Zeitung Heute : Andere Länder, andere Punkte

Die Idee des Dualen Systems ist in ganz Europa erfolgreich

Heiko Schwarzburger

Die Deutschen sind Exportweltmeister, auch beim Grünen Punkt: In 22 europäischen Staaten wird das Symbol mittlerweile verwendet. Knapp 100 000 europäische Unternehmen haben die Lizenz erworben, ihn auf ihre Verpackungen aufzudrucken. Im Jahr 2003 waren damit europaweit 460 Milliarden Produkte markiert. Doch die nationalen Rechtsvorschriften und Erfassungssysteme weichen zum Teil erheblich voneinander ab.

In Österreich gibt es, ähnlich wie in Deutschland, keine gesetzliche Verpflichtung, das Label zu verwenden. Der Grüne Punkt, der im Alpenland übrigens nur „der Punkt“ genannt wird, wird vom ARA-System genutzt, das mit mehr als 450 Kommunen und Abfallverbänden Verträge geschlossen hat. Es erfasst Verpackungen in den Haushalten, aus dem Handel und der Industrie. Die Österreicher sammeln emsig: „Die Pro-Kopf-Sammelmenge aus den Haushalten steigt weiter an“, erläutert Christian Stiglitz, Vorstand der ARA AG. „Wir passen die Behälterausstattung und den Abfuhrrhythmus den örtlichen Bedürfnissen an, möglichst haushaltsnah. Mit einer hohen Behälterdichte bieten wir für Privathaushalte und Wirtschaft ein sehr bequemes Sammelsystem.“ Das ARA System stellte den acht Millionen Einwohnern 2003 mehr als eine Million Behälter zur Verfügung. Die Zahl der Haushalte, die ihre Leichtverpackungen in gelbe Säcke warfen, erreichte 1,19 Millionen. Im Jahr 2002 führte ARA rund 645 000 Tonnen Verpackungsmaterial in den Rohstoffkreislauf zurück.

Frankreich ist ungleich größer und dichter besiedelt. Auch die sechzig Millionen Franzosen sammeln ihren Verpackungsmüll getrennt, nach den Farben wie in Deutschland. Insgesamt 53 Millionen Menschen haben Zugang zum Erfassungssystem von Eco-Emballages, dem Pendant zum Dualen System bei uns. 95 Prozent aller Haushaltsverpackungen sind mit dem Grünen Punkt gezeichnet. Die Sammlung erfolgt ausschließlich für Privathaushalte, Unternehmen sind von dem System ausgeschlossen. Eco-Emballages erfasste und verwertete rund drei Millionen Tonnen, etwas mehr als die Hälfte aller anfallenden Verpackungen.

In Schweden kümmert sich das Entsorgungssystem Repa um die Verpackungsabfälle. Der Grüne Punkt ist nicht Pflicht. „Bei uns sind Unternehmen, die Verpackungen oder verpackte Produkte herstellen, verkaufen oder importieren für die Verwertung der Verpackungen selbst verantwortlich“, erläutert Mikael Ankers, Direktor von Repa in Stockholm. „Die Verantwortung der Produzenten erstreckt sich auf alle Verpackungen aus dem Verkauf, dem Transport und der Industrie, auf sämtliche Materialien wie Kunststoff, Metall, Glas, Papier, Karton, Wellpappe und Holz.“ Ebenfalls gesetzlich vorgeschrieben ist eine Pfandpflicht für Getränkedosen und PET-Flaschen. Die Lizenznehmer der Repa decken rund neunzig Prozent des schwedischen Verpackungsmarktes ab. „Es werden bei uns zwei verschiedene Sammelsysteme betrieben“, sagt Mikael Ankers. „Eins für Verbraucher und eins für Unternehmen, Krankenhäuser oder Restaurants.“ Derzeit sind knapp 7000 Recyclingstationen in Betrieb, also eine auf 1200 Einwohner.

Um die Produzenten noch stärker in die Pflicht zu nehmen, hat das schwedische Umweltministerium Anfang dieses Jahres die Vorschriften verschärft. Hersteller und Kommunen müssen fortan stärker kooperieren, um die Verpackungen und Druckerzeugnisse zurückzuführen. „Unser Ziel ist es, allen Haushalten einen guten Service zu bieten“, begründete Umweltministerin Lena Sommestad die Novelle, die sich vor allem in den entlegenen und bergigen Regionen Mittel- und Nordschwedens auszahlen wird. „Strengere Auflagen für Verpackungsproduzenten und Verlage werden den Service deutlich erhöhen.“ Schweden hat neun Millionen Einwohner, Repa erfasste rund 643 000 Tonnen Verpackungen.

Durch die Erweiterung der Europäischen Union ist auch das Verwertungsgeschäft in Osteuropa, im Baltikum und auf dem Balkan in Schwung gekommen. In der Slowakei wird das Erfassungssystem Envi-Pak vor allem durch die Kommunen finanziert. „Unser System erfasst alle Arten von Verpackungen“, erklärt Peter Krasnec, Generaldirektor von Envi-Pak in Bratislava. „Der Schwerpunkt liegt auf der Getrennterfassung von kommunalen Verpackungsabfällen. Dazu zahlen wir einen finanziellen Beitrag an die Kommunen.“

Bislang sind zwischen zwanzig und dreißig Prozent des Landes mit Sammelstellen abgedeckt. „Wir beabsichtigen, flächendeckend in der Slowakei tätig zu werden.“ Das Land hat 5,4 Millionen Einwohner, in 2780 Städten und Gemeinden. 700 von ihnen schlossen bislang einen Vertrag mit Envi-Pak. Jeder Slowake verbraucht im Jahr 164 Kilogramm Verpackungen, sammelt aber nur 8,2 Kilogramm wieder ein. Insgesamt fallen in den Haushalten 1,4 Millionen Tonnen an. Envi-Pak sammelte im Jahr 2002 rund 350 000 Tonnen. Der Manager hat weit gesteckte Ziele: „Wir wollen die gesetzlichen Quoten auch mit gewerblichen Verpackungsabfällen aus dem Handel und der Industrie erfüllen.“

In Tschechien begann die Erfassung der Verpackungen relativ früh. Das System Eko-Kom wird von der Wirtschaft finanziert, 19 000 Unternehmen sind als Mitglieder registriert. Eko-Kom sammelt Verpackungen aus den Haushalten und der Industrie, 250 000 Tonnen im vergangenen Jahr. Tschechien hat zehn Millionen Einwohner in mehr als 2000 Gemeinden.

Ganz anders machen es die Briten: Auf der Insel konkurrieren mehr als zwanzig regionale oder auf Branchen spezialisierte Verwertungsunternehmen um alle Arten von Verpackungen. Die Hersteller, Abfüller und Vertreiber müssen bei ihnen Verwertungsnachweise kaufen. Die Überwachung liegt bei den Umweltbehörden. Wer welches Material wo und wie an die Verwerter zurückführt, bleibt den Unternehmen selbst überlassen. Systeme zur getrennten Erfassung der Verpackungen in Haushalten gibt es nicht. Auch Pfand auf Flaschen und Dosen ist unbekannt. Im Jahr 2002 entstanden in Großbritannien etwa 9,9 Millionen Tonnen Verpackungsabfälle.

Europas Grüner Punkt im Internet:

www.pro-e.org

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