Zeitung Heute : An Jürgen Hesse Büro für Berufsstrategie

Bauchfrei zum Kunden?

An Jürgen Hesse

Ich arbeite als Projektassistentin in einem Großraumbüro, dass im Dachgeschoss der Firma liegt. Im Sommer ist dort die Hitze kaum auszuhalten, so dass ich nie weiß, was ich anziehen soll. Kann ich beispielsweise bauchfrei, mit Sandalen oder im Minirock kommen - auch wenn ich Kontakt zu Kunden habe und meiner Karriere nicht schaden will?

Mal angenommen Sie sitzen nicht ganz entspannt ob der Dinge, die da auf Sie zukommen im Zahnarztstuhl. Ihnen nähert sich ein ordentlich brust- und beinbehaarter Mann in Bermuda-Shorts und mit freiem Oberkörper aber mit Plastik-Handschuhen und Mundschutz, der sich als Ihr Zahnarzt vorstellt, Sie freundlichst begrüßt und bittet den Mund zu öffnen.

Oder Sie wollen sich in einem Telefonladen Ihres Vertrauens nach neuen Handy-Tarifen erkundigen und eine mit Bikini und Badetuch bekleidete junge, gutaussehende Frau lächelt Sie an, und fragt Sie als erstes, ob Sie vielleicht auch ein Eis mögen.

Es geht aber auch anders: Sie wollen abends an der Tankstelle noch eine Zeitung und eine Tüte Milch kaufen und der Kassierer sitzt in Bergmannskleidung mit dem typischen Grubenlampen-Helm und verlangt die Kohle, pardon, Ihr Geld.

Ziemlich bizarr diese Vorstellungen, und doch illustrieren sie, worum es geht. An der Kleidung erkennen und unterscheiden wir Menschen. Den Bäcker vom Arzt, den Schornsteinfeger vom Bestatter. Beide in weiß beziehungsweise schwarz, aber doch eben ein bisschen anders. Die Glaubwürdigkeit, genauer die Kompetenzzuschreibung würde sofort Schaden nehmen, wenn wir die verschiedenen Berufsgruppen nicht mehr identifizieren könnten.

Und deshalb: keine Bekleidungsexperimente im Job! Und Sie wissen es ja auch, dass trotz ungemeiner Hitze im Großraumdachgeschoss-Büro ein zu legeres Outfit Ihnen als Projektassistentin karrieretechnisch schaden könnte. Egal ob Kundenkontakt stattfindet oder Sie n u r mit Kollegen und Vorgesetzten zu tun haben. Wie würden denn diese auf Sie wirken, wenn sie in Badehose beziehungsweise Bikini oder Schaffneruniform oder Malerkittel erschienen? Vielleicht würden Sie ja nur denken: Ist schon wieder Fasching? Und den Fehler noch bei sich suchen (Stichwort: Gedächtnis, Zeitsprung). Wenn nicht Schlimmeres.

Die Frage nach dem passenden Bekleidungsstoff, worin Sie weniger schwitzen, sich auch bei Hitze noch relativ wohl fühlen, wird Ihnen sicherlich gerne in einschlägigen Fachgeschäften beantwortet. Und auch wenn ich nicht weiß, wie es Ihnen steht: Bauchfrei, Minirock und Sandalen gehören eindeutig nicht an den Arbeitsplatz. Selbst bei der größten Hitze nicht. Das heißeste Wetter kühlt sich meistens schnell wieder ab, darauf können Sie sich in diesen Breitengraden verlassen, ein angeknackstes Image ändert sich dagegen bedeutend langsamer. Foto: Thilo Rückeis

– Haben Sie auch eine Frage?

Dann schreiben Sie uns:

E-Mail:

Redaktion.Beruf@tagesspiegel.de

Postanschrift: Verlag Der Tagesspiegel,

Redaktion Karriere & Beruf,

10876 Berlin

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar