Zeitung Heute : An Anja Mengel, Fachanwältin für Arbeitsrecht

Telefonieren auf Kosten des Chefs?

An Anja Mengel

Ich mache derzeit ein Praktikum, das aber nicht vergütet wird. Deshalb nehme ich mir häufiger heraus, nach Feierabend private Telefonate vom Büro aus zu führen oder Privatbriefe über das Unternehmen zu verschicken. Ist das legal?

Das kommt darauf an. Selbstverständlich ist es aber unzulässig, wenn sich ein Mitarbeiter im Wege der „Selbstbedienung“ wegen als zu schlecht empfundener Vergütung oder auch ganz fehlender Vergütung an dem Eigentum des Unternehmens vergreift oder Dienstleistungen auf Kosten des Unternehmens in Anspruch nimmt. Damit macht sich der Mitarbeiter in der Regel strafbar, zum Beispiel wegen Diebstahls, Unterschlagung, Betrug oder Untreue. Hier dürfte – wie wohl bei den allermeisten Arbeitgebern das Versenden privater Post auf Kosten des Unternehmens — trotz des vergleichsweise geringen Betrages für eine Standardbriefmarke nicht gestattet und auch nicht als Gepflogenheit geduldet, also rechtswidrig und im Zweifel auch strafbar sein.

Bei der privaten Telefonnutzung gelten zwar grundsätzlich dieselben Regeln, dass eine „Selbstbedienung“ rechtswidrig ist. Allerdings ist in vielen Unternehmen heute die (gelegentliche) auch private Nutzung des Bürotelefons entweder ausdrücklich oder im Wege der langjährig geduldeten Praxis für die Mitarbeiter zulässig. Dann ist ein privates Telefonat nach Feierabend wohl ebenso für einen Praktikanten, der nicht den Arbeitnehmerstatus hat, zulässig.

Es kommt jedoch im Einzelfall noch darauf an, ob es für die Privattelefonate einschränkende (geschriebene oder ungeschriebene) Regeln gibt, zum Beispiel dahingehend, dass keine Auslandsgespräche, keine Telefonate auf teure Sondernummern und keine längeren Privattelefonate geführt werden dürfen. Dann ist das teure Privattelefonat nach Feierabend ins Ausland oder über Stunden trotz genereller Zulässigkeit des Privattelefonierens unzulässig.

Als Sanktion drohen dem Praktikanten bei Entdeckung – wie auch einem Arbeitnehmer – eine (verhaltensbedingte) Kündigung des Anstellungsvertrages, in schweren Fällen auch eine fristlose Kündigung, sowie Schadensersatzforderungen und eine Strafanzeige.

Das rechtmäßige Mittel gegen zu schlechte oder vollkommen fehlende Vergütung als Praktikant ist daher allein die offene Forderung nach (mehr) Bezahlung. Wird ein Praktikant faktisch nicht ausgebildet, sondern wie ein Arbeitnehmer eingesetzt, insbesondere über längere Zeiträume, kann er sogar einen gesetzlichen Anspruch auf angemessene Vergütung haben.

Dr. Anja Mengel ist Fachanwältin für Arbeitsrecht bei WilmerHale,Berlin.

Haben Sie auch eine Frage?

Dann schreiben Sie uns:

E-Mail:
Redaktion.Beruf@tagesspiegel.de

Postanschrift:
Verlag Der Tagesspiegel,
Redaktion Karriere & Beruf,
10876 Berlin

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar