Zeitung Heute : An der TFH kann Augenoptik / Optometrie studiert werden. Neu ist vor allem der starke Kundenbezug

Heiko Schwarzburger

Die Senatsverwaltung für Wissenschaft hat acht Professoren für den Studiengang Augenoptik / Optometrie an der Technischen Fachhochschule (TFH) berufen. Damit wurde eine wichtige Forderung des Berliner Augenoptikgesetzes (AugOG) erfüllt. Das Gesetz regelt die Verlagerung des Studienangebotes der früheren Staatlichen Fachschule für Optik und Fototechnik (SFOF) an die Hochschule in Wedding.

Die TFH hatte im Frühjahr 1998 erstmals 28 Bewerber für den neuen Studiengang zugelassen. Um den Studenten der SFOF den Abschluss an der TFH zu ermöglichen, wurde ein einjähriger Ergänzungskurs eingerichtet. Der neue Studiengang an der TFH dauert sechs Semester. Bei der Besetzung der Professuren wurden die hauptamtlichen Lehrkräfte der SFOF-Augenoptik nicht komplett an die TFH übernommen. Jede Lehrkraft musste ein gesondertes Berufungsverfahren durchlaufen. Zwei Dozenten erhielten den Ruf, obwohl sie keinen akademischen Abschluss besitzen.

Mit Joachim Köhler und Ralph Krüger wurden erstmalig zwei staatlich geprüfte Augenoptiker zu Professoren berufen und mit unabhängiger Lehre und Forschung beauftragt. Das Berliner Hochschulgesetz lässt dies ausdrücklich zu, bislang kam der Passus allerdings nur bei Kunsthochschulen oder künstlerischen Fächern zur Anwendung. Drei der acht Professuren widmen sich der Augenglasbestimmung als dem Rückgrat der modernen Augenoptik. Drei weitere Dozenten betreuen das Lehrgebiet Contact-Optik, zu dem unter anderem Contact-Linsen und ihre Anpassung gehören. Mit Brigitte Krimpmann-Rehberg ist auch eine Medizinerin im Lehrkörper vertreten. Sie vermittelt den Studenten wichtige Kenntnisse in Anatomie, Physiologie und Pathologie. Für vergrößernde Sehhilfen und für technische Grundlagenfächer wie die Lichttechnik wurde jeweils eine Professur eingerichtet.

Traditionell gehören Augenoptiker und Optometristen neben den Zahntechnikern und den orthopädischen Berufen zum Gesundheitshandwerk. Die Berufsausbildung endet mit einem Gesellenstück. Die Weiterbildung über den Berufsabschluss hinaus war bisher bundesweit an Meisterschulen oder Fachschulen wie der Berliner SFOF organisiert. Letztere verliehen den Titel eines "staatlich geprüften Optikers", vergleichbar dem "staatlich geprüften Techniker". Nur im baden-württembergischen Aalen gibt es seit 1982 ein klassisches Ingenieursstudium, das mit dem Grad eines Diplomingenieurs (FH) endet. 1997 legte auch die Fachhochschule in Jena einen vergleichbaren Studiengang auf. Beide Angebote orientieren sich am Personalbedarf der optischen Industrie, die Branchenriesen Rodenstock und Zeiss befinden sich in unmittelbarer Nachbarschaft.

Die Kapazität beider Studiengänge liegt bei jährlich 120 Diplomingenieuren für Optik. Der Berliner Studiengang richtet sich vor allem an die künftigen Inhaber und Mitarbeiter von Geschäften, also an Fachleute im täglichen Kundenverkehr. Dies entspricht den Erfordernissen der Stadt, "denn anders als in den meisten Gewerben ist die Zahl der Augenoptiker in Berlin in den letzten Jahren gestiegen", meint Bernd Babel, Hauptgeschäftsführer der Berliner Handwerkskammer. "Auch die Gewerbefläche der Geschäfte hat sich deutlich vergrößert."

Dabei geht es um weit mehr als den Verkauf von Brillen. Augenoptik oder auch Optometrie bezeichnet eine Branche zwischen der Medizin und der Hochtechnologie. Hielten Experten das Fachgebiet Mitte der siebziger Jahre für ausgereizt, haben neue Materialien und Erkenntnisse aus der Physiologie das Berufsbild, seine Produkte und Möglichkeiten dramatisch verändert. Aus der Weltraumtechnik stammen neue Verfahren der Beschichtung, die Laserchirurgie lässt minimale Eingriffe am Auge und an der Netzhaut zu. "Ohne vertieftes Wissen wird man vielleicht ein guter Brillenverkäufer, aber das löst die Sehprobleme nicht", erklärt Peter Moest, Dozent für Kontaktlinsen an der TFH. "Der Großteil der Seheindrücke stammt aus dem Gehirn. Die Augenoptik steht heute mehr und mehr im physiologischen Zusammenhang. Das ist längst nicht mehr nur Handwerk." Trotzdem kommen 40 Prozent aller deutschen Augenoptiker von der Realschule. Sie qualifizierten sich über den Berufsabschluss, eine mindestens vierjährige Praxis und die Weiterbildung zum Meister oder geprüften Augenoptiker. Nur rund ein Drittel der deutschen Augenoptiker besitzt die Hochschulreife. "Die Aufwertung der Ausbildung ist die Konsequenz aus den gestiegenen Anforderungen des Marktes", erklärt Gert-Kurt Schwieren, Vizepräsident des Zentralverbandes der Augenoptiker (ZVA). Obwohl das Berliner Hochschulgesetz den Berufspraktikern das Studium auch ohne Abitur ermöglicht, versprach Peter Gunkel vom ZVA: "Der Zentralverband wird den Berufsnachwuchs auf die neue Entwicklung einschwören. Der Anteil der Abiturienten muss steigen."

In Deutschland gibt es gegenwärtig rund 9000 optische Betriebe, in denen etwa 14 000 Optiker tätig sind. Einem europäischen Trend folgend, verschwimmen auch in Deutschland die Grenzen zwischen Optikern und Augenärzten. Die Korrektur von Sehfehlern mit technischen Mitteln war bisher die Domäne der Optiker. Augenärzte haben ihr Metier in der Diagnose und Behandlung von krankhaften Veränderungen am Auge. Doch immer öfter nehmen Optiker selbst einfache Messungen vor, bundesweit bestimmen sie bereits 40 Prozent aller Augengläser. In Großbritannien dürfen die Optometristen von jeher einfache medizinische Diagnosen erstellen. Die Niederlande bilden ihre Fachleute seit drei Jahren an der Universität in Utrecht aus. Neuzulassungen von optischen Betrieben sind dort seitdem an das Uni-Diplom gebunden. Niederländische Handwerksmeister müssen sich in den nächsten zwei Jahren nachbilden, andernfalls verlieren sie ihren Gewerbeschein.

Da in Deutschland medizinischen Untersuchungen per Gesetz den Augenärzten vorbehalten bleiben, galten deutsche Optiker im europäischen Vergleich bislang als minderqualifiziert. Brüssel schränkte deshalb ihr Niederlassungsrecht innerhalb der Union ein. "Mit dem Diplom der TFH können sich endlich auch die deutschen Augenoptiker europaweit niederlassen", meint Reinhard Schödl von der TFH.

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