Zeitung Heute : An einem ganz normalen Mittwoch

Der Tagesspiegel

Von Malte Lehming, Washington

Auf den kleinen Vorort der texanischen Stadt Houston knallte die Sonne. Seit einigen Monaten wohnte die Familie Yates hier. In ihrem Haus schien alles wie immer, es war ein Mittwoch im vergangenen Juni. Als Erste war die Mutter aufgestanden und hatte für sich, ihren Mann und die fünf Kinder das Frühstück zubereitet. Vater Russell, den jeder „Rusty“ nennt, hatte es eilig. Er trank nur rasch einen Kaffee und fuhr los. Russell Yates arbeitet für die amerikanische Weltraumbehörde Nasa.

Nachdem ihr Mann das Haus verlassen hatte, ging die Mutter, Andrea Pia Yates, ins Badezimmer und ließ kaltes Wasser in die Wanne ein. Ihr dreijähriger Sohn Paul kam herein, die Mutter packte das Kind und hielt es mit dem Gesicht nach unten in das Wasser. Als das Kind tot war, trug sie es ins elterliche Schlafzimmer und legte es aufs Bett. Nacheinander ertränkte sie dann den fünfjährigen John, den zweijährigen Luke, ihr sechs Monate altes Baby Mary und dann ihren Ältesten, den siebenjährigen Noah. Der wehrte sich zwar, knapp zehn Minuten soll der Todeskampf gedauert haben. Aber gegen die Kraft der 37-jährigen Frau, die früher als Krankenschwester gearbeitet hatte, kam Noah nicht an.

Als alle fünf Kinder tot waren, rief Andrea Yates erst die Polizei und dann ihren Mann bei der Arbeit an. „Was ist los?“ fragte Rusty. „Du musst nach Hause kommen“, erwiderte seine Frau. „Hat sich jemand verletzt?“ - „Ja.“ - „Wer ist es?“ - „Alle.“ Rusty fuhr los. Kurz nach der Polizei traf er zu Hause ein.

Texas’ drakonische Gesetze

Noahs Körper schwamm noch, mit dem Gesicht nach unten, in der Wanne. Die anderen vier Kinder lagen aufgereiht auf dem Bett. Die Polizei drehte ein Video von der Szene. Es sei das Schlimmste gewesen, was er jemals gesehen habe, wird Monate später einer der Beamten vor Gericht aussagen.

Mitte Februar wurde der Prozess gegen Andrea Pia Yates eröffnet. Bereits in dieser Woche könnten die zwölf Geschworenen ihr Urteil sprechen. Verhandelt wird vor dem Strafgericht von Harris County. Der Angeklagten droht die Todesstrafe. Im US-Bundesstaat Texas werden mit Abstand die meisten Todesurteile vollstreckt, in Houston sind die Henker besonders schnell bei der Sache. Außerdem ist der Tathergang unumstritten, die Angeklagte ist geständig, hat selbst detailliert erzählt, was an jenem Mittwoch im Juni vorgefallen ist. Doch es steht ebenso fest, dass Andrea Yates seit Jahren psychisch krank ist, schwer krank. Die Verteidigung sagt, sie sei zur Tatzeit unzurechnungsfähig gewesen.

Die Krankheit, unter der die Angeklagte bis heute leidet, wird von einer Öffentlichkeit, die das Mutterglück vergöttert, gerne verharmlost. Zu deutsch wird sie „Wochenbett-Depression“, umgangssprachlich „Baby Blues“ und medizinisch „Postpartale Depression“ genannt. Von der milden Variante, die sich auf Traurigkeit und Gemütsschwankungen beschränkt, sind in den ersten 14 Tagen nach einer Geburt mehr als 40 Prozent der Mütter betroffen. Der Grund dafür sind extreme Veränderungen im Hormonhaushalt. Bedenklicher ist die Depression, von der 10 bis 15 Prozent der Mütter betroffen sind. Sie äußert sich in permanenter Müdigkeit, Schlafstörungen, Appetitmangel und Rückzugstendenzen. Dieser Gemütszustand kann ein Jahr dauern.

Äußerst selten, aber auch äußerst gefährlich wiederum ist die postpartale Psychose. Unter ihr leiden etwa 0,1 Prozent aller Mütter. Die Symptome sind Halluzinationen, Bewusstseinsstörungen, Minderwertigkeitsgefühle. Andrea Pia Yates war zweifellos psychotisch. Zwei Mal nach der Geburt ihres vierten Kindes im Sommer des Jahres 1999 versuchte sie sich umzubringen. Das erste Mal mit Medikamenten, das zweite Mal mit einem Schlachtermesser. Damals lebte die Familie noch auf engstem Raum in einem umgebauten Wohnwagen. Mehrmals wurde sie zur Behandlung in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Während des längsten Aufenthaltes, der 19 Tage dauerte, zog ihr Ehemann Russell auf dringende Empfehlung der Ärzte mit der Familie in ein etwas größeres Haus um.

