Zeitung Heute : An Jürgen Hesse Berater im Büro für Berufsstrategie

Mein Chef sagt, ich soll kündigen

An Jürgen Hesse

Ich arbeite seit zehn Jahren in einer Event-Agentur, zuletzt war meine Tätigkeit drei Jahre lang durch Elternzeit unterbrochen. Nun arbeite ich wieder 24 Stunden in der Woche in einer leitenden Position. Doch meine Aufgaben sind eigentlich nur durch ständige Überstunden zu erledigen. Die kann ich wegen meines Kindes nicht immer leisten. Jetzt hat mir mein neuer Vorgesetzter zu verstehen gegeben, dass er es am liebsten hätte, wenn ich kündigen würde. Ich will meine Stelle nicht aufgeben. Wie soll ich mich verhalten?

Sie sind wieder bei Ihrem „alten Unternehmen“ und stellen fest: alles hat sich verändert. Plötzlich sind Sie sind in eine sehr schwierige Situation geraten. Nun muss man wissen, es gibt Branchen (die Event-Branche gehört sicher dazu) in denen eine Vollstelle 150 Prozent der Zeit in Anspruch nimmt. Ihre 24 Wochenstunden stehen also leider nur auf dem Papier… das hätten Sie eigentlich aus langjähriger Erfahrung in dieser Branche wissen müssen. Dass nach Ihrer Rückkehr die Karten anders verteilt sind, ist leider ein Schicksal, das nicht so selten ist, wie man es sich wünscht.

Bis jetzt, schon fast ein ganzes Jahr, haben Sie offensichtlich trotzdem tapfer durchgehalten. Kompliment, dennoch sei die Frage gestattet: Können und wollen Sie das auch für die nächsten 12 Monate? Verfügen Sie über die notwendigen Kräfte und den Durchhaltewillen oder ist jetzt nicht doch der Zeitpunkt gekommen, vernünftig zu verhandeln und einen neuen Status quo zu erzielen? Das könnte auf eine Trennung mit Abfindung hinauslaufen oder auf einen wirklich anderen Arbeitsauftrag und Wochenstundenumfang. Beides sicherlich für Sie verbunden mit einer finanziellen Einbuße. Wie realistisch dieses Verhandlungsziel ist, kann ich nicht beurteilen, mir schwant aber, in ihrer stressigen Branche ist eine Arbeitszeitreduktion nicht so einfach hinzubekommen. Vielleicht lässt sich Ihr Arbeitgeber darauf ein, dass Sie nur an drei Tagen kommen müssen, dafür aber voll da sind (falls Ihnen das möglich ist).

Was bleibt: Die Herausforderung, die Kinderbetreuung doch irgendwie anders zu organisieren oder der Rückzug und die berufliche Neuorientierung. Sicher sind die Aussichten als Teilzeitkraft auf dem angespannten Arbeitsmarkt nicht gut. Jedoch alles so zu belassen, wie es ist (Motto: Augen zu und durch, Ihr Kind wird älter!), geht eben auch nicht. Sie laufen Gefahr, krank zu werden und befürchten, Ihr Kind zu vernachlässigen.

Ihrer beider Gesundheit (physisch wie psychisch) sollte oberste Priorität haben. Dass Ihr Arbeitgeber für Ihre Situation wenig Verständnis zeigt, ist schade und traurig aber in kleineren Unternehmen leider eher die Regel. Wozu ich Ihnen rate: nachdenken, Zeit gewinnen und geschickt verhandeln, um den Teufelskreis doch irgendwie zu durchbrechen. Ein Patentrezept befürchte ich, gibt es nicht. Aber das wichtigste Gut ist nun mal die Gesundheit, was man meistens leider erst dann begreift, wenn hier Schädigungen aufgetreten sind. Foto: Thilo Rückeis

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