banken und müssten sich so an unseriöse Geldverleiher wenden, schlug Asscher vor, über eine neu zu gründende Spezialbank finanziell soliden Sexbetrieben zu helfen.

Aber wer ist noch solide finanziert im unsoliden Gewerbe, in dieser Zeit, da Asschers „Operation 1012“ seit einem Jahr läuft, mittels derer die Zahl der Hurenfenster von 482 auf 241 und die der Haschisch verkaufenden Coffeeshops von 76 auf 38 halbiert werden soll?

Wenn die Dämmerung über die windschiefen alten Häuser fällt, die Leuchtreklamen sich in der Gracht spiegeln und das allgegenwärtige rote Licht dem Winter einen warmen Anstrich verpasst, wirkt zwar alles noch wie immer, und finster guckende Türsteher im Anzug bauen sich an den Eingängen der Sextheater auf, johlende Touristengruppen stolpern über das Pflaster, und hinter den Scheiben räkeln sich Frauen, rauchen, telefonieren und klopfen mit dem Nagel ans Glas, aber tagsüber sieht man, was Asschers Plan bedeutet. Da sind die Lücken nicht zu übersehen. Immer mehr Fenster sind ohne Vorhänge. 150 Prostituierte sollen bereits ihren Arbeitsplatz, der legal war und steuerpflichtig, verloren haben. Wo vor kurzem noch Nähe und Wärme verkauft wurden, treffen die neugierigen Blicke der Vorbeiziehenden auf Leere. Oder auf Anziehpuppen.

„Operation 1012“, gestartet 2008, benannt nach der Postleitzahl, soll Boutiquen, junge Mode, Design, Taschen, Schals, Schmuck ins Viertel locken. Und so findet man hinter mancher Fensterscheibe nun wiederum eine spärlich bekleidete Frauenfigur, doch ist sie diesmal aus Plastik oder mit Samt bespannt, und was sie anbietet, ist nicht des Leibes Lust, sondern dessen Dekoration. Auch Galerien sollen sich ansiedeln und – statt schäbiger Imbissbuden – hochwertige Restaurants. Die Kosten wurden im dreistelligen Millionenbereich veranschlagt, die Stadt will sie teilen mit einem nahen Luxushotel, mit Kaufhäusern und Banken.

Es geht bei dem konservativ erscheinenden Vorstoß nicht um die Kriminalisierung der Prostitution, die seit 2000 legal ist in den Niederlanden. Man habe vielmehr, so stellt es Amsterdams Bürgerrmeister Job Cohen dar, Asschers Dienstherr, Betriebe im Blick, die Kriminalität anzögen: „Bordelle und Minimärkte und Spielhallen, Souvenirlädchen und Geldwechsler, dazu gewisse Hotels und Gastronomie.“ Orte, in denen es vor allem um Geldwäsche gehe. Auch der Prostitution im Viertel nimmt Cohen jeden romantischen Anstrich. Frauenhandel, sagt er und malt schwarz:. „Es gibt eine kriminelle Infrastruktur, in der Unterweltfiguren das Sagen haben.“ Das Gebiet sei für Polizei und Justiz unbeherrschbar geworden. Vergangenen Freitag erst rotierte blaues Licht auf dem Wagen der Ermittler, wurde ein Tatort abgesperrt mit Flatterband, eine Prostituierte war niedergestochen worden.

Um handlungsfähig zu sein, beruft sich die Stadt auf ein Gesetz, das recht niedlich unter dem Kürzel „Bibop“ steht, aber Beinhartes bedeutet. Die Stadt kann damit Gewerbetreibenden, bei denen nur der Verdacht auf Geldwäsche besteht, die Lizenz entziehen.

„Es ist ein Tsunami, der durch das Viertel weht“, ereifert sich Wim Boef. Der eloquente Restaurantinhaber ist der Vorsitzende einer im Sommer gegründeten Vereinigung von über 60 Geschäftsleuten, die sich wehren gegen die Pläne der Stadt. Boef sagt, er lege für seine Mitstreiter die Hand ins Feuer: „Wenn es hier Formen von Kriminalität gibt, dann sollen sie dagegen vorgehen. Stattdessen stellen sie den ganzen Kiez unter Generalverdacht.“ An sich ist der schwergewichtige Boef ein gutmütiger Zeitgenosse. Doch wenn er von der Unruhe erzählt, die auf den Wallen Einzug gehalten hat, und dem allgegenwärtigen Bangen um die Lizenz, packt ihn die Wut: „Jeder hängt an nur einem Faden, und auch nur, bis sie sagen, wir schneiden ihn durch.“

Was Boef am meisten stört, ist der vage Charakter der Sanierungspläne: „Niemand kennt die Kriterien. Die Behörden wollen hochwertige Gastronomie. Nur, wie bestimmen sie, was hochwertig ist? Wer darf bleiben, wer muss gehen?“

Neulich, erzählt Boef, habe ihn ein Vertreter der Gemeinde nach dem Grund für sein Engagement gefragt. „Ich mache das, weil ich dieses Viertel liebe“, schnaubt er. „Doch ich befürchte, dass es in ein paar Jahren nicht mehr besteht.“

Die größte lebende Kiezlegende, Charles Geerks, genannt „Dikke Charles“, jedenfalls wurde bereits in Rente geschickt. Einstmals gehörte ihm ein Drittel aller Fenster. Unterstützt von einem Projektentwickler kaufte die Stadt im vergangenen Jahr 17 seiner Häuser für 25 Millionen Euro auf. Ein Preis, der sich eigentlich nur rechnet, wenn die Häuser weiterhin zur Prostitution genutzt werden. Für den entstandenen Wertverlust entschädigte die Gemeinde – es zahlte also der Steuerzahler – die Projektentwicklungsfirma mit 15 Millionen Euro. Seitdem haben weitere Wohnungsbaugesellschaften mit Besitzern von Prostitutionsimmobilien Verhandlungen aufgenommen. Parallel dazu droht die Stadt mehreren Geschäftsleuten, ihre Genehmigungen nicht zu verlängern, was die durchaus als Erpressung auffassen.

