Zeitung Heute : An der Schmerzgrenze

Der Tagesspiegel

Von Barbara Nolte

Man kann den Mann so beschreiben: brauner Tweed-Anzug, braunes Hemd, braune Haare. Klassische Gitarre hat er studiert, war mal Musiklehrer. Und Journalist, das auch. Er hat für den WDR Konzerte kritisiert. Dann kam er zum Privatfernsehen. Grundy, RTL, Endemol, wieder RTL. Zuerst war er Producer bei „Traumhochzeit“ mit Linda de Mol, zuletzt bei Günther Jauchs „Wer wird Millionär?“. Seit zwei Jahren ist er selbstständig.

Man kann den Mann aber auch so beschreiben wie die Boulevard-Zeitung „tz“. Mit einem einzigen Satz, der pathetisch wie bedrohlich klingt: Kai Sturm, der Mann, der Folter-TV nach Deutschland geholt hat.

Ein Studio in Köln-Hürth. Im Foyer an die hundert Dutzend Schüler, die auf ihren Auftritt beim Quiz „Familienduell“ warten, von dem heute ein paar Folgen abgedreht werden. Durch eine Glastür hindurch, zwei Treppen ’rauf, und man ist bei „Stormy Entertainment“. Kai Sturm, der Chef, hat ein großes Zimmer mit Terrasse und einen Birkenholz-Schreibtisch in Form eines Bumerangs. Auf einem Stapel Post liegt es, das Folter-TV, in einer weißen Kassettenhülle mit der Aufschrift „ The Chair“. Mit „The Chair“, erklärt Kai Sturm, sei ein Zahnarzt-Stuhl gemeint.

Da müssen die Kandidaten drauf, ein Puls-Messgerät um den Körper geschlungen. Im Liegen müssen sie Quiz-Fragen beantworten. Viel Geld können sie machen. Nur wenn einer zu aufgeregt ist, wenn sein Herz zu rasen beginnt, schrumpft der Gewinn wieder.

„Schon was Unangenehmes, so ein Zahnarztstuhl“, sagt Sturm. Aber Folter ist das nicht. Vielleicht, wenn Schlangen über den Köpfen der Kandidaten baumeln. Oder Flammen nahe an ihren Körpern züngeln. So bringen die Amerikaner, bei denen die Sendung schon läuft, den Pulsschlag der Teilnehmer auf Touren. In „The Chamber“, einer ähnlichen Sendung, hingen die Kandidaten schon mal kopfüber im Stuhl oder wurden mit Eiswasser übergossen, was richtig weh tat. So weit ging Fernsehen noch nie. Bislang galt immer die Schmerzgrenze. Die deutschen Landesmedienanstalten haben sich schon zu Wort gemeldet: „The Chair“ und „The Chamber“ müssten vor einer Ausstrahlung hierzulande geprüft werden. Kai Sturm hat sich mit dieser schlichten, weißen Kassette einen ganz schönen Aufreger eingekauft.

Was ja erstmal nicht schlecht ist. Wer hat sich nicht alles über „Big Brother“ beschwert? Und die Sendung wurde zu dem Fernsehereignis des Jahres 2000. Gerade wurde wieder angekündigt, dass es im nächsten Jahr eine weitere Staffel geben wird. „Big Brother“ machte John de Mol, den Mann, der Menschen in Container sperrte, zum Gottvater aller Showproduzenten. Jetzt also Kai Sturm, der Mann, der Menschen auf Zahnarztstühle schnallt–wird er sein Nachfolger? „Ich suche gerne Grenzen“, sagt Sturm. Wenn die Feuilletons über die Moral eines Formates diskutieren, sagt er, „genieße“ er das. Tabus brechen bringt schließlich Quote.

Das weiß er spätestens, seitdem er für RTL die Show „Ich heirate einen Millionär“ produziert hat. „Herzblatt“ plus Heiraten–so in etwa war das Prinzip. Anfangs verlief alles nach dem Muster von „Big Brother“: Die üblichen Verdächtigen sprachen vorher von „Fleischbeschau“ und „Pferdemarkt“, und acht Millionen Deutsche schalteten ein. Dann passierte die Panne: Der Millionär kannte die Braut, die er auswä hlte, vorher schon. Das war gegen die Regeln.

Kai Sturm hatte seinen ersten Skandal am Hals. „Natürlich“, sagt Sturm, die Kassettenhülle zwischen Daumen und Mittelfinger geklemmt, „war das unfair den anderen Frauen gegenüber“. Aber zur Sendung selbst, zu dieser Brautschau vor Millionenpublikum, steht Sturm noch immer. „Mein Prinzip ist: Ein Kandidat muss sich am nächsten Tag noch unter die Augen seiner Kassiererin trauen können.“ Er findet, die verschmähten Bräute konnten das.

Und was ist, wenn Kandidaten, wie bei „The Chamber“, Schmerzen erleiden? „Nee“, sagt er, „da hört es wirklich auf“. Er schiebt die Kassette in seinen Video- Rekorder. Sie ist sein Beweis. Sie ist das Demo-Band, für das er im Oktober auf der Programm-Messe in Cannes die deutschen Rechte gekauft hat. „The Chair“–im neuseeländischen Original. Damals, sagt er, habe es ja die US-Version noch gar nicht gegeben.

Und tatsächlich: Die Muster-Show ist feuer- und reptilienfrei, sie spielt allein mit der Aufregung der Kandidaten, eine Frage nicht beantworten zu können, ja, sie spielt mit der Aufregung davor, überhaupt aufgeregt zu sein. Sturm würde schon gerne den Puls der Kandidaten zusätzlich ein wenig manipulieren. „Aber mit rein psychologischen Methoden.“ Zum Beispiel, in dem er recherchiert, für wen der Teilnehmer schwärmt. Der kommt dann in die Show.

Sturm mag noch so viel erklären–das Etikett „Folter-TV“ klebt hartnäckig an seiner Sendung. Das macht es nicht leicht, einen Sender für ein deutsches „The Chair“ zu finden. Die ARD hat schon abgewunken: Passt nicht ins Programm. RTL wird es sorgfältiger prüfen.„Stormy Entertainment“ ist eine Tochter des Kölner Senders.

In den USA ist die brutalere der beiden Pulsmess-Quizshows nach der zweiten Woche abgesetzt worden. Nicht aus moralischen Gründen. Sondern wegen miserabler Quoten. Offenbar unterhält es eben doch nicht, Menschen beim Leiden zuzusehen.

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