Amstetten : Der menschliche Schrecken

Peter Becker

Wieder kommt die Schreckensnachricht aus Österreich. Wer glaubte, die im August 2006 am Rande von Wien zu Ende gegangene achtjährige Gefangenschaft des Mädchens Natascha Kampusch werde als Leidens- und Horrorgeschichte in ihrer Art für lange Zeit unvergleichlich bleiben, der irrte. Der irrte – und irrte doch nicht.

Denn jedes menschliche Leid, zumal wenn es Kindern zugefügt wird, ist erst einmal unvergleichlich. Es gibt zwar immer wieder Massenmorde, Missbrauch, kriegerische Gräuel, Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Aber jedes Leben ist für sich ein Einzelfall. Das vergisst man über all die namenlosen Opfer. Andererseits braucht es den Einzelfall, damit man sich mit den Betroffenen noch identifizieren und Anteil nehmen kann.

Wahrhaftig Anteil zu nehmen am Schicksal jener unglückseligen Familie im niederösterreichischen Amstetten, fällt indes nicht leicht. Ein Vater sperrt seine eigene Tochter 24 Jahre lang in ein unterirdisches Verließ, hält sie dort wie eine Sklavin, missbraucht sie und zeugt mit ihr, vom oberirdischen Rest der Familie, den Nachbarn, den Behörden angeblich unbemerkt, sieben Kinder. Diese Geschichte übersteigt in ihrer Perfidie, ihrer monströsen Dauer und den möglichen Details fast alle Vorstellungskraft.

Damit erschwert der Horror auch die Einfühlung, das natürliche Mitgefühl mit den Opfern. Das ungläubige Entsetzen möchte den Fall Amstetten am liebsten aus der Welt haben. Aus der „normalen“ Welt. Geschah das Verbrechen doch gleichsam in der Unterwelt, im versiegelten Höllenkeller. Wie im Fall Kampusch, und wieder in Österreich. Auch das sorgt bereits für spekulative Ablenkung. So als sei gerade Österreich, ohnehin beladen mit seiner und unserer Geschichte, eine Brutstätte des unterschwelligen Grauens. Auch hatte ja der österreichische Professor Freud früh schon so Unbehagliches über die unterbewussten Begierden, die inzestuösen Gelüste und das Unheil des Verdrängens geschrieben.

Der Hinweis auf Österreich entspringt freilich einem hilflosen Reflex. Als Reflexion erbringt er nichts. Auch der Belgier Dutroux hielt seine Mädchenopfer unter der Erde gefangen, und was hat man da nicht alles über die besondere belgische Seele (im Geiste des kriminalistischen Monsieur Maigret) lesen dürfen. Fälle wie Amstetten können allenfalls ein Anlass sein, sich – im Lichte auch Sigmund Freuds – zu vergegenwärtigen: Der Firnis der menschlichen Zivilisation ist doch immer noch und überall nur eine dünne Haut.

Kriminologen und Psychologen gehen selbst in den aufgeklärten westlichen Gesellschaften von einer riesigen Dunkelziffer aus, was die Fälle familiärer, auch inzestuöser Gewaltanwendung angeht. Vor allem Männer vergehen sich zuhauf an Töchtern oder Enkelinnen, überhaupt an Schutzbefohlenen, an Schwächeren: an ihren und fremden Kindern. In Familien, in Armutsgebieten, im Milieu der weltweiten Prostitution. Früher nahmen sich „Landesväter“ das Recht der ersten Nacht mit jungen Mädchen in ihrem Herrschaftsbereich, heute sind es nicht zuletzt die Stammeskrieger und Warlords in vielen Teilen der Welt. Auch eine eigenwerte Kindheit und überhaupt die Rechte von Kindern sind in der Geschichte der Menschheit noch eine sehr junge Erfindung.

Wer diese Errungenschaft verteidigen will, darf die Opfer von Amstetten jetzt nicht nochmals einsperren. Weder als Kinder eines außerirdischen Monsters. Noch als Beute des irdischen Boulevards.

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