Zeitung Heute : Andererseits gibt’s Glück

250 Menschen wollten in Europa ein neues Leben anfangen. Doch das Schiff, auf dem sie Afrika verließen, kam nicht an. Vor Tunesien sank es. Nicht das erste Unglück. Und trotzdem kommen immer mehr Flüchtlinge über das Mittelmeer. Warum nur gehen sie das Risiko ein?

Christoph Link[Nairobi]

FLUCHT IN DIE KATASTROPHE

Noch ist nicht klar, aus welchen Ländern Schwarzafrikas die vermutlich 210 Opfer der jüngsten Schiffskatastrophe vor der tunesischen Küste stammten. Das Schiff war mit 250 Flüchtlingen an Bord am Freitag gesunken, 12 Tote wurden geborgen, 41 Menschen aus dem Meer gerettet. Viele so heißt es, kamen aus den Staaten südlich der Sahara. Schon lange existieren die Schleichwege gen Norden und selbst der ölreiche Staat Libyen, von dem das Unglücksboot offenbar ablegte, ist ein bekanntes Ziel für illegale und legale Wanderarbeiter. Libyen hat einen Bevölkerungsanteil von einigen 100000 Schwarzafrikanern.

Während die Helfer noch nach Überlebenden suchten, landeten weitere 100 Flüchtlinge mit einem anderen Schiff auf der Insel Lampedusa, südlich von Sizilien. Sie sind wohlauf. Doch was treibt die Menschen, den beschwerlichen Weg in eine ungewisse Zukunft auf sich zu nehmen?

Fast jedes Jahr machen sich Trecks vom Nordwesten des Sudans aus in Richtung Libyen, um dort illegal einen Job als Handwerker, Bauarbeiter, Hausjunge oder Küchenhelfer anzunehmen – und fast jedes Jahr verdursten Menschen, die für die Schlepperbanden hohe Summen bezahlten, auf dem Weg durch die libysche Wüste. Eine ganz offizielle Route nehmen die Busse, die vollgepackt mit Wanderarbeitern aus Nigeria oder der Elfenbeinküste über Agadez im Niger die Durchquerung der Sahara wagen, um nach Libyen zu gelangen. Auch sie haben hohe Vermittlungsgebühren zahlen müssen. Aber in Libyen grassiert gegenüber den Schwarzafrikaner latenter Fremdenhass und im Jahr 2000 kam es zu brutalen Übergriffen, bei denen die arabischen Bürger in den Vorstädten Tripolis und Bengasis mindestens 70 Gastarbeiter aus dem Tschad, Nigeria und Sudan töteten und Tausende verletzten.

Rettungsanker Europa

Europa oder die USA aber scheinen vielen Afrikanern als der Rettungsanker vorzukommen und Finanzdienstleister wie die „Western Union Money Transfer“ werben in afrikanischen TV-Sendern für einen Traum, die Geldüberweisungen: Da schreibt ein Afrikaner in einem Industriestaat einen Scheck aus, und daheim im Dorfe kann die glückliche Ehefrau das Bargeld entgegen nehmen. Wie viele Afrikaner jedes Jahr von den Drehscheiben Marokko und Libyen die Auswanderung nach Europa versuchen, darüber gibt es nur Schätzungen. Einen Anhaltspunkt geben Zahlen aus Italien, wonach von Anfang Januar bis zum 11. Juni dieses Jahres 5200 Afrikaner die illegale Überfahrt gewagt hatten.

Allein ein Blick auf die Wirtschaftszahlen einiger Staaten südlich der Sahara erhellt die Misere. Länder wie Sudan, Tschad, Niger und Mali gehören zu den Bettlerstaaten der Welt, sie haben Bruttosozialprodukte von 180 bis 310 US-Dollar pro Jahr und Kopf. Allein Senegal mit 490 US-Dollar pro Jahr und Kopf ragt etwas über den Durchschnitt heraus. Aber selbst im wohlhabenden Senegal regiert in vielen Landstrichen die blanke Armut. Die Erdnussplantagen sind in der Hand von wenigen reichen Mouriden, islamischen Gelehrten, die ein Heer von abhängigen Landarbeitern fast sklavenartig halten. Wer es dennoch schafft, seinen Kindern eine Schulausbildung oder gar den Besuch einer Universität zu finanzieren, der entlässt die Jung-Akademiker später häufig in die Arbeitslosigkeit. „Fast jeder“, so vertraute der senegalesische Schuldirektor Amadou Kane aus Tiouvane kürzlich dem BBC an, „versucht nach Italien auszuwandern.“ Selbst die über 40-Jährigen versuchten jetzt wegzugehen, oft kämen sie zurück mit Geld, bauten dann neue Häuser. Es sei nicht so, dass jeder unbedingt emigrieren wolle, doch die hohe Arbeitslosigkeit lasse den Menschen keine andere Chance. „Die Leute sehen, was hier vorhanden ist und das lässt ihnen keine Wahl. Nach der Schule bleibt ihnen nichts. Sie könnten heim gehen und die Felder hacken, aber dafür haben sie doch nicht gelernt.“

Sie wollen eine Chance

Fehlende Chancen in Schwarzafrika sind die treibende Kraft für die Auswanderung. Es sind nicht die Allerärmsten, die Hungernden oder die Ungebildeten, die den Schritt wagen. Das zeigen schon die hohen Summen – von 1000 bis 4000 Euro – die für die marokkanischen oder tunesischen Schlepper für Transfer und gefälschte Visa aufgebracht werden müssen und die Erspartes in Höhe von einigen Jahreslöhnen voraussetzen. „Emigration ist eine schwere Entscheidung. Nur die Stärksten gehen“, sagt Johannes Pflegerl vom Österreichischen Institut für Familiestudien. Kriminalität, Korruption, Rechtsunsicherheit und hohe Arbeitslosigkeit lassen Millionen von Afrikanern an ihren eigenen Staaten verzweifeln. Und immer noch suchen bewaffnete Konflikte den Kontinent heim.

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