In die leeren Hurenfenster zieht derweil die Zukunft ein: Nachwuchsdesigner, die in den subventionierten Gebäuden Schmuck, Kleidung und Taschen entwerfen. „Red Light Fashion“ ist der Name eines Projekts, das im vergangenen Jahr zum Aushängeschild der gelifteten Wallen geworden ist.

Das sei ganz unerwartet gekommen, sagt Mariette Hoitink, deren Designagentur seit langem im Viertel ansässig ist. Sie habe vor knapp zwei Jahren zufällig eine Ortsbegehung im Rotlichtviertel gesehen, auf dem pflastersteingedeckten Platz rund um die mittelalterliche „Oude Kerk“, die „Alte Kirche“, und da sei sie direkt drauf zugegangen und habe nachgefragt. Zwei städtische Beamte hätten gesagt, sie wollten hier Häuser aufkaufen. „Ich fragte sie, ob sie nicht jungen talentierten Designern Raum zur Verfügung stellen wollten“, erinnert sich die Geschäftsfrau. Sie wollten – und im vergangenen Dezember präsentierte sie „Red Light Fashion“ auf einer Fachmesse in Hongkong. „Wir sind das innovativste Projekt hier“, sagt Mariette Hoitink, und die Stadt habe schon signalisiert, dass sie daran festhalten wolle. Den Blick auf ihre Umgebung hat ihr die Euphorie nicht verstellt. Sie verstehe die Angst der Leute hier, der Prostituierten. Für Hoitink ist „Red Light Fashion“ zwar ein soziales Projekt, aber andererseits sei es eben auch: „Gentrifizierung pur“.

Angst macht den Prostituierten vor allem die Frage, was danach kommen soll, was aus ihnen wird. Sie wollen sich nicht an die Straßen stellen, der Strich ist gefährlich, und im Viertel waren sie sicher. Viele der jungen Frauen, die noch am Alten Kirchplatz ihre Fenster haben, kommen aus der Dominikanischen Republik. Wie Vicki, die etwa Mitte 30 ist. Vicki sagt, die Pläne für ein vornehmes Rotlichtviertel seien ein schlimmer Schock für sie alle gewesen. „Das Haus neben uns ist schon dicht“, sagt sie. Viele der Mädchen hätten keine Arbeit mehr.

In Vickis Arbeitszimmer sind die Wände nackt, das Bett ist eher eine Pritsche, und es hängt süßlicher Parfümgeruch im Raum. Hier ist also kein bisschen von dem Glanz, der das alte Viertel demnächst erstrahlen lassen soll. Was sich hinter dem komplizierten Begriff „Gentrifizierung“ verbirgt, merkt Vicki trotzdem. „Weniger Zimmer, das heißt für uns höhere Mieten. Früher bezahlten wir am Tag 50 Euro, jetzt sind es 70. Und nachts kostet es 120 statt 85. Du zahlst und zahlst nur noch und behältst am Ende kaum etwas übrig.“ Und wenn sie die gestiegenen Ausgaben auf die Freier umlegen? Nein, das trauen sie sich nicht.

Und die sind ja auch weniger geworden. Seit es stiller ist am „Alten Kirchplatz“, kämen weniger Touristen, sagt Mariska Majoor, die das kleine „Prostitutionsinformationszentrum“ betreibt. Früher hat sie selbst auf den Wallen als Prostituierte gearbeitet. „Wir sind auch gegen Frauenhandel und Geldwäsche“, sagt sie, natürlich! „Aber das, was die Stadt hier machen will, ist kalt und unmenschlich.“ Eine ganze Berufsgruppe und deren legitime Interessen würden übergangen. Es gebe viele Frauen im Rotlichtviertel, die selbstständig arbeiten, nicht von einem Zuhälter ausgebeutet würden oder Opfer von Frauenhändlern seien, sagt sie. Und sie ist auch selbst Leidtragende der neuen Regelungen. Weil es immer weniger Prostituierte und Kunden mit Beratungsbedarf gibt, wird auch ihr kleines Informationszentrum im Laufe des Jahres schließen.

Nur ein paar Blocks entfernt sitzt Els Iping, Vorsitzende des „Stadtteils Centrum“, in ihrem Büro. Schon seit sechs Jahren sei die Gemeinde mit der „physischen Infrastruktur“ des Rotlichtviertels beschäftigt, sagt sie. Man habe den Verkehr beruhigt, die Mauern der Grachten ausgebessert und Überwachungskameras aufgehängt. Jetzt sei die Psyche dran. Sie hätten für die Veränderungen im Viertel „einen breiten Ansatz“, sagt sie. Aber der käme irgendwie nicht an. Alle interessierten sich nur für Mode und die Huren.

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