Zeitung Heute : Andere Augen – ein Fotolesetasthörbuch

Die Diplomarbeit eines FHTW-Studenten baut Brücken zwischen Blinden, Sehbehinderten und Sehenden – und nach Norwegen

Gisela Hüttinger

Am Ende brauchte er ein neues Wort, um die Arbeit benennen zu können – vielleicht das deutlichste Indiz dafür, dass der 27-jährige FHTW-Student etwas schuf, was es in dieser Form noch nicht gegeben hat. Ein „Fotolesetasthörbuch“ kreierte Gregor Strutz zum Abschluss seines Kommunikationsdesignstudium an der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft. Es trägt den Titel „Andere Augen“ und ist für Blinde, Sehbehinderte und Sehende zugleich gemacht. Je nach Sehvermögen und Interesse begeben sich die Leser via Braille- Schrift, einer Audio-CD oder 50 großformatigen Fotografien auf die Reise nach Norwegen. Die Konzeption, Gestaltung und Produktion des Buches nahm eineinhalb Jahre in Anspruch und wurde von mehreren Stiftungen gefördert.

Die Entstehungsgeschichte seines Projekts erzählt Gregor Strutz gerne. Das liegt auch daran, dass es die Geschichte einer, genauer gesagt zweier guter Freundschaften ist. Freundschaftliche Beziehungen verbinden ihn seit einigen Jahren mit den beiden Hauptpersonen des Buches: einem 37-jährigen Bauern in Mittelnorwegen, der als Albino von Geburt an nur über zehn Prozent Sehstärke verfügt, sowie einem 46-jährigen Lehrer in Trondheim, der seine Sehfähigkeit im Laufe der Kindheit völlig verloren hat.

Dem Milchbauern und seiner fünfköpfigen Familie ging Strutz als frischgebackener Abiturient und später als Student in vielen Semesterferien auf dem Hof zur Hand – eine Art sprachinteressierte Sommerflucht aus der Großstadt. Den Gymnasiallehrer für Geschichte, Sozialkunde und Norwegisch und seine Hündin Happy lernte er bei einem dieser Aufenthalte kennen. Wie beide Männer trotz massiver Sehbehinderung beziehungsweise völliger Blindheit ihren Job ausfüllen, ebenso selbstverständlich wie souverän, das beeindruckte den angehenden Grafikdesigner mit Schwerpunkt Fotografie. Irgendwann nahm er die Kamera in die Hand, um diese andere Normalität in Form von Bildern einzufangen. 650 Fotos schoss er auf zwei Reisen, nunmehr schon mit Förderung der Studienstiftung des Deutschen Volkes sowie der norwegisch-deutschen Willy-Brandt-Stiftung – und der Perspektive, die Aufnahmen in seiner Diplomarbeit zu verarbeiten.

Die Fotos begleiten die beiden Norweger in ihrem Alltag. Da werden Kühe gemolken, ein Zaun repariert, Einkäufe erledigt, Schulstunden gehalten. Die Kamera geht nah heran, die Farben sind intensiv, die Atmosphäre dicht. Das kann man sehen – und hören. „Arilds Hand in Großaufnahme. Sie streichelt über das Fell einer Kuh. Das Fell glänzt im Licht, es sieht weich und sauber aus. (...) Wir spüren den warmen Geruch, der von der Kuh ausgeht.“ Zu jeder der 50 meist großformatigen Aufnahmen gibt es prägnante Bildbeschreibungen auf der Begleit-CD. Strutz textete sie zusammen mit zwei Germanistikstudentinnen, nachdem er recherchiert hatte, wie sich Fotografien für Blinde bestmöglich beschreiben lassen. „Farben konnten wir zum Beispiel weglassen“, erzählt er. Denn für die meisten Blinden sind Farbinformationen mangels Seherfahrung wertlos.

Zusammen mit Interviews, in denen er mit Arild Röland und Terje Karlsrud ebenso offen wie sensibel über das Thema Behinderung spricht, entstand ein umfangreiches Textwerk zum Bildband, das Strutz erst übersetzt und dann mit Hilfe von vier Schauspielern in Tonstudios in Leipzig und Berlin eingelesen hat. Professionell abgemischt liegen nunmehr vorzügliche Tonaufnahmen von zwei Stunden und 37 Minuten vor. Sie sind speziell für Blinde gedacht, doch der FHTW-Absolvent ist überzeugt, dass die CD’s auch Sehende anregen werden, eine Vorstellung von der Wahrnehmung Blinder zu bekommen.

Eine besondere Herausforderung war der Druck des Buches. Schließlich sind die Produktionsverfahren des herkömmlichen Offset-Drucks und des Blindenschriftdrucks völlig gegensätzlich. Auch zeigte sich, dass nicht alle Blinden in der Lage sind, die geprägte Blindenschrift zu lesen, weshalb eine zusätzliche Lautumschreibung erfolgen musste. So manches Mal saß Gregor Strutz im Zug nach Leipzig, um mit der Deutschen Zentralbücherei für Blinde (DZB) die Barrierefreiheit seines Buches zu erörtern. Auf viele Fragen gab es Antworten, doch selbst die DZB hatte keine Erfahrungen, welche Papiere sich sehbehindertengerecht bedrucken und zugleich mit Blindenschrift beprägen lassen. Nach diversen Experimenten fand Strutz schließlich ein handelsübliches Papier, das die Anforderungen erfüllte und finanzierbar war. Den Hersteller gewann er dabei als Projektsponsor, ebenso die DZB, die 30 Bücher zu sehr günstigen Konditionen herstellte.

Ohne die Unterstützung von Sponsoren hätte das Projekt ohnedies nicht realisiert werden können. Wenn man Gregor Strutz danach fragt, zieht er seine Kostenübersicht aus der Tasche, auf der feinsäuberlich Spenden von Stiftungen, Verbänden und Unternehmen vermerkt sind. 78 Briefe hat er geschrieben und Unterstützung im Wert von rund 5000 Euro zusammengebracht. Die Idee, eine gemeinsame Publikation für Sehende, Sehbehinderte und Blinde zu kreieren, die darüber hinaus eine Brücke nach Norwegen schlägt, hat viele sofort beeindruckt. Das beharrliche Engagement und die Kreativität des 27-Jährigen nicht minder. Von Sponsoren wird es auch abhängen, ob den exklusiven 30 Exemplaren von „Andere Augen“ weitere folgen werden. Eine kleine Auflage von 500 bis 800 Bücher produzieren zu können, ist die stille Hoffnung von Gregor Strutz. Er würde sie gerne Blindenverbänden und Bibliotheken zur Verfügung stellen. Denn ein Fotolesetasthörbuch gibt es in ihren Regalen bislang nicht.

Mehr Infos im Internet:

www.andereaugen.de

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