Zeitung Heute : An die Konsolen

Bald unterm Weihnachtsbaum: Mit Entertainment für die Familie kämpft die Videospiele-Industrie auf der „Games Convention“ gegen die Krise

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Von Kurt Sagatz, Leipzig

Das Spiel heißt „Frontline Attack - War over Europe“. Mehrere Infanterie-Einheiten arbeiten sich einen kleinen Hügel empor, treffen auf eine Panzerabwehrformation. Sie haben keine Chance. Erst der massive Einsatz deutscher Tanks bringt die Wende, wieder ist eine Schlacht gewonnen. „Frontline Attack“ ist ein Echtzeit-Strategie-Spiel, die Handlung spielt im Zweiten Weltkrieg. Der Spieler muss sich zu Beginn entscheiden, welche Partei er ergreift. Die der Deutschen, der Alliierten oder der glorreichen Roten Armee. Man kann das Spiel als Fortsetzung strategischer Sandkasten-Spiele aus der nüchternen Vogelperspektive betrachten oder aber die Kamera auf Bodenhöhe schwenken, was für realistischere Bilder sorgt. „Frontline Attack“ von Eidos kommt in diesen Tagen in den Handel. Auf der „Games Convention“ in Leipzig, der ersten reinen Computer- und Videospielemesse in Deutschland, ist das beinahe eine Ausnahme.

Denn die Hersteller und Vertreiber der Spiele zeigen nicht nur das bestehende Angebot, sondern gewähren seit Donnerstag und noch bis Sonntag einen tiefen Einblick in ihre Entwicklungsabteilungen. In Leipzig ist nicht nur zu sehen, was noch bis zum Weihnachtsgeschäft in die Läden kommen soll. Lara Crofts neueste Abenteuer beispielsweise oder der zweite Teil von Harry Potters Hexensaga. Auch Indiana Jones oder James Bond sind dabei und parallel zum Filmstart steht eine Fortsetzung zu „Herr der Ringe“ in Form der „Zwei Türme“ an. In der Messestadt wird den Gamern daneben ein Vorgeschmack auf das kommende Jahr gegeben. So nah dran an der aktuellen Entwicklung war Deutschlands Spielegemeinde noch nie. Man muss sich nicht mehr auf die Berichterstattung von Großereignissen wie der E3 in Los Angeles oder der ICTS in London verlassen, jetzt kann in Leipzig selbst gedaddelt und getestet werden.

Perfekte Scheinwelten

Die Branche hat sich lange ein solches Event gewünscht. Mit einigen wenigen Ausnahmen sind alle großen Unternehmen in Leipzig vertreten. Sony, Microsoft, Eidos, Electronic Arts, Infogrames, Konami – insgesamt 166 Aussteller aus elf Ländern demonstrieren in zwei Messehallen die neueste Entwicklung der immer perfekteren Scheinwelten in Computern und Videospielkonsolen. Mit 80 000 Besuchern rechnet die Messe für die Premierenveranstaltungen – mindestens. Nur Nintendo fehlt aus unerklärten Gründen, trotz des sich verschärfenden Wettbewerbs im Konsolenmarkt, den Microsoft und Sony gerade erst mit weiteren Preissenkungen für die Xbox (nun 249,99 Euro) und die PlayStation 2 (nun 249 Euro) noch angeheizt haben.

Dass die „Games Convention“ in den modernen Messehallen in Leipzig stattfindet, als Koproduktion von Messegesellschaft und dem Branchenverband VUD (Verband der Unterhaltungssoftware Deutschland), kommt nicht von ungefähr. Auch die jüngsten Marktdaten in Deutschland unterstreichen den Sinn dieser Entscheidung. Denn derzeit wächst der Umsatz der Branche offenbar nur noch östlich der Elbe, um 3,7 Prozent im vergangenen Jahr. Im Westen der Republik dagegen verzeichnen die Computer- und Videospiele-Hersteller einen klaren Rückgang bei einem insgesamt bei 1,5 Milliarden Euro stagnierenden Markt in Deutschland

Überhaupt ist man nicht glücklich darüber, dass in Großbritannien die Geschäfte mit den digitalen Welten erheblich besser laufen. Darum soll nun auch in Deutschland das Computer- und Konsolenspiel „massentauglich“ werden. Derzeit laufen die Games in 40 Prozent der Haushalte, diese Zahl soll nun kurzfristig auf 50 Prozent angehoben werden. Das wäre immerhin ein sattes Wachstum von 25 Prozent. Auch der Handel soll das Seine dazu beitragen und die Spiele aus den hinteren Regalen in den besser sichtbaren Bereich rücken.

