Zeitung Heute : An einem Tag das Pensum von drei Wochen

Übereifer und Aufschieberitis: Vier HU-Studenten berichten von ihren Erfahrungen im ersten Semester.

Freunde finden,
Freunde finden,Foto: alle Rechte

„Anfangs hab ich gar nichts verstanden“, gesteht Lilith. Die 21-jährige BWL-Studentin startete im Herbst 2011 ihr Studium an der Humboldt-Universität und hatte erst mal so gar keinen Plan. Aber sie hatte Glück, erzählt Lilith, sie kannte Leute aus dem dritten Semester, die haben ihr vieles erklärt: Wie man Stundenpläne erstellt, Gebäude findet oder im Internet Kurse belegt. Eine Erfahrung, die auch viele Andere bestätigen: Die wichtigste Hilfe in den ersten Uni-Wochen sind die Studienkollegen.

„Man muss Freunde finden“, sagt Philipp (22), „alleine an der Uni herum zu rennen, bringt nicht viel.“ Wenn man alleine zu einer Vorlesung geht und sich sagt: „Da wartet ja keiner auf mich“, lässt man sie schon mal ausfallen. „Soziale Kontrolle“ funktioniert auch beim Lernen vor Prüfungen – in der Gruppe geht es einfach leichter.

Die neu gewonnene Freiheit birgt eben ihre Tücken. Das hat auch Laura erfahren müssen, die im vierten Semester Sozialwissenschaften studiert: „Man muss damit klarkommen, dass man plötzlich für vieles selber verantwortlich ist und auch die Freiheit hat, gewisse Dinge nicht zu tun, also zum Beispiel Veranstaltungen zu besuchen.“ Das könne jedoch schnell Überhand nehmen, weiß die 21-Jährige aus eigener Erfahrung: „Ich habe so eine Aufschieber-Mentalität, die Quittung bekommt man dann am Ende, wenn die Arbeiten in die Semesterferien hineinragen und man alles noch mal lernen muss.“ Da ist Willenskraft und Durchhaltevermögen gefragt.

Selbstdisziplin sei auch in Physik dringend nötig, findet Viertsemester Lars: „Es ist ein sehr schweres Fach und man muss viel nacharbeiten.“ Sonst drohe der Studienabbruch wegen Überforderung. Der Stundenplan des 21-Jährigen sieht 22 Semesterwochenstunden vor, ohne Nacharbeit. Seine Empfehlung ist eindeutig: „Man sollte im ersten Semester nicht sofort viele Sport- und Sprachkurse nebenbei belegen, sondern sich lieber erst mal stur an den Stundenplan halten.“ Stimmen also die Mythen von proppevollen Stundenplänen und verschultem Bachelor-Studium? „Also, ich schaffe es nicht in der Regelstudienzeit“, sagt Philipp, „aber so verschult finde ich den Bachelor eigentlich nicht.“

Lilith sieht es anders, sie habe sich im ersten Semester an den empfohlenen Stundenplan gehalten. Interessante Seminare abseits der eigenen Fachrichtung zu belegen, hätte den Plan gesprengt. Unterschiede zur Schule gebe es aber schon: „Früher kamen die Lehrer zu dir in den Klassenraum, heute läufst du mit hundert Anderen durch die Uni und suchst die Dozenten und ihre Räume“, meint die BWL-Studentin lakonisch. Und natürlich sei die Informationsflut im Gegensatz zu früher eine ganz andere, meint Philipp: „Was man früher in drei Wochen gelernt hat, lernt man jetzt an einem Tag.“

Auch für Laura war der Wechsel von Schule zu Studium nicht reibungslos: „Anfangs war es ein totales Chaos“, sagt sie. Sie war nach dem Abitur eine Weile in Guatemala, ist dann überstürzt nach Berlin gezogen, hat nicht sofort eine Wohnung gefunden und ist bei einer Freundin untergekommen. Nach der langen Auslandsreise sei es schwierig gewesen, „wieder in eine Lernroutine rein zu kommen.“

Problemlos war der Übergang in den Uni-Alltag hingegen für den Physikstudenten Lars: „Ich habe in der Orientierungswoche eine Einführungsfahrt mitgemacht. Da wurde eigentlich alles Wichtige erklärt und man konnte sich viel mit älteren Studenten und Professoren unterhalten.“ Dabei wurden viele Fragen zur Studienorganisation gleich am Anfang geklärt. Philipp empfiehlt die Campus-Führungen für Erstsemester – „dann findet man sich gleich besser zurecht“.

Etwa ab der Mitte des ersten Semesters sei auch bei ihr langsam etwas mehr Ruhe und Routine ins Studium gekommen, sagt Laura: „Ich hab mir zuerst viel Stress gemacht, alles furchtbar ernst genommen und gedacht, dass nichts von meiner Arbeit gut genug war – aber das ist wohl normal.“ Irgendwann lerne man auch, was man weglassen kann. Aber vielleicht, sagt Laura, sei es sogar ganz gut, erst einmal nicht ganz so gelassen ans Studium heranzugehen. Erik Wenk

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