Zeitung Heute : An Gott kommen wir nicht vorbei

DEUTSCHES THEATER Alize Zandwijk bringt die Tetralogie „Joseph und seine Brüder“ auf die Bühne.

PATRICK WILDERMANN

John von Düffel ist der Kopf, ich bin nur der Bauch“, scherzt Alize Zandwijk. Die niederländische Regisseurin hat den Dramaturgen und Dramatiker zum Gespräch mitgebracht. Für den Fall, dass ihr trotz exzellenter Deutschkenntnisse unerwartet die Worte fehlen sollten. Und natürlich auch, weil von Düffel die Bühnenfassung der Thomas-Mann-Tetralogie „Joseph und seine Brüder“ erstellt hat, die Zandwijk jetzt inszeniert. Die vier Bände, zwischen 1933 und 1943 veröffentlicht, umfassen 1600 Seiten, die Düffel-Version ist gerade von 130 auf 100 Seiten verschlankt worden. „Nicht, weil es unser olympisches Bestreben wäre, einen ,Joseph’ in 90 Minuten zu machen“, lächelt er. Vielmehr habe Alize Zandwijk, mit der er schon mehrfach am Hamburger Thalia Theater zusammengearbeitet hat, „ein gutes Gespür dafür, wo die Archetypen Manns nur Redner ihrer selbst sind und nicht die Sache vorantreiben“.

Der Stoff bleibe ein Epos, betont die Regisseurin. Und mit entsprechendem Atem wolle sie auch von der Odyssee des Joseph erzählen, dem als eitlem Lieblingssohn des Jaakob der väterliche Segen gewiss scheint. Weswegen ihn die eigenen Brüder aus Neid in den Brunnen werfen und anschließend als Sklaven nach Ägypten verkaufen. Hier steigt er zum Traumdeuter des Pharaos und schließlich zum Ernährer und Wirtschafter des Landes auf. Nur der ersehnte Segen wird ihm verwehrt bleiben.

Klar, räumt Zandwijk ein, könne man heute anders als zu Thomas Manns Zeiten keine fundierten Kenntnisse der alttestamentarischen Motive voraussetzen. Sei auch nicht nötig, findet die Regisseurin. In ihren Augen kreist der „Joseph“-Zyklus schlicht um urmenschliche Themen, um Hochmut und Betrug etwa oder darum, „geliebt zu werden oder nicht“. Kurzum, die Geschichte funktioniere auch ohne Glauben. Obwohl Zandwijk der Ansicht ist: „Wir kommen an Gott nie ganz vorbei.“ Am RO Theater in Rotterdam, das die 50-Jährige seit 2006 als künstlerische Direktorin leitet, hätten sie sich gerade einen Text des Dramatikers Oscar van Woensel vorgenommen. Den Rederausch eines Süchtigen, der unentwegt über den Herrn fabuliere.

Für die Regisseurin bedeutet die „Joseph“-Inszenierung eine Rückkehr zu mythischen Wurzeln. Früher, erzählt Zandwijk, die schon mit 18 das Regiestudium in Kampen aufnahm, sei sie für die antiken Tragödien entflammt gewesen. Mittlerweile liege ihr die gegenwärtige Wucht einer Dea Loher näher, von der sie „Diebe“, „Unschuld“ und „Das letzte Feuer“ inszeniert hat. Oder sie nimmt sich einen Film wie Ulrich Seidels schonungsloses Vorstadtpanorama „Hundstage“ vor und macht daraus ein eigenwilliges Tanz- und Musiktheater über das Motiv der Demütigung.

Das niederländische Theater, betont von Düffel, habe unsere Bühnenlandschaft enorm beeinflusst. Umso tragischer, dass bei den Nachbarn derzeit der Kulturkahlschlag wütet, was auch Zandwijk mit großer Sorge beobachtet. Zumindest ihr eigenes Haus ist derzeit nicht bedroht, glücklicherweise.

Mit dem RO praktiziert Zandwijk in Rotterdam ein bewundernswert direktes Verständnis von Stadttheater. Wenn sie sich einen Stoff wie das Familiendrama „Verbrennungen“ des libanesischen Autors Wajdi Mouawad mit ihrem multikulturellen Ensemble vornimmt, dann im Blick darauf, dass „in Rotterdam zu 65 Prozent andere Kulturen leben“. Oder sie setzt eine Produktion wie „Mütter“ gleichberechtigt neben „King Lear“ auf den Spielplan. Eine Stückentwicklung mit iranischen und irakischen Frauen aus Rotterdam, die ausgehend vom Thema Mutterschaft aus der eigenen Biografie schöpfen.

„Die Stadt“, sagt Zandwijk, „steckt voller Geschichten“. Und die erzählt sie mit Verstand und Herz gleichermaßen.

PATRICK WILDERMANN

Premiere 5.4., 19.30 Uhr. Auch 6., 12. und 21.4.

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