Zeitung Heute : An der falschen Adresse

Albrecht Meier

Präsident Jacques Chirac sieht Frankreich in einer Identitätskrise. Was meint er damit?


Die Polizei spricht inzwischen schon wieder von einer Rückkehr zur Normalität. In der Nacht zum Dienstag brannten in Frankreich 215 Autos. Auch vor dem Beginn der Ausschreitungen am 27. Oktober waren in den Vorstädten Frankreichs regelmäßig Mülleimer und Autos in Flammen aufgegangen. Von Normalität kann trotzdem keine Rede sein. Spätestens seit Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac am Montagabend in seiner Fernsehansprache von einer „Sinnkrise“ und „Identitätskrise“ sprach, ist die ganze Dimension des Problems deutlich geworden: Die Integration der Einwandererkinder in die französische Gesellschaft gelingt immer seltener.

Chirac dürfte bei seiner Ansprache aber nicht nur die gegenwärtigen Vorstadt-Krawalle im Sinn gehabt haben. Der Ernst, mit dem er sich an die Nation wandte, macht eines deutlich: In Frankreich befinden sich die politischen Eliten und die Bevölkerung schon seit Jahren auf Entfremdungskurs. So schreckte die Weltöffentlichkeit im April 2002 auf, als fast fünf Millionen Franzosen beim ersten Durchgang der Präsidentschaftswahl für den Rechtsextremen Jean-Marie Le Pen stimmten. Ein weiteres Mal erteilten die Franzosen im vergangenen Mai dem politischen Mainstream eine Absage – die EU-Verfassung fiel beim Referendum durch.

Und jetzt sind es gewaltbereite Jugendliche, die in Frankreichs Banlieues aufbegehren. Angesichts des seit fast drei Wochen andauernden Protests wirkt die Reaktion der Politik hilflos. Am Dienstag stimmte die Nationalversammlung der Verlängerung des Ausnahmezustands um drei Monate zu. Auch Chirac bot in seiner Ansprache kaum echte Rezepte zur Behandlung der Malaise – abgesehen von einem eher symbolischen Programm für einen Zivildienst zur besseren Integration der Jugendlichen in der Vorstädten.

Dafür benannte der Präsident deutlich die Ursachen der Gewaltexzesse: Dazu gehören Eltern, die ihre Erziehungspflichten vernachlässigen. Dazu gehört aber auch der Frust vieler Jugendlicher aus Einwandererfamilien, die allein schon wegen einer Banlieue-Adresse auf dem Arbeitsmarkt keine Chance haben.

Ob sich für sie nach der Ansprache des Präsidenten etwas zum Besseren wendet, ist zweifelhaft. Seit über einem Jahrzehnt steht Frankreich den Einwandererkindern, deren Eltern oder Großeltern häufig aus dem nordafrikanischen Maghreb stammen, ratlos gegenüber. Schon 1989 versuchte der damalige sozialistische Erziehungsminister Lionel Jospin, die Schulen zu einem liberalen Umgang mit Schülerinnen zu bewegen, die ihr Kopftuch nicht ablegen wollen. Chirac versprach 1995 bei seinem Amtsantritt als Präsident einen neuen Anlauf zur Integration. Mit geringem Erfolg. Wie tief der Graben inzwischen ist, wurde der Nation vor vier Jahren beim Fußballspiel Frankreich-Algerien bewusst: Als die Marseillaise abgespielt wurde, pfiffen die französisch-arabischen Jugendlichen im Stadion aus Leibeskräften.

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