Spiele nicht mehr nur für Freaks und Insider, sondern für ein breiteres Publikum, so lautet die Devise der Spieleindustrie. Zu schaffen macht den Firmen in Deutschland das zunehmende Raubkopierer-Problem. Bei jedem siebten installierten Spiel handelt es sich laut VUD um eine illegale Kopie. Einzelne Hersteller werden ihre Spiele darum künftig nur noch als DVD herausgeben, die wegen der geringeren Verbreitung entsprechender Brenner derzeit noch schwerer zu kopieren ist.

Neben dem Umsatzausfall wird vor allem beklagt, dass durch das massenhafte Tauschen die Entwicklung anspruchsvollerer Spiele immer schwieriger würde. Häufig schauten sich die Spieler gerade einmal den Trailer und die ersten Sequenzen des Spiels an. Anders als bei Spielen, die mit dem eigenen Geld gekauft wurden, fehlte dann oft die Geduld, sich auch einmal etwas länger auf ein Spiel einzulassen. Ein anspruchsvollerer Aufbau der Spiele sei so kaum möglich. Zu hohe Preise für die Spiele seien dabei nicht das eigentliche Problem. „Wer sich für 120 Euro eine Jeans kaufen kann, der hat auch Geld für ein gekauftes Spiel“, so der Sprecher von Eidos.

Daneben hat die Branche mit der Diskussion um Gewalt in den Computerspielen zu kämpfen. Nach dem Amoklauf von Erfurt im April sind nicht allein Ego Shooter wie „Counterstrike“ in die Kritik geraten, sondern nahezu alle Genres mit Actioninhalten. Branchenlobbyist Hermann Achilles bestritt zwar am Mittwoch strikt, dass es überhaupt Gewalt in den Produkten seiner Branche gebe. Doch diese Verkürzung der Diskussion wird selbst von den anwesenden Firmenvertretern als abenteuerlich empfunden. Kämpfe gehören wie selbstverständlich zu vielen Genres der Spielewelt dazu, egal ob es sich um die weiterhin steigende Zahl von Ego Shootern oder auch um die Echtzeit-Strategie- oder die Actionspiele handelt. Genau dies wird schließlich von den Spielern erwartet. Problematisch wird dies jedoch, wenn die Gewalt verherrlichend dargestellt wird, denn dann darf ein solches Spiel nicht einmal an Personen über 18 Jahren verkauft werden.

Das ganz große Thema ist die Gewaltdarstellung dennoch nicht auf der „Games Convention“. Zum einen wurde der Jugendschutz gerade erst dahingehend geändert, dass künftig verbindliche Altershinweise vergeben werden müssen. Zudem gibt der VUD zeitgleich mit der Leipziger Messe die Produktdatenbank der Selbstkontrollorganisation USK (Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle) mit den bislang getesteten 5000 Spielen seit 1996 über Internet frei. Die Adresse lautet: www.zavatar.de Hier können sich alle Interessierten von Eltern bis Erzieher genau darüber informieren, was in einem Spiel vorkommt und ab welchem Alter das Spiel geeignet ist.

Label „Gewaltfrei“

Auf der Messe selbst sorgen die Hersteller überdies mit geschlossenen Bereichen dafür, dass die größten Actionhits tatsächlich erst von Spielern über 18 Jahren getestet werden können. Immerhin haben einige Firmen wie Infogrames erkannt, dass es sich durchaus lohnen kann, mit dem Label „Gewaltfrei“ zu werben. „Entertainment für die ganze Familie“ mit Figuren wie den Digimons oder Rennspielen wie „Grand Prix“ wirke sich auch positiv auf das Geschäft aus, so Marketing-Mann Frank Holz.

Auch Microsoft, dessen Xbox-Spiele durchaus actiongeladen sind, kennt diesen Trend: Der „Flight Simulator“ ist seit Jahren ein fester Bestandteil des Produktprogramms, und die Neuerscheinung des „Train Simulator“ hat sich inzwischen fast 100 000 Mal verkauft. Auch die Firma Konami setzt mit ihrer „Disney Sports“-Reihe auf Familientauglichkeit.

Die „Games Convention“ in den Hallen 2 und 3 der Leipziger Messe hat noch bis Sonntag geöffnet (jeweils 10 bis 18 Uhr). Am Sonnabend können die Spiele bis 21 Uhr getestet werden, anschließend findet in Halle 2 eine Multimedia-Night statt. Die Tageskarte kostet 10, ermäßigt 6 Euro, die Dauerkarte 20 Euro. Neben den beiden großen Bereichen der Computer- und Konsolenspiele informiert die Halle zudem über das große Thema Online-Spiele sowie über Games für Handys und mobile Geräte.

Nähere Informationen unter:

www.gc-germany.de

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