Zeitung Heute : An den Haaren herbeigezogen

Wie ein Kokaintest funktioniert – und warum mancher Drogensünder trotzdem unentdeckt bleibt

Hartmut Wewetzer

Haare sind verräterisch. Wie ein Tagebuch geben sie Aufschluss über ihren Träger. Sie offenbaren, welchen Schadstoffen er ausgesetzt war, welche Medikamente er eingenommen hat, ob er gar vergiftet wurde – oder sich selbst vergiftet hat.

Denn Drogen wie Kokain, Opiate, Ecstasy oder Cannabis gelangen über das Blut in die Haarwurzel und von hier in das – tote – Haar. Dort lagern sie sich im Gewebe ab und werden allmählich mit diesem in Richtung Haarspitze transportiert. Jeden Monat wächst das Haar nämlich um einen Zentimeter. Ein sechs Zentimeter langes Haar archiviert also den Lebenswandel eines halben Jahres. So verwundert es nicht, dass Haare eine wichtige Auskunftsquelle für die Gerichtsmedizin sind.

„Eine Haaranalyse braucht bis zu drei Tage“, berichtet Fritz Pragst vom Institut für Rechtsmedizin der Berliner Charité. „Man benötigt 100 bis 200 Haare. Sie werden mit einer Schnur zusammengebunden und dicht am Kopf abgeschnitten. Zurück bleibt eine centgroße kahle Stelle.“ Dann wird das Büschel gewaschen und in zwei Zentimeter lange Stücke geschnitten, um eine zeitliche Zuordnung zu ermöglichen.

Zwölf Stunden Ultraschall

Es folgt der zweite Schritt: das Herauslösen der Droge. Dazu wird das Haar in millimetergroße Stücke zerschnipselt, im Reagenzglas mit einem Lösungsmittel versetzt und für zwölf Stunden in ein Ultraschallbad getaucht. Hier quillt es auf, und die im Innern gespeicherten Drogen können in die Lösung übergehen. Dann wird der Extrakt gereinigt, die Droge ausgesondert und chemisch gebunden, so dass sie verdampft werden kann.

So weit ist alles Vorgeplänkel, denn nun folgt die eigentliche Analyse mit einer hoch empfindlichen Gaschromatographie-Massenspektrometrie. Dieses Verfahren separiert Moleküle nach ihrem charakteristischen Gewicht („Masse“) und ermöglicht es, selbst winzigste Spuren noch zu entdecken. Bei Kokain und seinen Stoffwechselprodukten sind das wenige Nanogramm – also Milliardstel Teile eines Gramms. Oder sogar noch weniger.

„Wenn wir etwas nachweisen, dann hat die Person mit Sicherheit Kokain genommen“, sagt Pragst. Dass jemand zu Unrecht verdächtigt wird, weil der Test „falsch positiv“ ist, schließt er aus.

Allerdings ist es denkbar, dass ein Drogenkonsument den Testern durch die Lappen geht. „Wenn jemand nur zwei- oder dreimal gekokst hat, kann es sein, dass der Test negativ ist.“ Die Untersuchungslaboratorien haben einen Mindestwert festgelegt, unterhalb dessen der Test als negativ gilt. So ist nicht auszuschließen, dass seltener Drogenmissbrauch unentdeckt bleibt. Aber um den geht es meist ohnehin nicht.

Schwarzes Haar speichert mehr

Gemessen wird die Kokain-Menge in Nanogramm pro Milligramm Haar. Doch die Zahlen täuschen Genauigkeit nur vor. Denn viele verschiedene Faktoren beeinflussen die Drogenkonzentration. So speichert schwarzes Haar Kokain besser als blondes, und es kann bis zu zwei Wochen dauern, bis die Droge nach dem Konsum im Haar nachweisbar ist. Der Test erlaubt demnach nur eine grobe Abschätzung des Drogenkonsums zwischen „sehr häufig“ und „eher selten“.

Auch gefärbte Haare können den Kokaingehalt verändern. Spezialshampoos, die angeblich Kokain aus dem Inneren der Haare entfernen sollen, sind jedoch wenig erfolgversprechend.

Manchmal kann die Haaranalyse sogar die Geschichtsschreibung verändern. Lange hielt sich die Behauptung, Napoleon sei mit Arsen vergiftet worden. Seine Haare wurden auf das Schwermetall getestet, und man fand – nichts.

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