Zeitung Heute : An Stelle der Stellen

Der Pakt ist da – eine Garantie für einen Ausbildungsplatz ist er aber nicht. Was junge Leute erwartet

Cordula Eubel

Der Ausbildungspakt ist geschlossen. Was bedeutet die Einigung für Auszubildende?

Mit dem Ausbildungspakt verpflichten sich Bundesregierung und Wirtschaft, in Zusammenarbeit mit den Ländern „allen ausbildungswilligen und ausbildungsfähigen jungen Menschen ein Angebot auf Ausbildung zu unterbreiten“. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass jeder Jugendliche im Herbst zum Beginn des Ausbildungsjahres eine Lehrstelle erhält.

Die Wirtschaft sichert der Bundesregierung nur zu, dass sie in den nächsten drei Jahren im Jahresdurchschnitt 30000 neue Lehrstellen schafft. „Das ist keine Garantie für zusätzliche Ausbildungsplätze“, erläutert Reinhard Göhner, Hauptgeschäftsführer bei der Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände (BDA). „Das ist ehrlich. Jedes andere Versprechen wäre getäuscht und getrickst.“ Um die Betriebe vor Ort zu bewegen, neue Stellen zu schaffen, wollen Industrie- und Handelskammern sowie die Handwerkskammern zusätzlich 800 Ausbildungsplatzwerber beschäftigen, die durch die Unternehmen touren.

Wie viele Lehrstellen es insgesamt in der deutschen Wirtschaft im Herbst geben wird, ist noch nicht absehbar. Mit den neuen Ausbildungsplätzen soll vor allem kompensiert werden, dass an anderer Stelle welche wegfallen – etwa wegen Insolvenz, aus wirtschaftlichen Gründen oder wegen der Verlagerung eines Unternehmens ins Ausland. Es kann also durchaus passieren, dass für die Bewerber nicht genügend Ausbildungsplätze vorhanden sind – trotz des Pakts. Die Gewerkschaften befürchten, dass viele Bewerber am Ende leer ausgehen werden – wie schon in der Vergangenheit. 2003 ging die Zahl der betrieblichen Ausbildungsplätze um 15000 Stellen im Vergleich zum Vorjahr zurück – das sind 2,5 Prozent. In diesem Jahr soll mit dem Pakt zumindest die Lehrstellen-Gesamtzahl bei etwa 500000 konstant bleiben.

Nach dem Vorbild des regionalen Ausbildungskonsenses in Nordrhein-Westfalen sollen Kammern und Arbeitsagenturen bis Ende des Jahres in Nachvermittlungsaktionen versuchen, zusätzliche Lehrstellen aufzutreiben. Voraussetzung ist, dass die Jugendlichen aktiv mitwirken. Wer zum Termin bei der Arbeitsagentur oder der Kammer nicht erscheint, wird nach individueller Prüfung aussortiert – und zählt in der Statistik nicht mehr als unversorgt. Bereits ab September tauschen Kammern und Arbeitsagenturen die Daten über die bis dahin nicht vermittelten Jugendlichen aus.

Schwer vermittelbare Jugendliche, die ein schlechtes Zeugnis oder gar keinen Schulabschluss haben, sollen zumindest eine Einstiegsqualifizierung erhalten. Dabei handelt sich um ein Praktikum von sechs bis zwölf Monaten. Geplant sind 25000 solcher Praktika, zunächst in zehn Schlüsselbranchen: Dazu zählen Bau, Handel, Gastgewerbe, die Metall- und Elektroindustrie sowie das Druckgewerbe. Die Praktika werden zwar nicht wie eine Lehrstelle entlohnt, können aber aus Sicht der Wirtschaft zumindest ein Einstieg in einen Ausbildungsplatz sein. Die Bundesagentur für Arbeit zahlt den Praktikanten für den Unterhalt etwa 200 Euro Taschengeld im Monat. Der Arbeitgeber erhält eine Vergütung in Höhe von 90 Euro für die Sozialversicherungsbeiträge. Die Qualifizierung kann auf die Dauer einer späteren Berufsausbildung angerechnet werden.

Auch der Bund will mehr tun: 2004 soll es 20 Prozent mehr Ausbildungsplätze geben als 2003. Die Gelder für Ausbildungsverbünde werden aufgestockt. Das Bund-Länder-Ausbildungsprogramm Ost soll fortgesetzt werden, mit dem 14000 betriebsnahe Lehrstellen in Berlin und den neuen Bundesländern gefördert werden.

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