Zeitung Heute : An der Ostsee stehen viele Türen offen

Junge Fachhochschulen, Traditions-Unis und ein Herz für Kinder – das Land ist längst kein Geheimtipp mehr Auf dem Campus gibt es Wickel- und Spielzimmer

In Rostock legt man Wert auf fächerübergreifende Zusammenarbeit – und will mit diesem Profil bis 2019 in die Riege der deutschen Spitzenuniversitäten aufrücken. Foto: Universität Rostock
In Rostock legt man Wert auf fächerübergreifende Zusammenarbeit – und will mit diesem Profil bis 2019 in die Riege der deutschen...

„Das ist quasi alles meins“, sagt Hiltgunt Fanning und lacht. Die 54-Jährige ist eine derjenigen, die im Jahr 1991 den Hochschulbetrieb in Stralsund mit aufgebaut haben. An der Fachhochschule Stralsund (www.fh-stralsund.de) unterrichtet die Professorin „Vergleichende Länderkunde im Ostseeraum“ – im Rahmen des Studiengangs „Baltic Management Studies“, den sie mit konzipiert hat. Seit 1996 gibt es den international ausgerichteten, betriebswirtschaftlichen Studiengang; zunächst mit dem Diplom-, seit 2002 dann mit dem Bachelor-Abschluss, der für ein anschließendes Masterstudium qualifiziert.

„Unsere Absolventen können überall arbeiten und alles mit ihrem Abschluss machen“, sagt Fanning. Der englischsprachige Studiengang setzt einen Schwerpunkt auf den Ostseeraum: Die Studenten müssen außer Englisch auch eine Ostseesprache lernen – etwa Finnisch, Schwedisch, Polnisch, Norwegisch – und ein Auslandssemester in einem der Ostseeländer absolvieren. Die FH hat Partnerhochschulen in allen Anrainerländern.

Die Fachhochschule Stralsund ist am Rande der 58000-Einwohner-Stadt auf einem großen Campus untergebracht, alle Einrichtungen haben dort Platz gefunden – einschließlich des schönen Studentendorfs „Holzhausen“. „Auf dem Gelände war zu DDR-Zeiten eine Offiziersschule“, erzählt Hiltgunt Fanning. Nach der Wiedervereinigung stand man zwei Problemen gegenüber: Es gab viele Gebäude und Einrichtungen, die plötzlich leerstanden – dafür aber im ganzen Land keine Fachhochschulen, denn diese Hochschulform hatte es in der DDR nicht gegeben. „Also wurden überall in Mecklenburg-Vorpommern neue FHs gegründet“, sagt Fanning.

So entstanden Anfang der 90er-Jahre außer in Stralsund auch Fachhochschulen in Wismar (www.hs-wismar.de), in Neubrandenburg (www.hs-nb.de), die Fachhochschule für öffentliche Verwaltung, Polizei und Rechtspflege in Güstrow (www.fh-guestrow.de) und die Hochschule der Bundesagentur für Arbeit in Schwerin (www.hdba.de). Hiltgunt Fanning, die zur Zeit der Wende als Anglistik-Dozentin an der Universität Greifswald unterrichtete, wechselte nach Stralsund und baute die Fachhochschule mit auf.

So jung die Fachhochschulen im Land sind – die beiden Universitäten in Mecklenburg-Vorpommern gehören zu den ältesten Deutschlands: Die Universität Rostock, 1419 gegründet, ist die drittälteste, die Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald, die seit 1456 besteht, die viertälteste. Beide Universitäten sind vor allem für ihre Medizin-Studiengänge und die Naturwissenschaften renommiert.

Die Universität Rostock (www.uni-rostock.de), an der rund 15000 Studenten eingeschrieben sind, ist traditionell eine Hochschule der Mediziner, Juristen und Philosophen – mit diesen drei Fakultäten nahm die Uni im 15. Jahrhundert den Betrieb auf. Heute können Studierende dagegen aus 70 Studiengängen an zehn Fakultäten wählen.

Großen Wert legt die Hochschule auf die Zusammenarbeit verschiedener Fachbereiche: 2007 wurde die „Interdisziplinäre Fakultät“ gegründet, die Forschung und Lehre in vier sogenannten Profillinien koordiniert: „Leben, Licht und Materie“, „Maritime Systeme“, „Erfolgreich Altern“ und „Wissen – Kultur – Transformation“. Das Ziel der interdisziplinären Kooperation: Bis 2019 will Rostock in die Riege der deutschen Spitzenuniversitäten aufrücken.

Auch die Ernst-Moritz-Arndt- Universität Greifswald (www.uni- greifswald.de), an der rund 12000 Menschen studieren, setzt auf interdisziplinäre Zusammenarbeit, um Exzellenz in der Forschung zu erreichen: Das Projekt mit dem etwas sperrigen Namen „Zentrum für Innovationskompetenz – funktionelle Genomforschung“ führt Forschungsgruppen aus Medizin, Mikrobiologie und Pharmazie in einem „interfakultären Zentrum“ zusammen.

Ein Studium in Mecklenburg- Vorpommern wird für immer mehr Bewerber attraktiv – selbst für so manchen Süddeutschen. Ein Grund: Wie alle ostdeutschen Länder erhebt Mecklenburg-Vorpommern keine Studiengebühren. Und das Leben ist günstig. Zwar steigen die durchschnittlichen Lebenshaltungskosten laut Statistischem Landesamt stärker als in den 15 anderen deutschen Bundesländern. Doch trotzdem ist das Leben im Land an der Ostsee noch immer günstiger als in den meisten anderen Regionen – vor allem in den kleinen Städten (siehe Infokasten unten).

So machen die Hochschulen auch kräftig Werbung mit dem günstigen Leben dort, „wo andere Urlaub machen“. Und mit noch einem Pfund können sie wuchern: Familienfreundlichkeit. Vor allem die Hochschule Wismar und die Fachhochschule Stralsund setzen auf die Vereinbarkeit von Studium und Familie. So gibt es an der FH Stralsund in allen Gebäuden Wickel- und Spielzimmer, außerdem Sonderparkplätze für Studenten mit Kindern. Bei der Vermittlung von Betreuungsplätzen arbeitet die FH mit Kitas in der Stadt zusammen, bei Engpässen kann auch die Betreuung auf dem Campus organisiert werden.

Noch einen Schritt weiter geht die Hochschule Wismar. Dort gibt es auf dem Campus außer ruhigen Ecken zum Stillen, Wickel- und Spielzimmern auch die hochschuleigene Kita „Wellenreiter“ mit mehr als 50 Plätzen; Stundenpläne und Prüfungsordnungen werden für junge Eltern angepasst. Dafür gab es 2004 das Zertifikat „Familiengerechte Hochschule“.

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