Zeitung Heute : An jeder Haltestelle wartet eine neue Lebensgeschichte

Busfahrer müssen Menschen mögen und viel Toleranz haben. Aniko Beer pendelt zwei Mal wöchentlich von der Oberpfalz nach Berlin und zurück.

Die Erste macht das Licht an. Aniko Beer (22) ist in ihrer Branche noch in der Minderheit. Sie ist Busfahrerin bei MeinFernbus. Hier steht sie am ZOB in Berlin. Foto: Mike Wolff
Die Erste macht das Licht an. Aniko Beer (22) ist in ihrer Branche noch in der Minderheit. Sie ist Busfahrerin bei MeinFernbus....

Es ist noch früh, halb acht, langsam nur wird es hell an diesem Montagmorgen und die Leute stehen schon Schlange bei Aniko Beer. Die junge Frau hält ein Smartphone in ihren Händen mit den frisch manikürten Fingernägeln, jeden einzelnen Namen hakt sie in ihrem Gerät ab, dann steigen die Fahrgäste in den Bus. Gleich ist Abfahrt vom Berliner ZOB nach Ludwigshafen. „Sind Sie für den Check-in zuständig?“, fragt ein junger Mann mit einem großen Rucksack auf dem Rücken. Aniko Beer nickt. Und freut sich insgeheim schon auf die großen Augen des Fahrgastes. Denn sie setzt sich gleich ans Steuer des zwölf Meter langen Busses mit den 50 Plätzen. Aniko Beer ist die Busfahrerin. Auch wenn die 22-Jährige nicht so aussieht.

Seit vier Jahren arbeitet die junge Frau in ihrem Beruf. Sie lebt in der Oberpfalz und pendelt zwei Mal in der Woche nach Berlin und wieder zurück, mit ihrem knallgrünen Bus und ihrer dazu passenden knallgrünen Jacke. Mit 18 hat sie eine dreijährige Ausbildung zur Berufskraftfahrerin begonnen, den Führerschein der Klasse D gemacht, in einem Betrieb im Büro gearbeitet, und auch eine Station in der Werkstatt gehörte zum Lehrplan dazu. Wenn der Bus mal eine Panne hat, weiß sie, was zu tun ist. Zum Glück ist das bisher noch nicht vorgekommen. Genauso wenig wie abfällige Kommentare von Fahrgästen. Was sicherlich an ihrer pragmatischen, gelassenen Art liegt.

Aniko Beer bringt nichts aus der Ruhe. Was am meisten Spaß am Beruf macht? „So ein großes Teil fahren“, sagt sie prompt. „Und Menschen etwas Gutes tun.“ Aniko Beer fährt sie von A nach B. Und wer will, kann mit ihr ein kleines Schwätzchen während der Pause an einer der vier Stationen auf der langen Fahrt in den Süden halten. Denn wer bei ihr mitfährt und warum, das interessiert die Fahrerin sehr. „Das sind nicht nur Studenten. Auch ältere Ehepaare, die ihre Kinder besuchen. Oder Kinder, deren Eltern getrennt leben.“ Ganz gemischt. Wenn man so will, transportiert Aniko Beer mit jeder Busladung eine Menge Lebensgeschichten. „Wenn ich an die Haltestelle fahre und die ganzen Leute auf mich warten“, sagt sie, „dann ist das ein tolles Gefühl.“

Mit Menschen muss aber jemand können in diesem Beruf. Die einen muss man ermahnen, dass sie ihr Gepäck nicht in den Mittelgang stellen, die anderen wollen im Stau bei Laune gehalten werden. Das Berufsbild eines Busfahrers pendelt zwischen Unterhalter und Kontrolleur – das Fahren bleibt dabei stets die Hauptaufgabe. Wenn gar nichts mehr weitergeht auf der Autobahn, schenkt Aniko Beer Kaffee für alle aus. Und Nörglern begegnet sie mit erstaunlich viel Toleranz. „Jeder hat mal einen schlechten Tag. Da muss ich über meinen Schatten springen. Der wird schon einen Grund für seine Laune haben.“

Viel unterwegs sein, neue Landschaften und Regionen kennenlernen, das macht ihr Spaß. Dass sie nicht so oft zu Hause ist, bei ihrem Freund, war ihr von vorneherein klar. „Man braucht schon einen Partner, der das respektiert“, sagt die Bayerin. Abbringen lässt sie sich nämlich nicht mehr. „Ich habe meinen Traumberuf gefunden.“

Dass Aniko Beer die geborene Busfahrerin ist, stimmt sogar irgendwie: Ihre Eltern führen ein eigenes Busunternehmen. Der Vater hat sie und ihre Mutter oft auf Reisen mitgenommen. Auch ihre beiden älteren Geschwister, ein Bruder und eine Schwester, arbeiten im Familienbetrieb mit. Frauen sind in dem Beruf gleichwohl noch eine Minderheit.

In ihrem Ausbildungsjahrgang gab es nur zwei Azubinen unter zwanzig Männern. Das Unternehmen MeinFernbus, der Marktführer in Deutschland, für den Aniko Beer fährt, arbeitet mit 45 Busunternehmen deutschlandweit zusammen, unter ihnen sind etwa dreißig Fahrerinnen. „Noch mehr Frauen würden die Branche beleben“, sagt Aniko Beer. Gerade jetzt, seit der Marktliberalisierung, brauche das Geschäft Nachwuchs. Auch weiblichen. Anna Pataczek

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