Aber wie krank war Andrea Yates am Morgen des 20. Juni? Das ist die entscheidende Frage, vor der die Geschworenen stehen. Denn die Gesetze in Texas sind streng. Dass die Mutter depressiv war, als sie ihre fünf Kinder umbrachte, bestreitet auch die Staatsanwaltschaft nicht. Aber sie habe trotzdem gewusst, wird behauptet, dass ihre Tat verboten ist. Und allein darum geht es: In Texas ist nicht die allgemeine Zurechnungsfähigkeit das Kriterium für verminderte Schuld, sondern das Wissen um die Recht- und Unrechtmäßigkeit des eigenen Handelns. Andrea Yates wusste, dass sie ein Verbrechen beging, sagen die Ankläger. Als ein Beweise dient ihnen der Anruf der Frau bei der Polizei.

Die Verteidigung bestreitet das. Sie zeigt im Gerichtssaal Videos, auf denen die Angeklagte zu sehen ist, wie sie nach ihrer Verhaftung mit Psychologen spricht. Es sind gespenstische Dokumente. Eine apathische, abgemagerte Frau mit langen, strähnigen Haaren presst nach langen Schweigeminuten wirre Antworten aus sich heraus. „Wollten Sie Ihren Kindern etwas antun?“ - „Nein.“ - „Warum wollten Sie sich selbst umbringen?“ - „Ich wollte meine Kinder schützen.“ Nach der Geburt von Mary im November 2000 sei die Stimme Satans in ihr lauter geworden. Der Teufel habe ihr gedroht, die Kinderseelen in die Hölle zu reißen, falls sie die Kinder nicht töte. „Sie durften nicht in die Hölle, sie waren doch noch so jung“, sagt sie mit tonloser Stimme.

Das Gespräch geht weiter. „Die Kinder haben auch viel dummes Zeug angestellt. Sie haben Sachen gemacht, die Gott nicht gutheißt.“ Plötzlich kommt sie wieder auf Satan zu sprechen. „Es war wichtig, sie früh zu töten, damit der Teufel sie nicht holen kann.“ Am Anfang habe sie zwar noch geglaubt, es sei besser, sich selber umzubringen als ihre Kinder. Aber später sei ihr klar geworden, dass es nur eine Lösung gebe. „Was fühlen Sie für Ihre Kinder?“ - „Ich hasse sie nicht.“ – „Haben Sie sie geliebt?“ - Es folgt wieder eine lange Pause, während der Andrea Yates regungslos in die Kamera schaut. „Ja. Einige. Aber nicht auf die richtige Weise.“

Der Prozess bewegt ganz Amerika. Unter Tränen bezeugen die Mutter und der Ehemann der Angeklagten, wie anständig, religiös und aufopferungsvoll Andrea Yates stets gewesen sei. „Meine Tochter ist die liebevollste aller Menschen“, sagt die Mutter. Der Vater dagegen beschimpft die medizinische Gemeinschaft, von der seine Frau trotz klarer Symptome nicht adäquat behandelt worden sei. Die Verteidigung wiederum kritisiert den ignoranten Ehemann, der trotz der Krankheit seine Frau mit den Kindern alleine gelassen habe. Feministinnen und Gesundheitsorganisationen schließlich beschuldigen die Gesellschaft, eine Krankheit wie die postpartale Depression mit Tabus zu belegen.

Und der Chor der Stimmen schwillt täglich lauter an. Im linksliberalen Magazin „The New Republic“ wird als einzig wirksame Maßnahme die Zwangssterilisation empfohlen. Der Staat müsse dafür sorgen, dass Andrea Pia Yates niemals wieder schwanger werde, heißt es. In der „Washington Post“ dagegen kritisiert eine Kommentatorin die Leichtfertigkeit, mit der das Verbrechen der Angeklagten entschuldigt werde. „Nehmen wir nicht zu voreilig an, dass Mütter grundsätzlich keine Kindsmörder sein können?“ Vielleicht sei sie Beides: „schuldig und krank, eine Killerin und eine Psychopathin“.

Sie saß vor dem Bett und betete

Am Dienstag hielten Verteidigung und Staatsanwaltschaft in dem kleinen, medienüberfüllten Gerichtssaal ihre Schlussplädoyers. Jetzt beraten die zwölf Geschworenen. Seit Beginn des Prozesses wurden sie von der Außenwelt abgeschirmt, um von der erregten Stimmung nicht beeinflusst zu werden. Sie dürfen nicht nach Hause, leben in einem Hotel und dürfen nur im begrenzten Umfang Fernsehen gucken. Wusste die Angeklagte, dass sie ein Verbrechen begeht? Als die Polizei am 20. Juni eintraf, saß Andrea Yates vor ihrem Bett und betete.

Doch selbst, wenn die Juroren ein Einsehen haben: Bis ans Ende ihres Lebens wird diese Frau leiden. Das sagen Experten, die sich mit der Krankheit befasst haben. „Sobald die Patientinnen in vollem Umfang realisieren, was sie getan haben, werden sie von neuen Depressionen gequält, die noch heftiger sein können als die Halluzinationen zuvor“, sagt Xavier Amador, der an der Columbia University in New York unterrichtet. Amador hat fünf Frauen behandelt, die in psychotischem Zustand ihr Kind töteten. Keine davon wurde wieder gesund.

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