Zeitung Heute : An Jürgen Hesse Büro für Berufsstrategie

Wie viele Praktika muss ich machen?

An Jürgen Hesse

Ich hoffe, dass Sie mir einen Rat geben können, wie ich nach vielen absolvierten Praktika endlich eine feste Stelle finde. Bereits während meines Studiums habe ich drei Praktika absolviert. Da mir nach dem erfolgreichen Uni-Abschluss stets nur befristete Praktika angeboten wurden, habe ich diese in der Hoffnung auf eine mögliche feste Anstellung angenommen. Doch nach nun insgesamt fünf Praktika kommen mir langsam Zweifel und es fehlt mir auch die Motivation, noch ein weiteres Praktikum anzunehmen. Ich frage mich: Wie schaffe ich endlich den Absprung vom Praktikum zur Festanstellung?

Fünf Praktika führen Sie in Ihrer Verzweiflung an, schildern Ihr Schicksal und Motivationsverlust. Ich befürchte, Sie nicht wirklich trösten zu können und habe auch keinen Zauberspruch parat. Die Lage ist objektiv schwierig, Sie sind nicht allein! In der Arbeitswelt geht es nicht immer gerecht zu.

Etwas genauer betrachtet sind es nach dem Abschluss Ihres Studiums zwei Praktika, die Ihnen nicht den gewünschten Erfolg gebracht haben, in ein festes Arbeitsverhältnis hineinzufinden. Und wiederum etwas genauer betrachtet geben Sie als Ihr Ziel eine Festanstellung an. Genau dies ist nun wirklich für jeden Hochschulabsolventen heutzutage eine besonders schwierige Herausforderung, denn die Praxis sieht nach einer postuniversitären Praktikumszeit (1-6 Monate) eher eine Trainee-Stelle (12-18 Monate) und dann einen befristeten Arbeitsvertrag (etwa 2 Jahre) vor statt gleich und ohne Umweg eine Festanstellung.

Sie mögen dies beklagen, der Arbeitsmarkt ist aber nun einmal so. Arbeitsplatzanbieter sind sich ihrer starken Position bewusst, können ihre Eingangsbedingungen diktieren und wählen Bewerber sehr, sehr kritisch aus, bei gleichzeitig ängstlicher Zurückhaltung, was personelle Neuengagements anbetrifft. Aber auch diese Zeiten werden sich ändern, wenig Trost jetzt für Sie, dennoch gut zu wissen!

Bleibt noch als Ansatzpunkt Ihre Firmen-Auswahl und berufliche Selbstpräsentation: Was für potenzielle Arbeitsplatzanbieter haben Sie ausgewählt, die Ihnen eine Festanstellung nach der Praktikumszeit in Aussicht stellten und Sie dann doch verabschiedeten? Oder: Was ist während dieser „Erprobungszeit“ schiefgegangen? Was hätte besser laufen können, sodass Ihre berufliche Performance einen überzeugenderen Eindruck hinterlassen hätte?

Sicherlich ist es jetzt verkehrt, sich mit Selbstvorwürfen zu plagen, trotzdem bleibt es für Sie wichtig, aus den Erfahrungen zu lernen. Warum denn sonst ein Praktikum machen, und obendrein noch eins, das schlecht bezahlt wird? Übrigens auch ein Warnkriterium für Sie, sich Ihr Engagement vorher gut zu überlegen. Denn in der Tat, ein Praktikum von etwa sechs Monaten nach Uni-Abschluss ist heute die Regel, zwei noch kein Problem, aber mehr als drei sind wirklich nicht gut zu rechtfertigen. Jetzt haben Sie ja fast die Praxis, die man Ihnen als frischer Hochschulabsolvent (zu Recht?) abspricht. Was bleibt, ist Ihnen neben Daumendrücken und viel Glück zu wünschen, noch einmal vor Augen zu führen, dass es immer zwei gibt, die an diesem Prozess beteiligt sind. Einen kennen Sie recht gut, sich selbst, den anderen sollten Sie schneller kennen- und besser einschätzen lernen. Sich als billige Aushilfskraft quasi ausnutzen zu lassen, nichts oder doch sehr wenig zu lernen, sich nicht richtig ausprobieren zu dürfen, wäre wirklich blöd. Außerdem sollten Sie so auch nicht mit sich umgehen lassen. Foto: promo

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