Zeitung Heute : An der Oberfläche

Die Wissenschaft erforscht schon lange die Vogelgrippe – und steht doch immer wieder vor neuen Rätseln

Bas Kast

Nach den neuen Ansteckungsfällen fühlen sich viele Bürger über die Vogelgrippe schlecht informiert. Was weiß die Wissenschaft bisher über die Krankheit – und was weiß sie nicht?


Das Vogelgrippevirus H5N1 stellt selbst Experten immer wieder vor Rätsel. Der Befund, dass der Erreger auch Katzen töten kann, ist dafür nur ein Beispiel. Hauskatzen galten früher als resistent gegen Grippeviren vom Typ Influenza A, zu dem auch H5N1 gehört. Bis im Dezember 2003 in einem Zoo in Thailand etwas höchst Sonderbares beobachtet wurde: Zwei Tiger und zwei Leoparden, die man kurz zuvor mit frischen Hühnchen gefüttert hatte, starben. Die Großkatzen hatten sich mit H5N1 angesteckt. Weitere Fälle folgten. In einem Zoo in Bangkok erlag im Mai 2004 ein weißer Tiger dem Erreger. Im Oktober starben 47 Tiger in Thailand – auch sie hatten infiziertes Geflügelfleisch gegessen.

In der Zwischenzeit machten niederländische Virologen die Probe aufs Exempel. Im Oktober 2004, während in Thailand die Tiger starben, veröffentlichten die Forscher vom Erasmus Medical Center in Rotterdam eine Studie im Wissenschaftsmagazin „Science“ mit schockierendem Resultat: Auch Katzen starben, nachdem man sie mit infizierten Fleisch gefüttert hatten – und zwar schnell. Und nicht nur das: Die Katzen steckten auch Artgenossen an, die sich im gleichen Raum mit ihnen aufgehalten hatten. Seitdem ist klar: H5N1 kann Katzen infizieren, die sich wiederum gegenseitig anstecken können.

Dennoch scheint die direkte Gefahr, die von Katzen für den Menschen ausgeht, relativ gering zu sein. Kein einziger Mensch hat sich bisher nachweislich an einer Katze angesteckt, selbst in Asien nicht. Noch unklarer ist die Situation bei Hunden. Es gibt keinen einzigen Bericht über einen an H5N1 gestorbenen Hund. In einer Studie des Nationalen Instituts für Tiergesundheit in Bangkok jedoch, für die man im vergangenen Jahr 629 Hunde in Thailand untersucht hatte, stießen die Virologen wieder auf einen unerwarteten Befund: 160 Hunde zeigten Antikörper gegen das Virus, hatten sich also infiziert. „Das ist viel“, kommentiert der Virologe Albert Osterhaus, Leiter der niederländischen Katzenstudie. Die Studie der Thailänder wurde kürzlich in dem Forschermagazin „Nature“ gemeldet. Hunde können aber nicht nur Träger des Virus, sondern, ebenso wie Katzen, auch passive Überträger sein – wenn sie etwa infizierten Kot oder einen verseuchten Vogel in einen Bauernhof schleppen.

Viren passen sich normalerweise an bestimmte Tiere an. Auf ihrer Oberfläche, ihrer „Haut“, haben sie einen molekularen „Schlüssel“, der nur in das „Schloss“ der Zellen spezifischer Tierarten, bestimmter Vögel zum Beispiel, passt. Anschließend dringen die Erreger in die Zellen ein und zerstören sie. Katzen, Hunde und Menschen haben auf ihren Zelloberflächen jeweils andere Schlüssel. Nur in extremen Ausnahmefällen gelingt es H5N1 mit seinem gegenwärtigen Schlüssel, die Schlösser menschlicher Zellen aufzubrechen. Die seltenen Krankheitsfälle bei Menschen bedeuten also nicht, dass das Virus seine Schlüsselform bereits auf menschliche Zellen umgeformt hat. Das Virus ist, wie es heißt, noch nicht auf den Menschen übergesprungen.

Diese Gefahr steigt jedoch mit der Ausbreitung des Virus – und da stößt man auf das nächste Rätsel: Wie gelangt das Virus um die Welt? Indizien sprechen dafür, dass neben dem illegalen Transport von Tieren und Tiermaterial Zugvögel eine Rolle spielen, auch wenn immer noch nicht genau geklärt ist, wie. Einmal mehr scheint sich H5N1 da von anderen Influenza-Viren zu unterscheiden: Wasservögel galten immer als resistent gegen hochgradig gefährliche Erreger wie etwa H5N1. Bis es letzten April am Qinghai-See in China zu einem Ausbruch kam und Tausende von Wasservögeln an dem Erreger starben. Vielleicht nahm das Virus von hier aus auch Kurs auf Europa.

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