Zeitung Heute : An der Grenze ins Niemandsland

Der Tagesspiegel

Von Lothar Heinke

Auf dem Bett, dem ungemachten, sitzt eine junge Dame unter Strom und lässt heiße Musik durch die Kopfhörer rieseln. Die Wand ihrer Bude ist von Postern bedeckt, sie hat die Pop-Musik-Idole immer im Blick, und die haben sie fest im Griff. Dieses Stillleben von Sinn und Sucht des Musikgeschäfts ist an uns adressiert, Spaziergänger, Rad-, Auto- und U-Bahn-Fahrer, wenn wir auf den breiten Giebel des Speichers gucken, neben der Oberbaumbrücke. Da lächelt das Mädel auf einem Mega-Plakat der Musik-Firma „Universal“, die gerade ihren Einstand in den Hallen und Büros dieses Speichers gab: Hamburg ade, wir sind jetzt an der Spree.

Die plätschert träge vor sich hin, und wenn man daran denkt, dass vor gerade zwölf Jahren das dösige Gewässer durch eine Grenze geteilt war und dass damals nur Emmas und irgendwann auch alte Leute Zutritt zum anderen Ufer hatten, kommen die Erinnerungen ganz von selbst.

Die Stralauer Allee ist nicht schön. Vor ’89 kam man stadtauswärts an einer nie enden wollenden grauen Hinterlandmauer vorbei, die nach der Wende als spontan bemalte East-Side-Galerie berühmt wurde. Nahe der stillgelegten Endstation der U-Bahn war für uns die Welt vernagelt. Am „Grenzübergang Oberbaumbrücke“ konnte man nur ahnen, wie märchenhaft dieser dunkelrote, mit Türmchen und Zierrat überbaute Brückenschlag im Niemandsland einmal ausgesehen hat. Und dann diese beiden Speicher direkt am Hafen.

Der erste hieß „Eierspeicher“; man sagte, dass bis zu 50 Millionen Eier im Kühlhaus lagen. Auch der mausgraue Osthafen-Speicher daneben, 41 Meter hoch, 107 lang und 89 Jahre alt, ließ sich nicht hinter die Verbundziegel gucken. Von Staatsreserve wurde gemunkelt, aber wen wollte man fragen? Speicher, Behala-Kräne, Schiffe und Schuten wurden gut bewacht, sie lagen schon im Grenzgebiet, das neben dem Bürgersteig begann.

Heute bestätigt uns der Hausmeister der beiden Speicher, Klaus Engelsmann, die Geschichte vom dauerhaft gekühlten Eierhaus. In den siebziger Jahren wurde die Fassade eingedämmt und mit Wellblechplatten behängt, dahinter, bei minus 20 Grad, lag Tiefkühlkost für die mit Kühltruhen gesegneten DDR-Haushalte. Berlins Arktis fror im Grenzgebiet. Im Speicher daneben lagerten Getreide, Möbel und andere Dinge.

Die Arbeiter in den beiden Häusern waren gut bewacht, es gab sogar Zählkontrollen bei den 150 handverlesenen Leuten, die gegenseitig aufeinander aufpassen mussten, damit keiner zum Klassenfeind nach Kreuzberg schwimmt. Auf dem Kühlhaus starrte „Kuck und Horch“ dauernd auf die Wasserfläche und wartete auf „verdächtige Bewegungen“.

Und heute? Die Musik-Produzenten und -manager von Universal ziehen in ein edles Ambiente. Das einstige Eierhaus mit seiner neuen Glasfassade ist ein Beispiel ausgeformter Denkmalpflege und spektakulärer Entwicklung im neuen Berlin. In den hohen Räumen vom Spreespeicher nebenan sind bis Ende Mai die beiden großen Stadtmodelle zu sehen; bald wird es im Parterre ein Café geben. Die Stühle stehen dann direkt an der Uferpromenade der breiten Spree – einen schöneren Blick als auf diese von der Oberbaumbrücke gekrönte Wasserstadt kann ich mir kaum vorstellen.

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