Zeitung Heute : An Brechts Pappel denken

Lothar Heinke

Wie ein Rentner die Stadt erleben kann

Wer über den Karlplatz in Mitte geht, wundert sich, seinen Brecht im Kopf, wo das „s“ geblieben ist: Karlplatz oder Karlsplatz? Beim b.b. ist das s noch da, auf dem Straßenschild fehlts. „Eine Pappel steht am Karlsplatz / Mitten in der Trümmerstadt Berlin / Und wenn die Leute gehn übern Karlsplatz / Sehen sie ihr freundloich Grün. / In dem Winter sechsundvierzig / Fror’n die Menschen, und das Holz war rar / Und es fielen da viele Bäume / Und es wurd ihr letztes Jahr. / Doch die Pappel dort am Karlsplatz / Zeigt uns heute noch ihr grünes Blatt: / Seid bedankt, Anwohner vom Karlsplatz / Daß man sie noch immer hat“.

Karlsplatz klingt ja irgendwie schöner, aber am schönsten ist, dass dieser wenig attraktive Platz dadurch veredelt wird, „dass man sie noch immer hat“. Die Pappeln. Oder: schon wieder. Vor Jahr und Tag erreichte der neue Nach-Wende-Gründerboom auch diese Gegend, und da mussten die Pappeln, die sich auf einem Eckgrundstück so friedlich ausgebreitet hatten, einem jener 0-8-15-Bürogebäude weichen, die damals überall in die Erde gestampft wurden. Aber, man staunte nicht schlecht: Der Bezirk Mitte pflanzte zwei neue Pappeln und schrieb auf ein Schild deren Story dazu: Vom Original der 1947 wieder ausgeschlagenen Ur-Pappel wurden 1979 neue Setzlinge in die Erde gepflanzt, davon wiederum neue Ableger im Frühjahr 2002. Es pappelt sich also fort und fort, frisch und saftig stehen die Bäumchen im Lebengrün, behütet und beschützt von zwei ganz hohen, viel älteren – sie könnten Brecht noch gekannt haben. Die Blätter der vier rascheln hinter dem Rücken des ziemlich gewaltigen Denkmals für Rudolf Virchow, das Fritz Klimsch 1910 auf den Platz gestellt hatte. Es ist dem Forscher von seinen Schülern und Freunden gewidmet, die Stadt war der Auftraggeber des Monuments, das Virchows Porträtrelief zeigt, viel größer aber den Kampf der Medizin gegen die Krankheit symbolisiert. Ein kräftiger Mensch (Titan) mit gewaltigen Muskeln bezwingt ein merkwürdiges Wesen (Sphinx), das sich in des Titanen Arm krallt, der aber behält, auf dem Sockel jedenfalls, die Oberhand. Dies ist übrigens das erste deutsche Denkmal für einen Mediziner ohne dessen figürliche Darstellung. Und wann und wo kriegt Harald Juhnke seins?

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